Wellness-Texte ohne Substanz:
Hilfe, die Fluffies kommen!

Sie bereiten nur Schaumspeisen zu: Die Fluffies, anzutreffen vor allem in der PR-Branche. Sie schreiben Sabbersätze mit scheinbarer Plausibilität, wollen bloß keinem weh tun und haben stets ihre Karriere im Blick.

Coffee
Mit Schaum kennen sich die Fluffies aus (Bild journeyscoffee)

Bei mir im Lehrgang war er der Sympathiko – mit viel Schlag bei den Frauen. Buchstäblich jede und jeder mochte ihn: “Genau das ist mein Problem“, gestand er mir dann auf der Abschlussfeier als gegen Mitternacht der Alkoholpegel die Promillegrenze durchbrach: “Jeder schätzt mich. Ich bin rundum beliebt, und ich stoße nirgends auf Kritik oder Ablehnung. Weißt du eigentlich, wie schlimm das ist?” Dabei heulte er dann fast. “Was manche Leute für Probleme haben“, dachte ich und erinnerte mich an Goethe: “Ein Lump, wer keine Feinde hat!“. Dann spielte ich aus pädagogischer Verantwortung solange den großen Tröster, bis ich jemanden fand, an den ich den Patienten weiterreichen konnte.

Seither aber fällt mir dieser Typus auf, den ich für mich ‘Fluffy’ nenne, nach dem amerikanischen Wort für ‘Schaumspeise’. Besonders in den Public Relations sind die Fluffies allgegenwärtig – und sie werden auch immer zeittypischer.

Der Fluffy hat nicht nur das Bedürfnis, von allen geliebt zu werden, er hat auch oft möglichst harmlose ‘Gedanken’, die niemandem weh tun sollen, weshalb sie im allgemeinen die Festigkeit und Härte eines Marshmallow besitzen. Auch dieses rosagefärbte Essplastik schmerzt niemanden, es sei denn, er hätte zuvor unter Karies oder Intelligenz gelitten. So ähnlich schmeckt solche Gedankenspeisung dann auch, und man mag auch gar nicht widersprechen. Es lohnt ja nicht. Unter einer immerhin passend gewählten Überschrift – ‘Weisheit. Zusammenhanglos’ – klingen solche Denkereignisse beispielsweise so:

Wer Zeit hat, verliert sie.

Zielgruppengerecht ‘angedacht’ mag das immerhin sein, denn der Fluffy ist stets auf dem Sprung ‘nach oben’, er will immer etwas erreichen – vornehmlich für sich. So ist auch diese Zeile zu verstehen, es ist ein Instant-Kalenderspruch für den eiligen Unternehmer, der sich aufs Fluffy-Blog verirrte. Die Vorurteile des unverhofften Gastes von der Kostbarkeit der Zeit – ‘Termine, Termine!‘ – werden mit kalendarischem Fliegenleim geködert: Phishing for sympathy …

Inhaltlich nehme ich solche Lautgebungen gar nicht erst ernst, weil ich meine kognitive Gesundheit im allgemeinen nicht mit der Sinngebung des Sinnlosen strapaziere. Wir finden hier die übliche intellektuelle Unterforderung vor, selbst Kukident-Intelligenzen beißen nicht auf Granit: Schon der einfachste aller formallogischen Tests auf die Kernhaftigkeit der Aussage falsifiziert sie als luftleeren Fahrradreifen – wie die Prüfung durch die ‘doppelte Negation’:

Wer keine Zeit hat, gewinnt sie.

Genau – und wer kein Geld hat, soll sparen. Nach ähnlichem Muster funktionieren dann – ad hoc gebastelt: ‘Wer verliert, gewinnt Zeit’. Oder: ‘Der Dumme vertändelt die Zeit, die der Kluge gewinnt’. Vielleicht wäre solch ein Abreißkalender fürs Bizziniss ja wirklich mal eine gute Geschäftsidee, wenn ich wieder ein paar Dollars benötige. Derartige Bonmots und Gossenperlen jedenfalls sind so billig wie der Glasschmuck, mit dem die Missionare einst die Südseehäuptlinge behängten. Jeder Spruch ist so ‘wahr’ oder ‘nicht wahr’ wie der nächste, der immerhin das Gegenteil behauptet – allemal ist es nämlich höherer Blödsinn: Banalitäten vom Esoterikbasar, die im Kunstlicht eines Wassermann-Zeitalters verführerisch funkeln.

