Neue “Tatort”-Konzepte:
Konsequent und ehrlich

Ole Reißmann, 25. Mai 2008 13:55 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Bochum, Niebüll, Berlin, Wiesbaden: Diese Städte brauchen einen eigenen “Tatort”. Anläßlich der 700. Folge haben wir bestechende Vorschläge. Und wo muss noch ermittelt werden?

Simone Thomalla als Hauptkommissarin Eva Saalfeld: CSI Leipzig statt Tatort? (Bild Keystone/Heribert Proepper)Wie es halt kommen musste. Auf Spiegel Online der obligatorische “Tatort”-Verriss (“Straßenbahn ins Nirgendwo”), auf Welt Online die Müde Gier nach Klicks (“So asexuell sind die Ermittler beim ‘Tatort’”), in Vanity Fair eine edle, zehnseitige Fotostrecke (“Der Mord zum Sonntag”). Denn heute Abend wird die 700. Folge der Krimiserie ausgestrahlt, “Tatort” in Leipzig, Premiere für ein neues Ermittlerduo, Simone Thomalla als Hauptkommissarin Eva Saalfeld und Martin Wuttke als Hauptkommissar Andreas Keppler.

Just zu diesem Zeitpunkt sind wir in den Besitz von streng vertraulichen Dokumenten gelangt. Geheime Pläne für neue “Tatort”-Folgen aus Bochum, Niebüll, Berlin und Wiesbaden wurden uns zugespielt. Folgende Konzepte stehen kurz vor der Realisierung:

Bochum: Gleich in der ersten Szene langt der Kommissar dem erstbesten Verdächtigen kräftig an die Eier. Keine Frage, hier ermittelt ein neuer Schimanski. Gearbeitet wird nicht am Computer, nicht in der Gerichtsmedizin, sondern auf der Straße. Nicht immer ganz legal, aber immer mit Nachdruck. Dicht dran an den Menschen. So dicht, dass sie den fauligen Atem des rabiaten Draufgängers riechen müssen. Konsequent nicht nur der hammerharte Faustschlag des schlecht rasierten Kommissars, sondern auch die visuelle Gestaltung: Bäume, Sträucher, Blumen – Fehlanzeige. Stattdessen Ruß hustende Kinder und kein Protagonist ohne Hauterkrankung. Dafür mit Herz am rechten Fleck.

Niebüll: Weil der Kieler “Tatort” noch viel zu optimistisch und fröhlich ist. In Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt kriechen Monster aus der Kanalisation und Scharfschützen morden an der Uferpromenade – im beschaulichen Niebüll, dem Ort des Über- (Hamburg/Sylt, Deutschland/Dänemark) und Niedergangs (Sylt, Rentner, Landwirtschaft) kommt es alles noch viel, viel schlimmer. Und weil das Mobile Einsatzkommando immer erst aus Kiel eingeflogen wird, müssen die Ermittler entweder selber ran. Oder es kommt zu Hollywood-reifen Actionszenen mit Helikoptern. Untertitel obligatorisch, weil entweder Dänisch oder Friesisch gesprochen wird. Wenn mal gesprochen wird.

Berlin: Im Stil der “neuen deutschen Fernsehserie” erscheint der neue Berliner “Tatort” ausschließlich im Web in Form von 12-minütigen Schnippseln. Gefahndet wird via Twitter, der Täter dann gegoogelt. Im Anschluss darf die Community über den Fortgang der Geschichte und die Frisur des Kommissars (roter Iro) abstimmten, kann bei Facebook die Hauptfiguren gruscheln und auf MySpace die privaten Blogs lesen. Den Klingelton der aktuellen Sendung gibt es im Jamba-Sparabo. Für die Werbekunden werden attraktive Programm-Sponsorings angeboten. Noch attraktiver als die VW-Werbespots des Wiener “Tatort”-Kommissars Moritz Eisner. Die Fälle werden konsequent nach den Wünschen der Auftraggeber ausgerichtet. Ein einzelner Dialog oder eine komplette Sendung – ganz nach Wunsch.

Wiesbaden: Ein Team von Sonderermittlern des Bundeskriminalamts kämpft im Internet gegen YouTube-Terroristen und Ebay-Schnäppchenjäger. Wenn die Neonlicht gewöhnten Nachtarbeiter mit ihren getunten Altrechnern nicht weiterkommen, greifen sie zum Äußersten, um den Rechtsstaat zu schützen: Zum Bundestrojaner. Entspannt lehnen sie sich zurück, genießen ein kühles Pilsener mit den Freunden vom Aufklärungsgeschwader der Luftwaffe, während Kollege Computer rasterfahndet. Wenn die staatliche Hackertruppe nicht gerade ein Postauslieferzentrum besetzt und Briefe über dampfenden Wasserkochern öffnet, helfen die technisch versierten Zielfahnder der Konzernsicherheit von DAX-5030-Unternehmen oder Bundesministerien bei der Ausforschung von Journalisten. Wahrlich ein orwellsches Horrorszenario!

Bei der Erfolgsserie “Tatort” geht noch einiges. Vollkommen außer acht gelassen hier noch die Konstellation des Ermittlerduos. Bisher gibt es von Einzelkämpfern über WG-Genossen bis hin zu Mutter-Tochter-Dramen nur die üblichen Klischees. Was da noch alles möglich wäre! Wie wäre es außerdem mit einem “Tatort” aus …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Klaus
    schrieb am 26. Mai 2008 um 03:55 Uhr (#)

    So weit ich weiß, gibt es nur Dax30-Unternehmen ;)

  2. arbiter
    schrieb am 26. Mai 2008 um 10:22 Uhr (#)

    Na, es wird doch noch ein oder zwei Unternehmen mehr im Dax geben, als satirische 50/30? Harry holt bestimmt schon mal den Wagen wg. Tatort Börse. Alles nur eine Folge von 700 börsennotierten Folgen. Kriminell.

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