Vorsicht, ein Trend geht um

Grandios dahinbrutzelnde Ideengewitter: “Karma-Kapitalismus” und “Selbstmarketing” sind die heißen “Buzzwords” auf Trendtagen.

Trend (Bild Keystone)Ach, diese Berichte von ‘Trendtagen’ machen mich immer ganz fusselig im Kopf. Kaum habe ich mich an den ‘Keynotespeaker’ gewöhnt, kommt schon der “Keynotspeaker” dahergestürmt, um mich über das “Identitätsmanagement” aufzuklären, weil’s in dem Punkt bei mir wohl haken soll, während ich an der nächsten Ecke schon wieder dringend helfen muss, die “Innovationskultur zu revolutionieren”. Generell soll wohl die ‘Sinnsuche’, auch ‘Identität’ genannt, zur neuesten Management-Aufgabe werden, der wir uns dann durch große ‘Reputations-Management-Portale’ (Peter Wippermann) irgendwie annähern können, um mit ihrer Hilfe das ‘Selbstmarketing’ – früher auch vulgär ‘Lebensziel’ genannt – zur Online-Perfektion zu treiben. Oder jedenfalls so ähnlich oder so …

Übrigens – all diese ewig dreißigjährigen Herren auf solchen Events tragen bei ihrer Sinnsuche mit Vorliebe schwarz und teuer, während sie höchst ‘interlecktüll’ durch dicke Hornbrillen zu gucken pflegen, ob nicht irgendwo ein fürwitziger Trend sein Näschen in den Wind der Zeit reckt. Die Damen stöckeln auf schwarzseidenem Gehwerk durch dies grandios dahinbrutzelnde Ideengewitter, angerichtet von personifizierten Think Tanks, Koryphäen und minderen Professuren, allseits von Buzzwords umschmeichelt, während über allem der “Karma-Kapitalismus” Triumphe feiert. “Every social problem is a business opportunity” – so das diesjährige Motto, das dann wohl am Beispiel von Somalia, Nordkorea und Simbabwe gewinnbringend durchdekliniert werden durfte.

Die Rezeption entsprach den Rezipienten. Eine besonders lustige Zusammenfassung dessen, was ihr dort geschah, gibt die Kreativfrau der PR-Firma Ketchum (‘Partnerin des Trendtages’) im mediacoffee-Blog. ‘Großartig’ fand Frau Sammer zunächst den Satz von Norbert Bolz: “Der Mensch steht im Mittelpunkt. Also im Weg”. Naja, kein Wunder: bei dem Gedränge dort. Bewundernd stand sie dann dem großen Richard Florida im Weg, dem Mann, der doch tatsächlich Marx’ Arbeiterklasse “fortschreibt” (Sammer), indem er unter anderem an der Zahl der Homosexuellen die Attraktivität einer urbanen Region bemessen zu können meint. Honi soit …

Mein Bedarf an Superlativen wurde aber schon bald durch die Lektüre der genretypisch höchst üppigen Sättigungsbeilagen vollauf gedeckt. Ein Underberg verschaffte mir Linderung: “Wichtigste Sätze”, “schönstes Wort”, “beste Beschreibung” … oha, oha! Alles in allem, und in Frau Sammers Worten:

“[Unsere Kreativen] sind an der Spitze angekommen und auch schon darüber hinweg”.

Ich übrigens inzwischen auch schon wieder …

Aber Donnerwetter! – bunt ist dieser Jahrmarkt ja, das muss man sagen. Norbert Bolz traf das allgemeine Lebengefühl dieser Leute, die sich gern als “kreative Klasse” bezeichnen, indem er tiefschürfend konstatierte: “Wenn wir in uns reinschauen, dann ist da nichts”. Vermutlich daher der überbordende Hang zu Äußerlichkeiten, zum Wenigstens-Etwas-Scheinen:

“Dein Partner zum Abendessen gibt dir mehr Status als die Rolex am Handgelenk”.

Damit ich vielleicht auch einmal auf diese Statushöhen gelange, deshalb habe ich Frau Sammer hier so genau gelesen. Schließlich lautete für sie das tollste Statement:

?If a reader is not in the story, he will not listen.?

Dass ich mir diesen Satz nicht zu Herzen genommen hätte, dass ich nicht ‘in ihrer Story’ gewesen sei, das kann mir nun wirklich niemand vorwerfen. Schon gar nicht Frau Sammer …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. arbiter
    schrieb am 26. Mai 2008 um 13:02 Uhr (#)

    Wie hat das Bertrand Russel für das 20. Jahrhundert so schön formuliert?: Faschismus und Kommunismus sind die dem Jahrhundert gemäßen Gesellschaftssysteme. Fürs 21te ist nur noch eins da? Jedenfalls ist der Mensch so oder so im Weg, besonders der, der nicht im Mittelpunkt steht. Karma -Kapitalismus ist offenbar so `ne Art überkandidelter Finanzfaschismus einer `besonderen Klasse´. Kann man nur hoffen, die dürfen für ihr Karma ordentlich was abstecken, obwohl das nie teuer genug sein kann. Allerdings wird da die Kohle auch wieder nur untereinander umverteilt. Die aber, die an der Spitze angekommen sind, wohin sie auch schauen, für die gehts in allen Richtungen nur noch bergab. Manchmal wünscht man ihnen dazu richtige Beschleunigung.

  2. Frank
    schrieb am 26. Mai 2008 um 15:25 Uhr (#)

    Diese Konsorten sind tatsächlich vollkommen merkbefreit. Die ideale Ergänzung zu Typen wie Ludewig.

  3. arbiter
    schrieb am 26. Mai 2008 um 15:41 Uhr (#)

    Wo ein Dieter Althaus Platz hat, kann ein Ludewig nicht weit sein. Die Frage ist, sind das nun nur Typen wie die Merkfreien, oder sind die Merkfreien Typen wie Ludewig? Annehmen will ich mal, die Merkfreien machen erst so Typen wie Ludewig, weil sie nützliche Idioten brauchen.

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