Scheinbare Plausibilität gewinnen solche esoterisch-ökonomischen Sabbersätze dann für diejenigen, die an der kapitalistische Ursünde leiden, die nämlich die Meinung hegen, man könne alles irgendwie ‘besitzen’, ein Fehler, der ihnen beim einfachsten Gegenbeweis, dem Verstand, aus Mangel desselben leider gar nicht mehr auffällt. Was aber auch für die Zeit nicht zutrifft – das ist letztlich das einzig harte ‘Faktum’. Zeit ist etwas, was eher uns ‘besitzt’, und zwar von der Geburt an. Selbst dann, wenn unsere Zeit einmal erfüllt sein sollte, wenn wir also stocksteif in unserem Sarg liegen, dann ‘besitzen’ wir noch nicht einmal dieses hölzerne Symbol unserer Zeitlichkeit. Was uns verhältnismäßig egal sein dürfte …

Kurzum – hier wurde von mir ausnahmsweise einmal viel Mühe auf ein Phänomen verwandt, das diese Mühe eigentlich nicht lohnt: Die Fluffies zähle ich zur großen Gruppe der Bullshit-Produzenten, es sind Artisten vom Zirkus ‘Humbug’: Sie wirbeln bunte Bälle aus Verbalien durch die Luft, jonglieren virtuos mit allen Keywords dieser Welt und preisen uns wie ein Zirkusdirektor unerhörte Dinge an – derzeit zum Beispiel als dernier cri eine ominöse ‘Innovationskommunikation‘. Sobald aber der Tusch ertönt, ist regelmäßig nichts geschaffen, nur die Nummer ist vorbei. Und morgen stehen die Zelte in der nächsten Stadt …

Das eingangs geschilderte ‘Fluffy-Syndrom’ aber, die große Sinnfrage nach dem welken Band der Sympathie, die grassiert innerhalb dieser Berufsgruppe überall. Sie müssen zu allen nett sein – und sie machen neuerdings sogar aus dieser, aus ihrer mangelnden Fähigkeit zur Distanz und Abgrenzung, ein Geschäft und ein Thema:

Es gibt Kulturen, in denen es nicht einmal ein Wort für Ablehnung gibt. Das hat guten Grund: Wer NEIN sagt, riskiert jedes Mal, Menschen vor den Kopf zu stoßen. Doch wer nicht NEIN sagt, riskiert seine Zukunft und die seines Unternehmens. NEIN sagen muss erlernt werden. Dafür sind wir da.

NEIN – sind sie nicht süß! Die Fluffies, diese geborenen Zustimmer und Abnicker also, die haben jetzt das Nein-Sagen, das ‘Absagemanagement‘, als ihr neuestes Thema entdeckt. Dazu kann man doch gar nicht mehr Nein sagen! Gegenfrage: Würde irgendein Kunde zu diesen Absagern einfach Nein sagen, hätte er dann nicht schon erfolgreich das Ziel des Absagemanagements ganz ohne investierte Seminargebühren erreicht? Denn, das behaupten die Fluffies doch selbst, wer Zeit dafür hat, verliert sie …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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9 Kommentare

  1. arbiter
    schrieb am 7. Mai 2008 um 16:51 Uhr (#)

    Wie wäre es mit dieser `Relativitätstheorie´?:
    “Alle Beschleunigung verknappt die Zeit, die wir längst nicht mehr haben.” Klar, für keinen Fluffy auch nur einnen Fufie! Würde mich nur noch interessieren, ob nur der maskuline Menschheitsteil betroffen ist, obwohl das starke Geschlecht der Frauen ohne die Schwäche der Männer längst ausgestorben wäre(?).

  2. Frank
    schrieb am 7. Mai 2008 um 21:06 Uhr (#)

    Klingt so, als hätten die Fluffies zu viel Zeit und zu wenig Verstand. Aber: kommt Zeit, kommt Rad. Geht Zeit, fährt Dreirad. oder so ähnlich.

  3. Mark
    schrieb am 7. Mai 2008 um 21:38 Uhr (#)

    Da kann man nur hoffen, dass die Fluffies nicht das Diminutiv ablegen und zu ausgewachsenen Fluffern werden.

  4. Ludwig
    schrieb am 7. Mai 2008 um 23:46 Uhr (#)

    Zugegeben, ich hab ja eine Schwäche für die gepflegte Polemik. Aber was ist “ominös” am Begriff der “Innovationskommunikation”? Haben sie den Link verfolgt mit dem das Wort unterlegt wurde? Wenn man die Zusammenfassung der Studie liest steht da als Kernaussage auch, dass sich besonders in Branchen unter hohem Innovationsdruck der Schwerpunkt der PR von der Redaktion und dem Lautsprechertum verlagern würde hin zum Trendscouting und zur Moderation, was gut erklärt mit dem Begriff der Open Innovation verknüpft wird. Von wenigstens einer Seite ist mir diese These vor ein paar Tagen bestätigt worden. In diesem Sinne würde mich das “ominöse” daran interessieren. Wissenschaft lebt vom Widerspruch…

  5. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 8. Mai 2008 um 08:45 Uhr (#)

