Hans Dichand:
Österreichs Kronfolger

Krude Zeitung mit klarem Ziel: Bei dem österreichischen Boulevardblatt Kronenzeitung wird Meinung gemacht, erst dann kommt die Rendite.

Gibt es auf dem Boulevard überhaupt Unterschiede? Oder ist es überall der gleiche Zucker, der dem großen Affen ‘Publikum’ zu schmecken hat? Ich denke, diese Unterschiede gibt es – ein Gedanke, der mir vor allem immer dann kommt, wenn ich – allerdings nur sporadisch mal – Dichands Kronenzeitung neben die Bild-Zeitung halte.

Die Bild ist ein typisches ‘Push-Medium’, um es marketingtechnisch auszudrücken: Die hochweise Redaktion beschließt, was der mindere Pöbel morgen denken soll, und dann wird mit allen Tricks der Rhetorik, der Headline-Gestaltung und der Propaganda die ideologische Leimrute mit der patentierten Mixtur aus dem entsprechenden Honigtopf bestrichen. Ein Verfahren, das sich seinen Markt erst schaffen will, das regelmäßig auch mal schief geht, siehe zuletzt die Bundestags- oder Hessenwahlen, das aber unverdrossen als der Weisheit letzter Schluss den Mantraschrein der Redaktion schmücken darf. Dort halten sich alle unverdrossen für große ‘Meinungsmacher’, egal, was die depperten Gehirnforscher ihnen zum Thema der Unvorhersagbarkeit jeder Manipulation erzählen.

Dichand verfährt anders – seine Kronenzeitung ist ein typisches Pull-Medium:

Dort nehmen sie die – auch nicht immer angenehmen – Ansichten kleiner Leute zunächst einmal zur Kenntnis und richten dann die Berichterstattung an deren krausen Gedanken aus. So aberwitzig sieht das Blatt dann oft auch aus: blanke Kulturfeindschaft, Heimatstrudeleien und Ansichten aus den 50er Jahren gemischt mit reichlich Sex and Crime. Auch die zahllosen Kehrtwendungen der Krone hin zu Haider und wieder zurück zur SPÖ sind in meinen Augen gar nicht anders zu erklären, als mit diesem redaktionellen Hinterherschnüren auf den Spuren von ‘Volkes Willen’. Wo die Bild sich gewissermaßen die genormten Schweine erst heranzüchten möchte, verfährt die Krone wie der Sautreiber, der sich im Koben am Vorhandenen bedient – also in den Kneipen und Beiseln der Wiener und Klagenfurter Vorstädte. Ja – bei dem Hans Dichand wäre ich noch nicht einmal erstaunt, wenn der am Ende gar noch zum Kommunisten würde: Vorausgesetzt, seine Zielgruppe, der ‘kleine Mann’ nämlich, marschierte in dieser Richtung voran.

Äußerlich sind sich beide Zeitungen ähnlich: Kübelweise Sex und Nackertes, jede negative Meldung ‘kriagt a Hex’, so dass der Redakteur alles schön personalisieren kann, und wer das Wort ‘Struktur’, ‘Wissenschaft’ oder ‘Sachzwang’ gebraucht, der wird auf der Stelle erschossen: Jedes Gewitter bekommt seinen Wettermacher, am besten mit Foto – und die böse, böse Mutter betrachtet mit ihrer 14-jährigen Tochter das ganz, ganz schlimme Pornobild. Da schüttelt es erwünschtermaßen den empörten Fiakerkutscher vor geheimer Lust, während er beiden über die Schulter glotzt …

Hans Dichand, der als Unternehmerssohn zunächst einen sozialen Abstieg sondergleichen verkraften musste, sich urplötzlich in einer Barackensiedlung wiederfand, der später dann als ‘Sailor’ à la Ringelnatz in allen Häfen der Welt zu Hause war und dort seinen literarischen Geschmack an John Knittel, Zane Gray und Jack London schulte, der ist trotz seines Alters früher als andere unter die Blogger gegangen. Bei ihm kann man sehr schön einen ‘personalisierten Stil’ studieren, der ohne Helden und Schurken nicht mehr auskommen mag, der alle Politik auf unbedachte Sätze, unüberlegte Taten oder andere Dummheiten zurückführt. Kommunikation bewegt hier buchstäblich die Welt vom Caféhaus aus, und das ist im Falle der Krone auch nicht ganz falsch, weil sie immerhin eine der mächtigsten Zeitungen Europas wurde. Holt dort die Redaktion einmal tief Luft, dann ist das Ministerium meist ‘gone with the wind’. Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die ‘Gugelhupf-Affäre‘, dann läuft es in Felix Austria doch genau so.

