“Männermagazine” unter Druck
Männermagazine sind ein idealer Platzhalter, um die Krise der Printpresse zu thematisieren, ohne dem Leser zu sagen, dass man auch selber mit der Auflage kämpft.
Im Tagesspiegel vom 25. April 2008 steht unter dem Titel “Entblättert”: “Die Männer-Magazine stecken in der Krise – Nackte gibt?s im Netz in Massen.” Stimmt ja auch: Matador wurde gerade eingestellt, Penthouse-Models frieren in der Nische und über den Kahlschlag bei den billigen Heftchen schrieb das Zeitschriftenblog Ende vergangenen Jahres “Friedhof der Schmuddelblätter”.
Also nichts Neues, wie auch schon im Tagesspiegel vom 30. Dezember 2006 zu lesen war. Dort hiess es:
Männerunterhaltung ist ein hartes Geschäft. Und der Männermagazin-Markt unter Druck. Die Auflagen vieler Titel sind stark gesunken. Mehr oder weniger kunstvoll fotografierte nackte Frauen reichten nicht mehr aus, um ein Männermagazin zu verkaufen, sagt ein Chefredakteur aus der Branche. Erotik sei im Internet frei verfügbar.
Ein dritten Artikel mit dem selben Fazit konnte man erst vor drei Tagen lesen, am 22.04.2008, auf welt.de. Dort hiess es:
Die deutschen Männermagazine verlieren Leser. Schuld daran ist auch das Internet und Seiten wie Askmen.com.
Bekannt ist das Problem aber schon länger. Viel länger. Am 2. November 1998 stand im Spiegel:
Im Zeitalter der Digitalisierung bröckelt die Auflage aller traditionellen Männermagazine.
Seit zehn Jahren also ist es kein Geheimnis mehr: Gedruckte Inhalte gibt es frei auf dem Internet.
Sonja Pohlmann könnte also auch statt “Die Männer-Magazine stecken in der Krise – Nackte gibt?s im Netz in Massen” den Satz “Die Printpresse steckt in der Krise – Inhalte gibt?s im Netz in Massen” schreiben. Oder Oskar Piegsa (zuender.zeit.de, 41 / 2005) könnte statt “Wer nackte Frauen sehen möchte, kann das heute kostenlos im Netz tun” den Satz “Wer Inhalte konsumieren möchte, kann das heute kostenlos im Netz tun” schreiben. Aber soweit ist man offenbar noch nicht. Weil man selbst damit nicht ganz problemlos verbandelt ist, schweigt man lieber darüber. Und schiebt die Männermagazine vor. Die sind ja sowieso etwas schmuddelig.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.



















Artikel per Feed
Artikel per E-Mail
Artikel bei Twitter
Facebook-Seite
Hey Herr Ronnie Grob,
ich bin nicht Medienökonom genug (und an einem sonnigen Samstagnachmittag wie diesem zu recherchefaul) um das jetzt anders als aus dem Bauch heraus zu argumentieren, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es den Printmedien im Allgemeinen heute (schon) so schlecht geht, wie den Männermagazinen im Speziellen.
Im Gegenteil machen wir es uns, glaube ich, ein bisschen zu leicht, wenn wir die spezielle Krise der Männermagazine nur auf die kostenlose Verfügbarkeit von nackten Frauen (und Modetipps, Autorezensionen usw.) im Internet schieben.
Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in meinem Artikel im Zuender versucht, auch die Fragmentierung der Zielgruppe und der Pluralismus neuer, paralleler “männlicher” Identitätsentwürfe zu thematisieren. Es scheint im Falle der Männermagazine zusätzliche, soziologische Faktoren zu geben, die es den Printerzeugnissen im Markt schwer machen.
(Dass eine fragmentierte Zielgruppe vom Internet wiederum besser bedient werden kann, als von einer Zeitschrift: geschenkt.)
Herr Grob, ich glaube, dass Sie den Niedergang der Printmedien ein bisschen zu enthusiastisch herbei predigen, wenn Sie das Marktsegment der Männermagazine als repräsentativ für den ganzen Printmarkt sehen – dennoch bin ich etwas überrascht, in Ihrem Posting als Stellvertreter der Presse zu Wort zu kommen.