    @Ludwig: ‘Ominös’ heißt zunächst einmal schlicht ‘bezeichnend’. das Wort ‘Omen’ oder ‘Zeichen’ steckt in dem Wort drin. Dass wiederum Unternehmen ihre Novitäten ‘kommunizieren’ sollten, ist ganz klar ein Gemeinplatz der Werbung, der schon galt, als Bertolt Brecht noch für die Steir-Automobilwerke dichtete. Nichts ist prinzipiell neu an der Innovationskommunikation also, jede Werbung war im Grunde schon ‘Innovationskommunikation’, das Phänomen gibt es seit Olims Zeiten. ‘Bezeichnend’ ist für mich jetzt der Sprachgebrauch, mit dem die PR solch alte Hüte bekakeln, wenn sie also Steinzeiteier als niegelnagelneuen Trend ausschreien, wo sie sich plötzlich die Lizenz zum Dichten erteilen. Einige Beispiele:

    Von der SpINNOVATION zur SINNOVATION
    ?Public Relations im Zeitalter von Open Innovation und Mass Collaboration erfordern eine nachhaltige Einbindung des Kommunikationsmanagements in Innovationsprozesse.
    Innovationskommunikation in dynamischen Märkten

    Ich weiß ja nicht, ob nur ich es an den Ohren habe, mir aber stößt bei dieser ‘Tonality’ regelmäßig irgendetwas dumm auf: Es ‘schrillt’ in meinen Lauschern. Dass sich in den PR der Schwerpunkt vom ‘Lautsprechertum’ wegverlagere, das behaupten die Fluffies nun schon seit Jahren – und zwar in jedem Jahr von Neuem. Man möchte da doch schon mal Taten sehen, auch bei ihrer Innovationskommunikation, an der man – siehe die Beispiele – eben so rein gar nichts davon bemerkt …

    @ arbiter: Das Fluffietum ist einer jener gesellschaftlichen Bereiche, wo das Gender Mainstreaming die bisher größten Erfolge feierte.

  6. arbiter
    schrieb am 8. Mai 2008 um 12:38 Uhr (#)

    @ KLAUS JARCHOW: Bei Gender-Mainstreaming, seiner Verortung in Brüssel und seiner Umsetzung in Berlin in der Nichtzuständigkeit fachübergreifender Ministerialbürokratie, denke ich immer an ein `drittes Geschlecht´ -oder muß das jetzt pol. korerkt “viertes” heißen(?). Jedenfalls durchströmt mich dann zufällig immer der Gedanke an feminine und maskuline Machos und jeder davon völlig “gleich” seines Frustes Schmied. Selbstverständlich ist Fluffy dafür Grundvoraussetzung.

    Die Le(e)hrgangs geschulten und gruppendynamisch gestriegelten Fluffies, es kommt mir dennoch so vor, als wäre das nur ein Auswahlverfahren für künftig biegsame Eliten, quasi Abgabe eines individuellen Charakters vor Lehrgangsbeginn an der Garderobe mit der Anweisung, die Garderobebnarke wegzuwerfen. Nur die Biegsamsten werden zugelassen fürs Peterprinzip. Werbung muß das natürlich nutzen. Sie hat damit erstmals wahrnehmbar Macht zur Mainstreamvordenke ohne gezielten Produktauftrag. Hier gestaltet sich Werbung ihr Produkt selbst.

  7. KP
    schrieb am 9. Mai 2008 um 16:38 Uhr (#)

    ?Bezeichnend? ist für mich aber auch der Sprachgebrauch, mit dem die Dandies solch alte Hüte bekakeln, wenn sie also Steinzeiteier als niegelnagelneuen Trend ausschreien, wo sie sich plötzlich die Lizenz zum Dichten erteilen.

    Zum Beispiel “Fluffy” als Anspielung auf PR-Leute mit dem schon immer dagewesenen, immanenten Drang zur besonderen Ausleuchtung des Positiven einer Sache (Oberflächlichkeit) und zur möglichst unkomplizierten Vermittlung der entscheidenden, Interesse weckenden Merkmale einer Sache (Substanzlosigkeit).

    Naja, ehrlich gesagt geht mir dieses Rundgelutsche in der PR aber auch ganz schön auf den Keks. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Beiträge im media coffee Blog wirklich langweilig, weil völlig kantenlos. Da können dann auch keine belebenden Gespräche entstehen. Da wird sich früher oder später was ändern müssen …

  8. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 12. Mai 2008 um 18:07 Uhr (#)

    Die können vor lauter Schöntun nicht mehr kommunizieren, nennen sich aber Kommunikationsexperten und führen sich als Halbgötter für Transparenz auf. Komische Welt, das …

  9. Thomas
    schrieb am 2. Dezember 2008 um 16:09 Uhr (#)

    Das Thema, das viele Leute nicht Neinsagen können, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich ärgere mich oft über Chefs, die einem das Blaue vom Himmel versprechen – oder zumindest einen viel zu lange in der Luft hängen lassen – dabei hätte ich meine Energie gerne schon viel früher in die richtige Richtung investiert. Ich ärgere mich genauso über Kunden, die ich anrufe und die mich offensichtlich auf später vertrösten, obwohl sie mir genauso gut jetzt und hier ein Nein erteilen könnten. Ich wünschte mir, noch mehr Menschen würden ins Absagetraining gehen oder professionelles Absagemanagement in Anspruch nehmen…

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