MicroHoo-Fusion abgeblasenAuch diese Runde geht an Google

Andreas Göldi, 4. Mai 2008 20:15 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Seit gestern ist es klar: Microsoft zieht sich nach einem dreimonatigen Übernahmekampf zurück und verzichtet auf die Fusion mit Yahoo. Der wahre Gewinner dieser Aktion heisst aber nicht Yahoo, sondern Google.

Es hatte sich alles so spektakulär angehört: Microsoft bot Anfang Februar die stolze Summe von $44 Mia. für die Übernahme des nach wie vor weltweit führenden Internetportals Yahoo. Schon seit Jahren war Yahoo etwas angeschlagen, nicht zuletzt durch den Erfolg von Google im Bereich der Web-Suche. Yahoos Stärken — das klassische Portalgeschäft, E-Mail, Unterhaltungsangebote, Web-2.0-Dienste wie Flickr — wurden zunehmend weniger relevant. Ein guter Zeitpunkt für Microsoft, so schien es, um durch eine Fusion endlich zu einer wirklich bedeutenden Macht im Geschäft mit Internet-Diensten zu werden.

Aber Steve Ballmers Expansionsträume sind am unermüdlichen Widerstand des Yahoo-Managements gescheitert. Und das ist möglicherweise sogar gut für alle Beteiligten (von Ballmer mal abgesehen, denn der hat jetzt ein gigantisches Glaubwürdigkeitsproblem): Seit Beginn war klar, dass die Mitarbeiter und auch grösstenteils die Investoren beider Firmen diese Fusion ablehnten. Ein Merger wäre wohl äusserst komplex geworden, und ob sich die erhofften positiven Effekte eingestellt hätten, stand in den Sternen.

Zwei Firmen in Schwierigkeiten

Auch wenn jetzt wieder Ruhe einkehrt: Yahoo und Microsoft haben so oder so ein Problem. Nicht nur sind die Managementteams und Mitarbeiter von Yahoo und Microsoft durch dieses dreimonatige Drama von ihrem Kerngeschäft abgelenkt worden, beide Firmen gehen aus dem Kampf geschwächt hervor. Bei Yahoo ist der Exodus guter Mitarbeiter beinahe schon zu einer Massenflucht geworden. Und die Investoren werden viele unangenehme Fragen darüber stellen, was das Management denn nun mit der weiterhin unabhängigen, aber arg angeschlagenen Firma zu tun gedenkt.

Microsoft steht jetzt — wie schon vor dem Angriff auf Yahoo — ohne überzeugende Internetstrategie da, nur mit noch weniger Glaubwürdigkeit. Die Durchhalteparolen von Ballmer, dass man es auch alleine schaffen kann, glaubt ja wohl niemand. Microsoft hat seit Jahren mit seinem Internetgeschäft nur Geld verloren und hat es trotzdem nicht auf einen nennenswerten Marktanteil gebracht. Die Marktstellung des Softwareriesen erodiert an allen Fronten.

Yahoo-Suche an Google?

Ein Schachzug von Yahoo war möglicherweise besonders schlau, aber könnte jetzt nach hinten losgehen: In der Mitte des Übernahmekampfes tat sich das Portal mit Google zusammen, um ein Outsourcing der Yahoo-Suchmaschinenwerbung an das allgegenwärtige Google-Adwords-Programm zu prüfen. Das war natürlich eine ungeheuerliche Provokation an die Adresse von Microsoft, aber auch offenbar mehr als eine Finte, denn Yahoo kämpft schon länger mit Problemen in der Kommerzialisierung seiner Suchmaschine.

Es könnte gut sein, dass Yahoo in seiner nun geschwächten Position diesen Deal tatsächlich durchzieht und sein Suchmaschinengeschäft an Google abgibt. Denn dass Yahoo im Bereich der Web-Suche noch gewinnen kann, glauben nicht mal die grössten Optimisten — zu gross ist der Rückstand bei Technologie, Bekanntheitsgrad und Kommerzialisierungserfolg.

