Nach geplatztem MicroHoo:
Quo vadis, Microsoft?
Von Marcel Weiss am 5. Mai 2008 um 20:12 Uhr Kommentare (5)
Kategorien: Analysen
Nach dem geplatzten Microsoft-Yahoo-Deal steht Microsoft im Internet wieder am Anfang. Mit einer Internet-Strategie die so recht keine ist.
So richtig viel gebracht hätte ein Zusammenschluss von Yahoo und Microsoft wohl eher nicht. Das heißt aber nicht, dass Microsoft jetzt gut dasteht, nur weil es den Yahoobrocken nicht mehr schluckt. Andreas Göldi schrieb hierzu gestern:
Microsoft hat seit Jahren mit seinem Internetgeschäft nur Geld verloren und hat es trotzdem nicht auf einen nennenswerten Marktanteil gebracht. Die Marktstellung des Softwareriesen erodiert an allen Fronten.
Es ist noch schlimmer als vor dem Angebot an Yahoo: Die Luft zwischen Yahoo und Microsoft ist nach dem sich mit Füßen und Händen wehrenden Yahoo-Management ordentlich vergiftet. Mittelfristig werden hier auch lose Kooperationen nicht stattfinden.
Dazu dürfte auch dem letzten Microsoft-Manager mittlerweile klar sein: Im Valley ist das Biest aus Redmond so verhasst, dass einige Manager lieber ihre Shareholder verstören, als sich dem König der vergangenen Softwaredekade zu unterwerfen.
Dieser Widerstand kann im Großen -wie bei Yahoo- oder im Kleinen geschehen. Xobni ist ein Startup, dass mittels Plugin Informationen aus der Email-Inbox extrahiert und daraus quasi ein SocialNetwork bastelt. Man sieht, wie oft man mit der jeweiligen Person mailt usw. Xobni existiert aktuell nur als Outlook-Plugin. Das und die Tatsache, dass Xobni der erste experimentelle, aber vielversprechende Ansatz seit langem ist, das meistgenutzte Kommunikationsmedium im Netz zu verbessern, macht es zu einem offensichtlichen Kandidaten für eine Microsoftübernahme. Aber es sollte nicht sein. Das Team von Xobni zog sich nach kurz vor Abschluss des Deals wieder zurück. Wie der VC Fred Wilson dazu anmerkt:
Microsoft has trouble closing deals because when developers and entrepreneurs see their future inside of Microsoft, it often isn’t pretty.
Man scheint bei Microsoft immer noch mit der Arroganz der Neunziger an solche Deals heranzugehen:
The fear was that Xobni would end up nothing more than a feature of Outlook. Microsoft wanted the entire team to move up to Redmond, and was vague in its answers about what it had planned for that team, or the product. In the end, the body language just wasn’t there.
Was sollte Microsoft jetzt tun?
Strategische Verbindungen wie im Falle Facebook sollten intensiviert und gepflegt werden. Und das ohne vom Gespenst der Übernahme zu sprechen.
Microsoft sollte lernen mit anderen spielen zu können, ohne sie zu erdrücken.
Mit dem Kapital das man nun eingespart hat, lässt sich einiges anstellen. Geld hatte Microsoft aber immer schon zur Genüge, wenn es um’s Internet ging. Nur am richtigen strategischen Einsatz haperte es.
Mein Vorschlag:
- Vielversprechende Webdienste links und rechts aufkaufen
- Das Windows Live System aufräumen und entschlacken
- Webdienste unter dem Live-Dach zusammenbringen
Zu 1.: Hier spreche ich nicht von großen Webseiten wie Myspace. Sondern von vielen kleinen, aber vielversprechenden Diensten. SocialBookmarking-Dienste wie diigo oder Blinklist etwa. Oder spannende Geschichten wie das Kommentarsystem disqus. Der Punkt ist, innovative Geschichten einzukaufen. Und zwar im Dutzend.
Und diesen dann Freiraum zu lassen. Teams so weit es geht unabhängig weiterarbeiten zu lassen. Keinen Umzug nach Redmond zu fordern. Bei Google geht das ja auch: Der schon länger zu Google gehörende Feeddienst Feedburner sitzt nachwievor in Chicago.
