YouTube und Sevenload:
Wer die Anreize richtig setzt

Youtube kündigte gestern die Ausweitung seines Partnerprogramms auf Deutschland an. Wir schauen uns an, was Youtube unabhängig von diesem Programm alles anreiztechnisch richtig macht. Im Gegensatz zum deutschen Konkurrenten Sevenload.
So schnell kann’s gehen: vor drei Tagen haben wir auf Bertram Gugels lesenswerte Analyse zur Monetarisierbarkeit von YouTube und anderen Videoportalen in Deutschland verwiesen, und gestern kündigt YouTube nun die Ausdehnung des Partnerprogramms auf Deutschland und Frankreich an.
Zur Erinnerung: In seinem Artikel beschreibt Bertram Gugel sehr schön die Zurückhaltung von YouTube im Platzieren von Bannern und die fast völlige Abstinenz von sonstigen Werbemitteln. Anders als hiesige Anbieter vermarktet YouTube neben einigen Verwertungs-Specials nur Übersichtsseiten und die Kanäle von Partnern.
Während man Bertrams Umsatzprognosen wohl nur ein wenig nach oben adjustieren muss, ist und bleibt YouTube für Google ein formidables Verlustgeschäft und ist eher als strategische Investition zu verstehen. Immerhin: es geht um die Platzhirschschaft bezüglich der Zukunft des Bewegtbildes, so verändert dieser Zug einen anderen nicht zu unterschätzenden (aber in Überlegungen und Bewertungen oft ausgeklammerten) Faktor enorm: die Motivation der User hochwertigen (oder besser: auf der Plattform funktionierenden) Content zu produzieren.
Wenn man vom egoistisch-rationalen User ausgeht, dann wird dieser zu der Plattform neigen, die ihm den grössten Wert offeriert. Für den konsumierenden Benutzer spielen Faktoren wie Qualität und Quantität der Inhalte, Usability, Community, usw. eine Rolle. Es ist ein nobrainer: die Plattform mit den besten Inhalten (was gut ist, ist natürlich subjektiv), der angenehmsten und unaufdringlichsten Erfahrung und der attraktivsten Community wird gewinnen.
Für den produzierenden Benutzer sind andere Kriterien wichtig: wie viele Zuschauer kann man generieren, welchen Einfluss kann man ausüben, wie viele Abonnenten hat der Channel, wie ist die Usability für die Zuschauer, wie lebendig ist die Community, wie kann man die eigenen Videos anderswo einbetten und wiederverwenden und gegebenenfalls: wieviel kann man damit verdienen?
Diese beiden Benutzersichten hängen natürlich miteinander zusammen. Der produzierende Benutzer ist besser damit beraten, sich auf der Plattform niederzulassen, auf der sich auch die konsumierenden Benutzer tummeln. Die konsumierenden Benutzer tummeln sich dort, wo es mehr und interessantere produzierende Benutzer gibt.
Wenn man jetzt sevenload und YouTube vergleicht, dann macht - bei allem Lokalpatriotismus, den ich gerne aufbringen würde - sevenload alles falsch und YouTube alles richtig.
Auf der Startseite von sevenload sticht vor allem hervor, dass mehr als alles andere diverseste Kanäle promotet werden. Diese Kanäle sind sevenloads Interpretation von Premium Content (das sevenload-Blog wird nicht müde, Tag für Tag den neuesten Kanal vorzustellen). Alleine: sie sind es nicht. Es mag sich darin die eine oder andere Perle verstecken, und ich bin jetzt zu faul eine statistische Auswertung der durchschnittlichen Views und Subscriber zu machen, aber ich liege, glaube ich, mit der Einschätzung nicht völlig daneben, dass dort vor allem die wenig ambitionierte Durchschnittlichkeit kultiviert wird und einiges an Werbematerial wiederverwendet wird, das sich freiwillig niemand auf einer Verkaufsveranstaltung anschauen würde. Mit 200 Fans und 500.000 Aufrufen insgesamt - Zahlen die aus YouTubes Sicht Erdnüsse sind - ist man auf sevenload schon ein Kanal-Superstar.
Das wäre jetzt auch nicht weiter schlimm, nur promotet sevenload diese Kanäle auf Kosten der ganz normalen Videos der ganz normalen User. Die Startseite von sevenload widmet 3,5% des Platzes den normalen Uservideos, YouTube hingegen etwa 42%, also 12x soviel (Daten vor dem Relaunch, aber ich glaube es hat sich nicht viel verändert).
YouTube lässt Premium-Content Premium-Content sein und fördert vor allem die freie Ausdifferenzierung der Videos auf einer freien Betrachtwirtschaft. Man kann sich sicher darüber lustig machen, welche Videos 500.000 mal angeschaut wurden oder 5.000 Kommentare bekamen oder welche Channels 10.000+ Subscriber haben usw., aber rein pragmatisch betrachtet verstärkt YouTube das, was auf der Plattform funktioniert, verhindert aber auch nichts, was weniger gut funktioniert oder nur Gruppen mit spezifischen Interessen anspricht.
Und um zum Thema zurückzukommen: YouTube bietet den erfolgreich produzierenden Benutzern, egal ob das Profi- oder Hobby-Content ist, die (nicht nur, aber auch aus der Monetarisierungsperspektive betrachtet) wesentlich attraktivere Plattform und also mehr Anreize, YouTube zu verwenden und hochwertige Inhalte dort zu publizieren. Wer sich als erfolgreich herausstellt, der hat dann dort auch mehr davon, als irgendwo sonst. Aber es bietet gleichzeitig auch den weniger ambitionierten Produzenten (also fast allen) die lustigere und unaufdringlichere Plattform. Und das spiegelt sich irgendwann aber unaufhaltsam auch im Verhalten wieder. Alexa Statistiken sind immer mit etwas Vorsicht zu geniessen, aber sevenload hat in den letzten 3 Monaten ein Minus von 27% Reichweite, während YouTube auf ohnehin schon hohem Niveau ein Plus von 7% Reichweite hat.