Der lachende Dritte

Ob dieser Alternativdeal nun stattfindet oder nicht: Der Gewinner der ganzen Geschichte ist eindeutig Google. Eine Kombination aus Microsoft und Yahoo wäre zumindest ein von der Masse her signifikantes Gegengewicht zu Googles Marktdominanz gewesen, aber jetzt ist weit und breit kein ernsthafter Gegner mehr zu sehen.

Googles Marktanteil bei der Web-Suche steigt weiterhin kräftig an, und seit dem DoubleClick-Merger ist die Firma auch noch die mit Abstand dominierende Kraft in der Online-Werbung. Zudem macht Google weiter gute Fortschritte mit Online-Applikationen à la Google Apps, Cloud-Computing sowie vermutlich bald auch im Mobiltelefonie-Sektor. Dieser Mischung hat derzeit niemand viel entgegenzusetzen. Es könnte sich sogar als Glücksfall herausstellen, dass Google — anders als seine Konkurrenten — keine grossen Investitionen im Bereich der Social Networks getätigt hat, denn dieser Markt kommt trotz spektakulärer Userzahlen finanziell nicht so richtig in die Gänge.

Immer mehr Zeichen deuten also darauf hin, dass Google eindeutig das Microsoft der Web-Generation ist: Eine Firma, die ihr Marktumfeld fast nach Belieben dominieren kann. Natürlich ist dieser Riese durch die totale Abhängigkeit von Online-Werbung etwas verwundbar. Aber es gibt warhaft Schlimmeres, als vom am schnellsten wachsenden Marktsegment der Medien- und Technologiebranche abzuhängen.

» Weitere Analysen lesen.

» Nächster Artikel: Das Netz kann vieles, aber noch keinen Kühlschrank füllen
» Älterer Artikel: Microsoft verzichtet (vorerst) auf Übernahme von Yahoo!

» Drucken
» Merken/E-Mail

4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. FFD

    schrieb am 4. Mai 2008 um 21:26 Uhr (#)

    Ballmer ist das Zerrbild davon, wie viele Menschen sich fälschlicherweise einen erfolgreichen Manager vorstellen: immer auf 180. Ein kühler Kopf produziert aber häufig die besseren Strategien. Ballmers Brief an seine Mitarbeiter zeigt, daß er immer noch keine hat, und nicht einmal Googles Strategie (Anzeigen müssen relevant für den Nutzer sein!) verstanden hat.

    Ein hoher Testosteronwert reicht nicht, eine Firma zu führen. Sein Abgang ist mehr als überfällig.

  2. Sapere aude

    schrieb am 4. Mai 2008 um 21:53 Uhr (#)

    Dieser Mann ist einfach nur ein kleiner Psychopath.

    Wer mir nicht glaubt, sollte sich dieses 1-minütige Youtube-Video mal anschauen:

    http://www.youtube.com/watch?v=wvsboPUjrGc

    Da weiß man als Microsoft-Anteilseigner nicht ob man lachen, oder weinen soll…

  3. c3p

    schrieb am 4. Mai 2008 um 23:33 Uhr (#)

    obwohl amazon in sachen rechnerleistung anmieten ect. afaik auch ziemlich weit vorne dabei ist.

  4. Stewart Visky

    schrieb am 5. Mai 2008 um 15:35 Uhr (#)

    @Sapere Aude: Das wirkt zwar krass, aber der Mann ist Amerikaner und das ist einfach eine ganz andere Kultur. In der Mentalität ist es im Geschäftsgebaren relativ normal, emotional vollkommen zu übertreiben und das auch richtig zu zelebrieren, bis man sich als Europäer fragt, ob man da wirklich von einer Geschäftsidee oder von einer neuen Sekte überzeugt werden soll.


1 Trackback

  1. Meinungsbild. Die Blogophäre über den Microsoft-Verzicht | ethority blog
    (5. Mai 2008 00:05)

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
blogoscoop slug