Mobiles Streaming:
bald kein Event mehr ohne Live-Übertragung?

BambuserLive-Videostreaming vom Handy ist zwar noch kein weit verbreiteter Trend, aber es klingt spannend und macht neugierig. Die Möglichkeit, von einem beliebigen Ort bewegte Bilder in Echtzeit ins Web zu übertragen, hat ihren Reiz und sorgt für ein Gefühl, wirklich Teil des technischen Fortschritt zu sein. Anfang April stellte ich Bambuser vor, einen Dienst aus Schweden, der im Vergleich zu seinen US-Konkurrenten QIK und Flixwagon bereits für jedermann zugänglich ist und das Streaming über eine Vielzahl von Mobiltelefon-Typen unterstützt. Trotz allen Lobes über die innovative Seite solcher Anbieter muss man zugeben, dass die (dauerhaften) Nutzungsszenarien noch recht begrenzt sind. Klar, in der Entdeckungsphase begeisterte es mich selbst, die Straße entlang zu laufen und das zufällige Treiben zu übertragen. Nachdem aber die erste Euphorie verflogen war, stellte ich mir die Frage, wie oft ich mich eigentlich in Situationen befinden werde, in denen ich oder andere von einem Dienst wie Bambuser wirklich profitieren.

Neues Bambuser-Feature: der Live Mixer.

Als ich aber gestern von Bambusers neuestem Feature hörte, war meine Skepsis schnell wieder verschwunden: Ab jetzt ist es möglich, Events anzulegen, dort die Kameras verschiedener Nutzer zu versammeln und unter Einsatz des sogenannten Live Mixers einen aggregierten Stream mit von mehreren Usern aufgenommenen Echtzeit-Videos von einem speziellen Ereignis zu erstellen.

Ein Beispiel: Wer weiß, dass er am 30. April auf einer Konferenz sein und dort einzelne Vorträge streamen wird, legt das entsprechende Event an. Andere Bambuser-Fans, die ebenfalls anwesend sein werden, können auf der Event-Seite ihre Kameras hinzufügen. Während der Veranstaltung erhalten User, die Zuhause geblieben sind, so eine gesammelte Auflistung der verfügbaren Streams. Hier kommt der Live Mixer ins Spiel: Zu diesem hat nur der Ersteller des Events Zugang und kann dort – wenn ich den Blog-Eintrag richtig deute (testen konnte ich das Feature bisher noch nicht) – zwischen den verfügbaren Kameras hin- und herschalten. Das Ergebnis ist ein gemixter Live-Stream auf dem Bambuser-Profil des Users.

Das schwedische Startup geht mit dem verstärkten Fokus auf der Übertragung von Events den richtigen Weg. Während sich das ziellose Filmen und Senden von Geschehnissen mit geringem Unterhaltungsfaktor nicht nach einer guten Basis für langfristigen Erfolg anhört, bieten die neuen Funktionen Usern einen Anreiz, den Service für das organisierte Streamen von kleinen und großen Veranstaltungen zu nutzen. Mal ehrlich: Wäre es nicht abgefahren, wenn zehn Bambuser-User das Finale der Fußball-Europameisterschaft von unterschiedlichen Standorten im Stadion live übertragen und weltweit streamen würden? Allein die Vorstellung zeigt, was auf Rechteinhaber und Betreiber von Exklusiv-Events bald zukommen wird. Gerade für Großereignisse ist nämlich zu erwarten, dass diese sich zu einem Mekka für Live-Video-Reporter entwickeln werden. Verhindern kann das niemand, solange nicht Störsender eingesetzt oder Handyverbote auferlegt werden, was beides eher unrealistisch ist.

Dem Ganzen die Krone aufsetzen würde eine Option, mit der aus den Standortdaten der aktuellen Bambuser-Streams (derzeit wird nur GPS unterstützt, noch nicht die Messung der Entfernung zum Sendemast) eine dynamische Zusammenstellung von Events generiert wird. Streamen urplötzlich mehrere User aus ein und dem selben Gebiet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dort etwas Besonderes passiert. Nicht immer werden Nutzer dies zuvor als Ereignis angelegt haben. Bambuser könnte so die Hotspots eines Landes oder einer Region ermitteln und die Streams von dort prominent platzieren – ein gutes Mittel gegen die gelegentlich aufkommende Langeweile beim Betrachten der willkürlich ausgewählten Videos auf der Bambuser-Startseite.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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11 Kommentare

  1. Tobias
    schrieb am 25. April 2008 um 09:59 Uhr (#)

    Auch ganz interessant in diesem Zusammenhang: http://www.1000mikes.com (auch wenn es hier um Audio-Livestreaming geht…)

  2. joerg
    schrieb am 25. April 2008 um 10:31 Uhr (#)

    Prinzipiell alles richtig und definitiv mit enormem Potential ausgestattet. Für Konferenzen, bei denen ich mein Telefon auf einem Tisch positionieren und die Inhalte des Vortragenden übertragen kann, ist das sicher eine großartige Sache. Aber wenn ich an Großveranstaltungen wie die EM denke, so wird weder die technische Ausstattung, noch der Standort der Kamera, noch die Zuverlässigkeit des Filmenden (selbst mit Handkameras in Kinos aufgenommene Filme sind mies) den jetzigen Stand der Dinge verbessern. Das Prinzip und die grundsätzliche Machbarkeit ist interessant und hat sicher auch seine Berechtigung, aber die Tatsache, dass prinzipiell jeder im Sinne Brechts zum Sender werden kann, erfüllt mich angesichts mancher Entwicklungen mit Skepsis. Der Siegeszug der Trash Kultur und der Beliebigkeit ist nicht zu stoppen, es sind ja nicht mal mehr viele Leute bereit für anständigen Journalismus Geld zu bezahlen. Journalistische Qualität wird man selbst mit dem besten Software Algorithmus (siehe Technical Divide) nicht aus dem Ärmel schütteln, so etwas wie Bürgerjournalismus kann höchstens ergänzen, niemals aber ersetzen.