Fairerweise muss man erwähnen, dass das Geschäftsmodell von sevenload eher im Bereich B2B (whitelabel-Lösungen, Playerbranding, etc.) angesiedelt ist und dass sie dort wohl sogar profitabel arbeiten, aber die Gelegenheit eines der wichtigsten Medien überhaupt disruptiv zu verändern und zu besetzen -und die hatten sie-, haben sie wohl gründlich vergeigt.
» Mehr lesen: sevenload (6), Video (2), YouTube (17)
» Nächster Artikel: Innovationszyklus sozialer Netzwerke: Warum Web-2.0-Startups ihre Existenzberechtigung verlieren
» Älterer Artikel: Tatort 2.0: Mordort und CrimeBlips
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7 Kommentare zu diesem Artikel
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Matthias
Ich würde deinen Beobachtungen zustimmen, nur bei der Analyse der Hintergründe bist du etwas sparsam. Warum?
Die Logik ist doch simpel:
1. Werbespots sind audiovisuelle Kunstwerke, die in Traumwelten spielen, die nichts mit der Realität zu tun haben
2. Diese Art von Werbespots funktionieren nur in Umfeldern, die ein etwas niedrigeres Niveau haben als die Spots. Etwas niedriger, damit das besondere der Werbung rauskommt. Aber auf keinen Fall zuviel, sonst wird es lächerlich
3. Eine typische Vorabendserie mag also z.B. “niveaulos” sein, weil die Dialoge grauenhaft einfältig sind, die optische Präsentation ist es nicht - überdurchschnittlich schöne Menschen bewegen sich in Ikea-Einrichtungsaragements - genau das richtige, um eine Baccardi-Traumwerbung da draufzusetzen (noch schönere Menschen, noch blaueres Blau…). Das ist Premiumcontent. Der wird für Werbung hergestellt, die Leute die das machen sind nicht blöd, die wissen schon was sie tun und daß das funktioniert.
4. Usergenerated WEB 2.0 Content - das sind häßliche (=normale) Menschen vor Webcams, die dummes Zeug reden, etwa das gleiche wie in der Vorabendserie. Aber es sieht sch**se aus und hört sich auch so an. In diesem audiovisuellen Umfeld würden Spots nicht funktionieren, selbst dem letzten würde klar werden, daß da was nicht stimmt.
5. Werbekunden wollen “Premiumcontent” aus der Fernsehwelt
6. User wollen Usercontent, den aus der echten Welt, den anderen haben sie ja im Fernsehen
7. User-generated Content kann man nicht verkaufen. Der Premiumquatsch hat kaum abrufe
Daraus folgt: Youtube hat tiefe Taschen, und läßt das erstmal so laufen, gibt den Usern was die User wollen. Sevenload hat keine tiefen Taschen, und muß den vermarktbaren Content pushen. Funktioniert natürlich nicht besonders. Schadet der Reichweite usw. Läßt sich aber nicht ändern.
Markus Spath
Schöne Beschreibung der Funktionslogik von Werbespots.
Bzgl. des ‘Läßt sich aber nicht ändern’: genau das ist doch der in sevenload quasi eingebaute Fehler. Sie spielen noch nach der Logik des vom Werbespot diktierten Formats. YouTube hingegen stellt einfach gänzlich neue Spielregeln auf. Und wird die Werbetreibenden zwingen, sich - mit ihren Formaten, mit ihrer gesamten Denkweise - anzupassen oder in der Irrelevanz zu verschwinden. (analog etwa zum Übergang von zweiseitigen Hochglanzads zum atomisierten AdSense.)
Daniel Niklaus
Habt ihr eine Ahnung vom Filmemachen oder von TV-Spots? Anhand eurer versnobten Kommentaren sieht es nicht danach aus. :-)
Toni
Youtube hat Masse und Sevenload hat Klasse! :)
Alexander
Ich bin 100% für YouTube!
Dort ist einfach alles besser..
Doris Chabi
Sagen wir’s mal so: wer versucht sevenload mit YouTube zu vergleichen hat einen falschen Ausgangspunkt gewählt und keine Ahnung von nichts… oder lohnt es sich überhaupt San Marino mit den USA zu vergleichen? Ich fasse es nur sehr sehr kurz zusammen: andere Reichweite, andere Gesetze, anderes Budget. Aber viel guter Wille und es könnte wahrscheinlich mehr von konstruktiver Kritik als von vernichtenden argumentativ armen sinnlosen Kommentaren profitieren auch zugunsten der Users. Hat der US-Wahnsinn diesen Blog auch schwer angesteckt, dass man viel sagt um davon abzulenken, dass man sich eigentlich ziemlich wenig Gedanke über die präkäre Argumentation gemacht hat? Zumindest gibt sevenload das Gefühl, es gibt echte Menschen die dort arbeiten… sogar wenn ich nichts gegen YouTube habe. Ausserdem sind Statistiken nicht gerade die Zuverlässigsten, sonst müsste ich mindestens 6 geschiedenen Freunde in meinem Kreis haben. Wer die dumme Scheidungsstatistik kennt versteht schon der Witz…
Markus Spath
Doris, ich vergleich doch nicht YouTube mit Sevenload. Ich überlege nur, wo würde ich als User hin und warum. Ich mag Sevenload, über jeden konkreten guten Grund wäre ich dankbar. Würde mich freuen, wenn eine stattliche Liste an Gründen zusammenkäme.