Natürlich bleibt Hans Dichand immer ein ‘Ösi at heart’, weshalb seine Zeitung in Deutschland niemals reüssieren könnte. Wenn er sich darüber echauffiert, dass Fälle wie Fritzl oder Kampusch plötzlich einem spezifisch österreichischen Charakterdefekt zugeschrieben werden, dann ist seine Empörung über die bösen Medien, von denen er sich durch die Hintertür – abrakadabra! – selbst exkulpiert, mehr als nur Tartuffe, sie ist typisch austriakisch:

“Wenn man verschiedentlich mit dem moralischen Zeigefinger zum Ausdruck bringen will, was da einige Male geschehen ist, sei nicht gerade zufällig ausgerechnet bei uns passiert, ist das beleidigend und ungerecht. Kritisiert mag lediglich werden, dass es gewissen Zeitungen bei uns offenbar darum geht, Unfassbares voyeuristisch zu servieren. Das Böse wird auf diese Weise widerlich zur Schau gestellt. Damit glaubt man vergessen zu können, dass wir doch seit langem die Zehn Gebote als Gesetz für unser Zusammenleben angenommen haben.”

Trotzdem: Meinungsmacht hin, Meinungsmacht her – was ich einem Hans Dichand hoch anrechne, das ist seine ‘redaktionsbildende Kraft’. Seit Jahren bleibt der Personalbestand seiner Krone annähernd gleich, bis auf die ‘natürlichen Abgänge’. Selten, dass jemand ‘frühpensioniert’ gehen muss, wie jener anrüchige Kronen-Kolumnist Staberl, der irgendwann allzu bräunlich daher halluzinierte. So entstand im Haus jenes ‘Stallbewusstsein’ einer eingespielten Mannschaft, das den Erfolg weiter auf die Spitze treiben konnte. Längst wird die Krone mit ihrem skurrilen Themenmix in allen Bevölkerungsschichten gelesen, auch auf dem Ring oder im Salzburger Festspielgetriebe. Eine redaktionelle Verbundenheit, von der all die dpa-genudelten Prekariats- und Contentschuppen des modernen Qualitätsjournalismus viel lernen könnten, auch ohne im Populismus zu baden, dort, wo er komisch duftet. Wie aber wäre es vielleicht mit dem guten alten Anarcho-Prinzip: Bildet Banden!

Auch die eingeschränkte Renditeorientierung ist in meinen Augen prägend für den Erfolg der Krone: Denn der Hans Dichand ist in den Augen von Unternehmensberatern schlicht dumm – ihm geht es primär um publizistische Macht, zu der er dann allerdings auch das nötige Kleingeld erwirtschaftet. Damit ist er ein ‘Old-School-Verleger’, ein letzter Mohikaner gewissermaßen, der sich noch daran erinnert, was eine Zeitung soziologisch ist: Ein Mittel nämlich, um Einfluss zu gewinnen. Darin unterscheidet er sich von einem Matthias Döpfner wiederum so, wie der von einem Axel Cäsar Springer. Der Dichand ist ein echter ‘Mover und Shaker’ geblieben …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Patrick
    schrieb am 3. Juni 2008 um 14:46 Uhr (#)

    seine blog-beiträge werden übrigens auch getwittert: https://twitter.com/HansDichand

  2. arbiter
    schrieb am 3. Juni 2008 um 15:31 Uhr (#)

    Hier trifft also Journalist `Alte Schule´ auf “Old-School-Verleger”, beruft sich auf soziologische Definition, was eine Zeitung eigentlich sei: “Ein Mittel nämlich, um Einfluss zu gewinnen.” Eben jenes Mittel, von dem geneigte Leser die Schnauze gestrichen voll haben, obwohl und gerade weil solch anmaßende Definition nicht einmal im Wort steckt. Der neue Ich-Jopurnalist und sein immer mühsam bemühter `neuer Qualitätsjournalismus´, hier vom Prekariat umzingelt, sieht den Ringelnatz-Wiedergänger Dichant als “echten Mover und Shaker”, der sich von Döpfner unterscheide wie dieser von Axel Caesar. Nun ist der geneigte Leser im/in Bild! Ist das jenes herbeigeredete Anarcho-Prinzip `Bildet Banden´: Ringelnatz-Dichant-Döpfner-Axel-C.-Klaus Jarchow? Oder ist das die Auffassung von Journalismus, der den Holzmedien abträglich, dem Web keineswegs zuträglich ist? Heiße Luft. Angenehm, heiße Meier. Vielleicht ist das aber doch alles nur dem Sommerloch geschuldet, oder frühe Hommage an Nessie.

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