Das Erfolgsgeheimnis von orf.at

Markus Kirchsteiger, 27. Mai 2008 11:38 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Am Design hat sich über die Jahre hinweg aber kaum etwas geändert – trotzdem bleibt das Portal des ORF unangefochtener Sieger in der Gunst der Internetuser. Was ist das Erfolgsgeheimnis von orf.at?

Screenshot ORF

Seit zehn Jahren veröffentlicht die österreichische Web-Analyse (ÖWA) die Reichweiten der am besten besuchten Onlinedienste Österreichs. Laut ÖWA surfen 40,1% der 4,57 Mio. Internetuser in Österreich orf.at an. Weit abgeschlagen folgen Krone.at (15,7%) und derstandard.at (14,9%).

Obwohl orf.at so erfolgreich ist, hat sich das Erscheinungsbild des Portals seit Jahren kaum geändert. Eyecatcher auf der Startseite sind immer noch rechteckige Bildchen mit weißen Headlines, die auf die Topstories verlinken. Darunter platziert sind Schlagzeilen aus verschiedenen Ressorts in schlichtem Design: schwarz und fett die Ressorts, weiß und unterstrichen die Headlines.

Was also ist das Erfolgsgeheimnis von orf.at? Sechs Thesen:

1.Übersichtlichkeit

Im Informationsdschungel des 21. Jahrhunderts schätzen auch viele Internetuser einfache und übersichtliche Websites. Zu viele Infos überfordern die Mehrheit der Besucher. Das schlichte und überschaubare Layout der orf.at-Startseite bietet eine gute Übersicht der wichtigsten aktuellen Themen und Nachrichten.

Die Bilder wirken emotional und werden umgehend im Gehirn verarbeitet. So weiß man oft schon lange, bevor man die Schlagzeile gelesen hat, ob man sich für das Thema interessiert. Will ich mehr wissen, klicke ich auf das Bild und bekomme mehr Infos. Zuerst eine Kurzzusammenfassung, die gleichzeitig als Lead fungiert und nach einem Klick auf ?Lesen Sie mehr? direkt in die Story führt.

Darüber auch wieder kleine Bildchen mit weißen Überschriften, die wie ein Dossier zu weiteren Geschichten zum selben Thema führen. Die Texte sind so gestaltet als ob man Zeitung lesen würde. Enge Spalten, kurze Absätze und Zwischentitel. Dazu kleine Grafiken, Bildchen oder Links am Ende.

Im Prinzip ziemlich einfach und nichts Neues. Seit der Erfindung des WWW kann man dieses Layout in einfachem HTML programmieren. Und dennoch erfüllt es seinen Zweck ausgezeichnet.

2.Kontinuität

Seit Jahren hat sich dieses Layout kaum verändert. Dieselbe hellblaue Hintergrundfarbe, Text in Schwarz, Headlines und Links in Weiß, kleine Bilder und Grafiken. Das kommt der Mehrheit der Leser entgegen: Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Wird das Layout einer Zeitung umgestellt, trudeln oft eine Menge an Beschwerdebriefen und Abbestellungen in der Redaktion ein. Auch im Internet, das für schnelle Veränderungen eigentlich prädestiniert ist, greifen viele User lieber auf das Gewohnte und Bekannte zurück, wenn es um zuverlässige Infos geht.

3.Unabhängigkeit

Regelmäßig entflammen über die politische Unabhängigkeit des ORF heftige Debatten. Im Fokus der Kritik steht aber meist das TV. Radio und Internet haben sich hingegen Freiräume von politischer Beeinflussung sichern können. Radio- und Internetredaktionen sind in den meisten ORF-Landesstudios zusammengelegt und können unabhängiger als ihre Kollegen vom Fernsehen agieren. Warum? Dem TV wird einfach größere Bedeutung beigemessen. Gegen unangenehme Berichterstattung in Radio und Internet wird daher selten interveniert. Und bei allen Themen, die nichts mit Innenpolitik zu tun haben, ist die Unabhängigkeit des ORF ohnehin gesichert.

4.Bekanntheit

Viele private Radiostationen und TV-Sender ärgert es, dass der ORF crossmediales Marketing macht. Wild umstritten sind zum Beispiel die TV-Programmhinweise für die ORF-Fernsehkanäle, die Österreichs meistgehörter Radiosender Ö3 täglich anpreist. Auf die ORF-Homepages verweisen TV und Radio ebenfalls gerne. Diese Werbung in eigener Sache scheint sich auszuzahlen.

5.Regionale Kompetenz

Österreicher lieben Regionalnachrichten. So verzeichnet die regionale Nachrichtensendung der ORF-Bundesländerstudios (täglich um 19 Uhr auf ORF 2) seit ihrer Einführung die höchsten Marktanteile und Zuschauerzahlen im TV. Bundesland heute ist seit Jahrzehnten unübertroffen. Daher traut man auch den regionalen Internet-Angeboten der Bundesländerstudios.

6. Entertainment für den Nachwuchs

Die richtige Mischung aus Infos und Unterhaltung (zu neudeutsch: Infotainment) liefert auch oe3.orf.at, die Website des Radiosenders Ö3. Die ist perfekt auf Jugendliche zugeschnitten – mit News über Promis, Popstars und Games. Auch der Chat, früher stark promotet auf oe3.orf.at, bindet die Jugend an das ORF-Angebot.

Das gut besuchte und beliebte Spiele-Portal games.orf.at musste der ORF vor einigen Jahren einstellen. Online-Games wie Vier Gewinnt, Backgammon und Schiffchen versenken waren mit dem öffentlich-rechtlichen Aufgabenbereich des ORF schwer zu vereinbaren. Für andere Angebote wie den Chat, E-Cards und Psycho-Tests könnte auch bald das Ende drohen. Fordert zumindest die EU-Kommission.

Schade für die Finanzen des ORF. Denn die Klickzahlen beweisen, dass die öffentlich-rechtliche Anstalt genau den Geschmack der Masse trifft.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. anonym
    schrieb am 27. Mai 2008 um 13:14 Uhr (#)

    Naja – die Frage ist nur was konsumieren die wirklich alle – orf.at ist in österreich ein Medium das in fast jedem Büro täglich von den Leuten angesurft wird wenn die Zeit – Totschlagen wollen :-) und man darf einfach net vergessen das die sehr viel werbung machen und zahlreiche subdomains haben usw. und die sicher alle in der statistik vereint wurden :-)

  2. Michael Neumayr
    schrieb am 3. Juni 2008 um 00:50 Uhr (#)

    Ich sehe die ORF Seite etwas differenzierter. Es gibt kaum selbst geschriebene/recherchierte Artikel. Meiner Meinung nach besteht zumindest die Hauptseite fast zur Gänze aus APA-Meldungen. Das ist zwar schnell, aber wirklich tolle journalistische Arbeit ist das nicht. Frag mal nach wie oft ein normaler ORF ON “Redakteur”, als solcher ist er nämlich gar nicht angestellt, die Redaktion verlässt.

    Natürlich gibt es Ausnahmen auch. Die Futurezone ist zum Beispiel sehr gut. Interessant ist hier, dass diese Artikel auch mit Namen unterzeichnen. Das findet man sonst auf orf.at nirgends.
    my2cents

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