Zu 2.: Das Windows-Live-System ist ein Desaster. Ich kenne niemand, der ein Live Space hat. Und ich wette, unseren Lesern geht es nicht anders. Ich will gar nicht weiter darauf eingehen. Ich hatte mich im Artikel über Live Mesh ausführlich darüber ausgelassen. Auch hier wieder: Bei Google geht die Verbindung der einzelnen Dienste auch. Und das Anlegen eines Google-Accounts geht leicht von der Hand. Zugegeben: auch Google hat seine Probleme mit dem Integrieren aufgekaufter Dienste. Trotzdem: Mit Google-Accounts als Vorbild, nicht der Yahoo-ID, ist man besser bedient.
zu 3.: Hat man die zugekauften Webdienste und ein vernünftiges Gesamtpaket, in das man sie einbinden kann, fügt man alles zusammen. Am besten mit Diensten, die bereits von vielen genutzt werden. Wie Hotmail etwa.
Das klingt leichter gesagt, als getan. Aber ich sehe aktuell nicht, wie ein attraktives Angebot aus Microsoft selbst heraus entstehen könnte. Microsoft braucht die Infusion von außerhalb.
Bonuspunkt: Matthew Gertner hat noch einen ganz anderen Vorschlag für Microsoft: Sie sollten Adobe kaufen. Das ergibt durchaus Sinn. Adobe ist mit Flash nicht nur auf praktisch jedem Rechner, der mal ans WWW angeschlossen wurde, vertreten. Adobe hat mit AIR auch eine plattformübergreifende Runtime für Rich Internet Applikations an den Start gebracht, deren Potential so hoch ist, dass sie langfristig den Browsern Konkurrenz machen könnte.
Und die Werbung?
Tja, gute Frage. Microsoft will mit Macht zu einem Keyplayer im Werbemarkt werden. Das schafft man nicht, indem man Google hinterherhechelt.
Wie Microsoft es hier schaffen könnte, Marktanteile aufzubauen, weiß ich allerdings auch nicht.
Die interessanteste Investition für diesen Bereich war vielleicht die Beteiligung an Facebook. Von dem ich, im Gegensatz zu Andreas Göldi, glaube, dass es eine entscheidende Rolle in der Zukunft der Internetwirtschaft spielen wird (Mehr dazu morgen).
Ist das alles überhaupt realistisch?
Ich glaube wohl eher nicht. Microsoft hat das Netz in seinen Grundzügen bis heute nicht verstanden. Man denkt immer noch in den alten Dimensionen. Massemassemasse.
Vielleicht kauft man der News. Corp. Myspace ab (Würde von der Usability hervorragend zu Live passen), oder man verbrennt sich die Finger am von Microsofthassern bevölkerten Digg.
Eine Strategie aber, aus vielen kleinen Puzzleteilen ein vielversprechendes neues Angebot zusammenzustellen? That ain’t Redmond-Style.
Was denkt Ihr? Was wird Microsoft machen, was sollte es machen, um im Internet auf die Füße zu kommen? Oder seid Ihr ganz froh, wie sich die Relevanz von Microsoft entwickelt?
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5 Kommentare
Marcel, ausnahmsweise kann ich dir mal gar nicht zustimmen: “Der Punkt ist, innovative Geschichten einzukaufen. Und zwar im Dutzend.” Ins Regal stellen, versauern lassen, wie selbst Google es schon so oft vorgeführt hat? Nee, sie haben nur eine Wahl, sie brauchen einen eminent strategischen Kopf an der Spitze, der Steven Jobs ebenbürtig ist. Sie haben doch schon so viele Sachen mit Potential im Haus: den meist-genutzten Browser, das meist-genutzte OS, den Media Player, die XBox, ein Handybetriebssystem, die Office-Suite, eine cluster-fähige Datenbank etc.pp - da brauchen sie doch kein LinkedIn (wie man heute auf TechCrunch lesen konnte). Sollen Sie doch eine werbefinanzierte Versionen von Windows und Office machen, Werbung auf Desktop und XBox schalten, usw. Es muß nur eine die losen Fäden verbinden, und ein schlüssiges Ganzes daraus schmieden.
