Alex Frei steht wieder auf:
Fussball-Telenovela

Ronnie Grob, 11. Juni 2008 10:09 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Ein Schweizer Spieler verletzt sich bei der Euro 2008 am Knie – das Staatsfernsehen mischt Szenen aus dem Spiel mit der darauf folgenden Medienkonferenz zu einem Taumel der Gefühle.

Klaviermusik, Zeitlupe, Schwarzweissbilder … und Action:

Es passierte im Eröffnungsspiel, kurz vor der Halbzeit. Ein Zweikampf im Mittelfeld und der fast einzige Schweizer Spieler mit internationaler Klasse und Siegeswillen, Alex Frei, lag am Boden. Seiner Reaktion an war zu entnehmen, dass etwas unrettbar kaputt war und als er unter Tränen den Platz verliess, war allen klar, dass die Schweizer Fussballer, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, ihre eigene Europameisterschaft “aller Voraussicht nach am 15. Juni, nach den drei Vorrundenspielen“, so prophezeite es die nüchterne NZZ, beenden werden.

Nach dem Spiel schwieg Alex Frei. Aber an der Medienkonferenz nicht: “Ein Traum ist für mich zerplatzt” sagt er, und im Video des SF setzt sanft Klaviermusik ein. Er erzählt, er habe sein Knie gehört, er kenne seinen Körper und er habe gleich gewusst, dass es jetzt vorbei sei für ihn. Zwei Nächte habe er kaum geschlafen, aber seine Familie und seine Freunde hätten “Tränen getrocknet”.

Dann sagt er diese grossartigen Worte:

Manchmal fällt man hin im Leben. Und man kann liegenbleiben – oder kämpfen und wieder aufstehen. Und Champions stehen wieder auf.

Ist der Beitrag zu Ende, fragt man sich, warum kein Telenovela-Abspann folgt.

Ich weiss gar nicht recht, ob ich die Inszenierung des SF für ein Glanzstück halten soll oder für kitschigen Blödsinn. Für ein Glanzstück spricht der Mut, aus einer traditionell eher gehemmten Nation eine Gefühlsnation machen zu wollen. Gegen ein Glanzstück spricht die Hochstilisierung der Verletzung eines einzelnen Spielers zum “Knie der Nation”. Auf der Suche danach hab ich einen schönen Blogeintrag von 2006 gefunden, in dem sich der Schreiber fragt, warum sich eigentlich niemand für seinen angerissenen Meniskus interessiert:

Die Tschechen reden über Dominik Haseks Knie. Die Schweizer hyperventilieren wegen dem Knie von Stéphane Lambiel. Ich habe auch ein Knie!

Ich habe auch ein Knie, sogar zwei. Hat nicht fast jeder ein Knie?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. Karsten Kübler
    schrieb am 11. Juni 2008 um 18:01 Uhr (#)

    Was für ein sinnfreier, zynischer Kommentar! Eine echte Frechheit. Tip: Löschen!

  2. Mick
    schrieb am 11. Juni 2008 um 18:31 Uhr (#)

    Der Kommentar hat mich gefreut. Ich brauchte nicht mal die SF-Inszenierung, mich hat schon der Schauder gepackt, als ich die pathetischen Worte am Radio hörte. Möglicherweise ist das aber weniger ein Problem der Sportler als der immer absurderen Gleichstellung von Sport- und Welt-Informationen. Auch wenn den Sportfans die emotionale Gleichstellung nicht auffällt: Kriege mit Toten und Fussballspiele mit Verletzten konstrastieren in jedem Newsbulletin auf fast schon perverse Art.

  3. arbiter
    schrieb am 11. Juni 2008 um 20:10 Uhr (#)

    Brot und Spiele war gestern. Tittytainment heißt die neuzeitliche Version. Auf dem Weg dorthin kommen ALLE Medien prima voran. Sie werden auch das Web in diese Richtung konditionieren.

  4. Matthias
    schrieb am 10. September 2008 um 20:35 Uhr (#)

    Ich fang gleich an zu heul. Was soll denn der Scheiß bitte. es verletzen sich täglich tausende von Spielern und wenn Frey sich verletzt geht die Welt gleich unter. wenn die Schweiz keine Spieler hat um Frey zu ersetzen, ham ses auch nicht verdient weiter zu kommen.

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