Institution “Tatort”:
Pizza oder Pasta?

700 Folgen “Tatort” und kein Ende: Der Sonntagabend ist fest in der Hand der Staatsgewalt. Regionale Besonderheiten und beruhigende Aufklärungsquoten machen die Sendung erfolgreich.

Der Sonntagabend ist eigentlich perfekt für entstpanntes Gespräch mit alten Freunden. Doch Fernsehdeutschland hört sonntags ab 20.15 Uhr nur mit einem halben Ohr hin. Das restliche Hörvermögen lauscht Pathologen, Mördern und ihren Jägern. 20:15 Uhr ist “Tatort-Zeit”. Seit mehr als 38 Jahren gehört der “Tatort” ins deutsche Wohnzimmer wie Playmobil und Ikeamöbel. Heute strahlt die 700. Folge über den Äther.

Im Schnitt schalten fast acht Millionen Menschen ein. Für die ARD eher ungewohnt: Jeder fünfte Zuschauer ist unter 50. Gerade die Anfang-Dreißiger werden schon bei der hämmernden Vorspannmelodie (für die Komponist Klaus Doldinger pro Ausstrahlung 50 Euro kassiert), wenn Horst Lettermayers Beine über nasse Straßen hetzen, nostalgisch. Damals, als man noch ein bißchen länger aufbleiben durfte. Mit Milch und väterlicher Aufsicht.

Morden und Entspannen

Heute treffen sich “Tatort”-Jünger in Szenetreffs wie dem Grünen Jäger oder der Pony Bar in Hamburg. “Tatort” ist Szene, “Tatort” ist Kult. Dabei ist der “Tatort” urdeutsch.

“Sie ahnen sicher schon, was jetzt kommt.”
–Hauptkommissar Stoever, bevor er einem Verdächtigen die Handschellen anlegt

1970 startete mit “Taxi nach Leipzig” die erste “Tatort”-Folge. Es ist aber ein Irrglaube, dass Menschen den “Tatort” sehen, weil er so spannend ist. Weit gefehlt. Der “Tatort” ist meist grundsolide, vernünftig und entspannend. Als Gegengewicht zur vorher laufenden “Tagesschau”. Nur so lässt sich das Leid in der realen Welt wieder kompensieren.

Was kommt dann? Lange Kamerafahrten, Stadtteilpanoramen und dann der Mord. Behandschuhte Hände, Augen vor Schreck geweitet. Abgelöst von fünf Minuten Privatkram der schrullig-sympathischen Kommissare. Dann: Treffen mit der Spurensicherung am Tatort und das übliche Katz-und-Maus-Spiel. Und alle kommen sie vor: Manager, Arme, Verrückte, Originale. “Wir alle” eben. Nach knapp anderthalb Stunden ist die Welt wieder sicher, der Verbrecher überführt, die Ordnung hergestellt, das Vertrauen in Gerechtigkeit gestärkt.

Föderalistisches Fernsehmachen

Die Kommissare der verschiedenen “Tatorte” sind aber weitaus unterschiedlicher als ihre Drehbücher. Die nüchternen Norddeutschen bekommen den wortkargen Cenk Bartu, in Köln sorgen der grübelige Polizist Max Ballauf und sein polteriger Kollege Freddy Schenk für Recht und Ordnung. In der Münchner Schickeria mischen Ivo Batic und Franz Leitmayr die Kriminellen auf. Die geerdeten Westfalen nehmen mit dem sturen Axel Prahl Vorlieb. Für die gewisse Portion Wortwitz sorgt Jan Josef Liefers, das hyperaktive Kind im Körper eines Gerichtsmediziners.

Diese ermittlerische Vielfalt verdanken wir Gunter Witte, dem ehemaligen Fernsehspielchef des WDR. Jede Länderanstalt sollte ihren eigenen Kommissar kriegen. Das schafft Identität, Vertrauen, Quoten. Ist doch interssanter, wo die Verbrecher gejagt werden, als wie. Das sorgte für über 73 Ermittler im Laufe der Jahre.

Der Kreis schließt sich

Und dort, wo der “Tatort” seine Erfolgsgeschichte begann, da feiert er heute Abend sein Jubiläum. In Leipzig ermitteln ab 20.15 Uhr im “Tatort: Todesstrafe” die Kommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke). Als erstes geschiedenes Ehepaar in der “Tatort”-Geschichte.

Auch nach 700 Folgen stellen sich die Zuschauer aber nur die eine wichtige Frage vor dem Fernseher: Heute Pizza oder Pasta? Schimanski würde einfach zwei rohe Eier einwerfen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Lutz Spilker
    schrieb am 29. Mai 2008 um 07:45 Uhr (#)

    Hallo zusammen,

    ich lese:
    //Heute strahlt die 700. Folge über den Äther.//

    Und frage mich: über welchen Äther?

    lG
    L. Spilker

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 29. Mai 2008 um 19:45 Uhr (#)

    Äther: “das Medium des Funkverkehrs bzw. die Funkfrequenzbänder als Abstraktum: ‘etwas über den Äther transportieren’” sagt Wikipedia. Eine Anspielung auf die Anfangszeiten des “Tatorts”, als Rundfunk noch richtig (Kalauer-Alarm:) rumgefunkt wurde und zum Empfang eine Antenne benötigt wurde …

  3. Lutz Spilker
    schrieb am 29. Mai 2008 um 19:57 Uhr (#)

    Gottlob weiß man heute, dass sich kein “Äther” in der (hüstel…) Luft befindet und man (leider) so ganz und gar nichts über jenen “Äther” senden kann und (mangels Vorhandensein) auch nie konnte.

    Vieles hat sich so “eingebürgert”, was noch nie der Fall war. Wurscht. :-)

  4. Tatort
    schrieb am 18. September 2008 um 10:20 Uhr (#)

    Rein Theoretisch gibt es ihn noch den Äther, dank DVB-T bzw. DVB-T Handys kommt die Ausrichterrei bald wieder wenn auch nur temporär an der Bushaltestelle oder in der Bahn :-)
    Zudem würden sich die Amateurfunker sicher unterdrückt fühlen wenn ich sie jetzt nicht auch erwähnt hätte.

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