  3. Martin Weigert
    schrieb am 25. April 2008 um 11:27 Uhr (#)

    Persönlich denke ich, dass beim Video-Streaming die Frage nach der journalistischen Qualität weniger im Vordergrund steht als bei Texten. Durch die unterschiedliche Ausrüstung besteht keine Gefahr, dass eine Live-Übertragung einer Privatperson mit einem offiziellen, professionellen Stream verwechselt wird. Zudem können Fernsehkameras nun einmal nicht gleichzeitig an allen Orten dieser Welt sein. Bürger-Videojournalismus füllt hier meiner Meinung nach eine Lücke, ohne dabei professionellen Übertragunskanälen Konkurrenz zu machen oder sie zu ersetzen. Wie du richtig sagst, ist es eher eine Ergänzung (wie z.B. bei einem Fußballspiel, wo die Video-Streams der Zuschauer auf den Rängen eine spannende Ergänzung der offiziellen TV-Übertragung sind.

  4. Daniel Thomaser
    schrieb am 25. April 2008 um 11:37 Uhr (#)

    Das blöde ist nur, dass man aus lauter Stream-Geilheit dann vergisst das eigentliche Event zu genießen. Jeder der viel fotografiert kennt das ;o)

  5. Jan S.
    schrieb am 25. April 2008 um 12:35 Uhr (#)

    Und irgendwann brauchen wir alle nicht mehr aus dem Haus ^^

    Nee, schöne Sache. Ich hab auch sehr die Hobnox-Übertragungen von der Republica genossen.

  6. Tobias Petry
    schrieb am 25. April 2008 um 15:01 Uhr (#)

    Hmm, nur “massenreif” ist das noch nicht, man bedenke nur, welche horrenden Kosten die Provider noch für GPRS verlangen, da liegt der Otto-Normal-Kunde, der keinen Datentarif hat ja bei 10€ pro MB Datenvolumen?
    Mobile Streaming schön und gut, aber in Deutschland noch zu teuer.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 25. April 2008 um 15:29 Uhr (#)

    @ Daniel
    Jo irgendjemand muss sich opfern, damit der Rest seinen Spaß hat ;)

    @ Tobias naja ein paar Datenflatrates zu erschwinglichen Preisen gibt es mittlerweile aber auch in Deutschland. Und innerhalb der kommenden Monate wird sich das Angebot diesbezüglich hoffentlich noch stark verbessern.

  8. Jan S.
    schrieb am 25. April 2008 um 15:53 Uhr (#)

    Zum Thema Datentarife muss ich Tobi zustimmen. Nur mit T-Online und Edge ab 50 € pro Monat (wenn ich mich recht entsinne) würde das funktionieren. Aber was die Mobile Industrie und die aktuellen Tarife und angebotenen Verbindungen angeht stecken wir noch im Mittelalter. Der Spass fängt schätze ich 2009 erst richtig an.

  9. Tobias Petry
    schrieb am 25. April 2008 um 21:35 Uhr (#)

    Neija die EU hat schon vor nem halben Jahr rumgeheult, dass die Preise in Deutschland nicht gerechtfertigt sind, passiert ist noch nichts. Die deutschen Mobilfunkbetreiber schränken damit das “Mobile 2.0″ (^^) ein, denn dies kann sich erst durchsetzen, wenn jeder Normalbürger günstig per Handy das Internet nutzen kann.

  10. Oliver Springer
    schrieb am 25. April 2008 um 22:53 Uhr (#)

    Die passenden Datentarife werden kommen, das ist nur eine Frage der Zeit und so lang wird das nicht mehr dauern.

    Die Frage der Übertragungsrechte ist da schon heikler. Die Lizensierung ist eine wichtige Einnahmequelle. Fällt sie weg, muss das Geld auf anderem Wege hereinkommen wie höhere Eintrittspreise. Oder es muss an der Qualität gespart werden.

    Verhindert werden kann die Übertragung von solchen Events wohl nicht, aber das heißt nicht, dass es nicht verfolgt werden könnte.

    Außerdem ist zu beachten, dass noch andere Rechte entgegenstehen könnten. Bei einer Konferenz – und der Ansatz, auf solche Events zu setzen, ist in der Tat gut! – dürfte sich das unproblematisch regeln lassen.

    Aber wie sieht es mit weniger öffentlichen Veranstaltungen aus? Schon beim privaten Audiomitschnitt einer Vorlesung etwa müssten doch alle, die einen Redebeitrag leisten, ihr Einverständnis geben, oder? Wenn auf einmal alle möglichen “Events” gestreamt werden, sehe ich eine Menge ungelöster Fragen.

    Oder nehmen wir mal andere “Events” wie Dorffeste, private Geburtstagsfeiern. Wenn dort nun jemand eine Melodie vor sich hinpfeift und es sich dabei um von der GEMA verwaltetes Liedgut handelt, sehe ich noch nicht, wie man das bei den gegebenen Umständen rechtssicher übertragen könnte.

    Spannende Anwendungen erhoffe ich mir aber auch.

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 26. April 2008 um 18:20 Uhr (#)

    Ja da gibt es absolut eine Menge ungelöster Fragen. Und ich glaube, dass ist noch gar nicht so in das Bewusstsein der meisten Betroffenen vorgedrungen, da mobiles Streaming noch eine recht junge, wenig verbreitete Technologie ist. “Piraterie” bekommt dadurch aber jedenfalls noch einmal eine neue, noch schwieriger zu handhabende Komponente.

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