Daniel Niklaus
schrieb am 6. Mai 2008, 00:26 Uhr (Permalink zum Kommentar)Ich kenne niemand, der ein Live Space hat. Und ich wette, unseren Lesern geht es nicht anders.
Verloren. Ich habe vom Workspace über Office Live Small Business fast alles, was man haben kann. Allein wegen der Konkurrenzbeschauung.
Und so schlecht sehe ich Microsoft gar nicht positioniert. Es fragt sich nur, für welche Zielgruppe. Für Firmen sind sie immer noch die klare Nr. 1 und könnten es auch im Internet noch werden. Sofern sie den Mut haben, ihr altes Geschäftsmodell zu kannibalisieren.
Was aber richtig ist, im Enduserbereich haben sie echt Mühe, weil das nie ihr Geschäft war. Kleine Erinnerung. Im Jahr 2000 hatten wir ca. 2 Millionen PC in der Schweiz*. Diese Zahl hat sich mit dem Aufschwung des Internet etwa vervierfacht. Und das vor allem im Privatbereich. Viele Leute wissen gar nicht, was Microsoft im letzten Jahrtausend einmal war. Genauso wie für 18 Jährige Apple auch keine Computerfirma ist…
*hab die Zahlen irgendwo genau, aber sollte etwa hinkommen - hoffentlich.
Marcel Weiss
schrieb am 6. Mai 2008, 13:31 Uhr (Permalink zum Kommentar)FFD: Ich glaub, ich hab mein Argument schlecht herüber gebracht.
Eben nicht versauern lassen. Sondern viele, kleine kaufen, und denen dann die Freiheit zur Entwicklung lassen. MS hat aktuell soviel Kapital in Cash zur Verfügung. Selbst wenn man da nur einen Bruchteil davon einsetzt, kann MS sich ein ansehnliches Portfolio zulegen, bei dem rein statistisch schon ein Hit dabei sein muss (vorausgesetzt man wagt auch was bei den Investitionen).
Du hast auch recht, dass MS viele vielgenutzte Geschichten besitzt. Sie sind aber nicht dort, wo es pulsiert. Und das wird sich mittelfristig bemerkbar machen. Noch mehr als jetzt schon.
Du hast aber recht, schon eine durchdachte Verbindung der losen Fäden würde viel bringen. Live Mesh könnte das sein.
Daniel: Damn! :)
Bei Firmen funktioniert auch der MS-Hebel wesentlich besser. Wenn der Enduserbereich aber endgültig fällt, ist auch das Firmengeschäft nur noch eine Frage der Zeit (wenn auch vielleicht noch 10 Jahre etwa). MS hat ja nicht nur Probleme im Netz, auch Vista ist nicht wirklich der Kracher und eine neue Office-Version mit noch mehr Funktionen braucht auch niemand.
In der Zwischenzeit gewinnt Apple bei den Geeks rasant an Marktanteilen und Ubuntu wird von Jahr zu Jahr besser und einfacher zu bedienen. Die Alternativen zu Windows werden zum ersten Mal seit einem gefühlten Jahrhundert real.
Aber das sind alles nochmal ganz andere Geschichten.
Andreas Posur
schrieb am 6. Mai 2008, 13:36 Uhr (Permalink zum Kommentar)Hi, lies dir mal diesen(”Webseite”) Artikel durch…
MSFT und AAPL sind nicht die einzigen, denen die Zukunft gehörig ihr Spiel verdirbt.
Inzwischen ist sogar MSFT der OSBF (Fake?, taktik?) beigetreten und betreibt mehrere Open Source Websites z.b CodePlex http://www.codeplex.com …
Ist die These zu gewagt oder liege ich eher richtig (Ich bin inoffizielle Szenebeobachter seit mehreren Jahren.)
mfg Andreas P.
Andreas Posur
schrieb am 6. Mai 2008, 13:38 Uhr (Permalink zum Kommentar)uups sorry Nachtrag: ich meinte diesen Artikel:
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FFD
schrieb am 5. Mai 2008, 23:57 Uhr (Permalink zum Kommentar)