Wie Sie wissen trägt der Zuender zwar das Logo der ZEIT, ist aber exklusiv im Netz zu finden. Mit den Printmedien “nicht ganz problemlos verbandelt” bin ich als freier Journalist nur bedingt: Das Gros meiner Texte erscheint online.
Herzliche Grüße aus Washington DC,
Oskar Piegsa
@Oskar Piegsa: Vielen Dank für Ihre Zeilen. Ich denke, die nicht mehr gekauften Männermagazine sind einfach die Vorreiter eines Niedergangs von einzelnen Printmedien, der zurzeit ziemlich unaufhaltsam im Gang ist. Einen ähnlichen Artikel könnte man auch schreiben über Tageszeitungen – die Zahlen sind vielleicht nicht gleichermassen dramatisch, aber der Trend ist gleich.
Mich konsterniert, dass seit zehn Jahren klar ist, dass freie Inhalte im Internet eine grosse Konkurrenz sind oder werden, sehr viele Printmedien aber doch nur immer über den Niedergang von Männermagazinen schreiben.
Man könnte es auch thematisieren. Oder Budgets verschieben. Oder beides.
Ohne Statistiken zu kennen oder durch eine andere gelogene Zahl zu widerlegen: alle Printmedien kämpfen um ihre Auflage, scheinen rapide zu verlieren. Das Web mag einer der Gründe dafür sein, dennoch schätze ich seine Wirkung diesbezüglich eher marginal ein, wobei die einschlägigen Männermagazine durch das Web eher Konkurrenz erfahren. Oskar Piegsa konstatiert einen gesellschaftlichen Wandel, der die Leserstruktur für diese Magazine trifft. Aus meiner Sicht trifft alle Printmedien der offensichtliche Qualitätsverlust, der zugleich Glaubwürdigkeitsverlust ist. Darüber hinaus sind stagnierendes Volkseinkommens und die wirtschaftliche Verknappung von Geldmitteln für fast 25% der Bevölkerung die Kriterien, die sich als erstes in den Printmedienumsätzen abzeichnen. Auf eine Zeitung/Zeitschrift ist leichter zu verzichten, als auf Lebensmittel. Energiekosten werden von den Verbraucherkonten “abgebucht”. Dort läßt sich nichts einsparen. So gesehen würde ein Umsatzeinruch bei den Holzmedien von einem Viertel seit 2000 nur Kaufkraftrealität wiedergeben. Daran ist das Web völlig unschuldig.
Wie jetzt Matador wurde vor kurzem eingestellt? Davon hätte ich als Abonement doch erfahren sollen. Konfus?
@Basti
Tss, tss. Noch nicht einmal die Nachricht von der Einstellung des Magazins fand also ihren Leser, z.B.: http://medienrauschen.de/…chiv/matador-erlegt/
Wie versucht wird, den Niedergang der Presse zu verschleiern, hätte man auch anders aufziehen können. Man schaue sich die Pressemeldungen der IVW an (http://www.ivw.de/index.php?menuid=52), was die Gesamtauflagenentwicklungen betrifft. Obwohl Zeitungen und Zeitschriften in den letzten zwei Jahren 10 Mio. Verkaufsauflage verloren haben, wird nur in zwei von neun Quartalen zwischen I/2006 bis I/2008 mit Verlusten getitelt. Statt knackiger Zahlen liefern die Titel der Pressemeldungen nur Botschaften der Marke “Lies mich nicht, es ist nichts passiert”. Und das taten die Print-Redakteure sicher gerne, denn warum sollten sie thematisieren, dass es bergab geht? Um Werbekunden auf die “dumme Idee” zu bringen, ihren Werbe-Etat ins Internet zu schaffen?
@ HAPE:Statistik hin oder her, neue Blätter drängen auf den Markt. `ne Art Kompensation für Auflagenverlust anderer Blätter? Der wöchentlichen Altpapiersammlung nach sind die Holzmedien ihre eigenen Totengräber. Allein die regionale Tageszeitung liefert jeden Mittwoch zwei verschiedene Gratis-Stadt-/und Lankreiszeitungen mit Extrakt wöchentlicher lokaler Berichterstattung. Dazu zwei kostenlose “Werbeboten” mit ihrem Alibi-Nachrichten- und Berichtrahmen. Es wird mehr gedruckt, mehr unters Volk gebracht, aber weniger “verkauft”.