CEO, Consulting, Consumer:
Die moderne Gaunersprache
Was reden die denn da? Hinweise zur Entschlüsselung der Geheimsprache Neo-Rotwelsch.
Dem zeitgemäßen Neo-Rotwelsch hat noch niemand eine eigene Veröffentlichung gewidmet. Zwar ist uns unser ‘Gaunertum’ im Kern erhalten geblieben, nach wie vor geht es ihm vor allem um gelungene Eigentumsdelikte, also darum, sich möglichst straffrei an dem Vermögen anderer zu bereichern, die Sprache aber ist internationaler geworden, sie ist ‘globalisiert’ und ‘anglizistisch’, um gleich mal zwei Begriffe aus dem modernen Rotwelsch zu zitieren. Wo also einst die ‘Dirnen’, ‘Händler’ und ‘Hausierer’ noch ‘Armbänder’ fürchteten, da heißt die Gefahr heute ‘Steuerfahndung’, und die verbündete ‘Magd’ oder ‘Halbschickse’ lockt den ‘Freier’ oder ‘Kunden’ als ‘PR-Beauftragte’ mit zeitgemäß aufgebrezelten Reizen.
Zu Nutz und Frommen der ehrlichen Welt und um die verdienstvolle Arbeit des Avé-Lallemant (‘Das deutsche Gaunertum’), des Herrn Günther (‘Die deutsche Gaunersprache’) und des Herrn von Train (‘Wörterbuch der Gauner- und Diebessprache‘) bis in die Gegenwart fortzuführen, soll diese erste Handreichung dienen.
Asset: Früher hieß das mal ‘Sore’ oder ‘Beute’, der Gewinn also, den man sich nach einem gelungenen ‘Schautenpicken’ untereinander teilen konnte. Heute klingt es so: “In business and accounting, an asset is defined as a probable future economic benefit obtained or controlled by a particular entity as a result of a past transaction or event“. ‘Benefit’? ‘Event’? Solchem Geschwalle muss ein vagantenjagender und unbedarfter Polizeioffizier heutzutage erst einmal ‘auf die Schliche’ kommen!
B2B: Wenn die ganze ‘Mischpoche’ sich versammelt, um über das zu sprechen, was die ‘Koberer’ (oder ‘Projektentwickler’) da nun wieder ‘ausbaldovert’ haben, dann spricht man von ‘B2B-’ oder ‘Business-to-Business-Communication’. Ein Pläneschmieden unter gleich ökonomisch Gesinnten also. Das Objekt der Begierde heißt jetzt üblicherweise ‘future trend’, früher war es die ‘Kawure’.
CEO: Das ist der ‘Hauptmann’ einer solchen Bande, der zu verhindern hat, dass nicht ein ‘Sslichener’ – ein ‘Eingeschlichener’ – die Pläne verrät an andere Banden (heute meist ‘Konkurrenz’ oder ‘Wettbewerb’ genannt) oder aber einen Teil der Gewinne ‘untermackelt’ oder ‘privatisiert’, wie der Vorgang moderner ausgedrückt heißt.
Consulting: Dieses ‘Einkratzen’ wird von dem ‘betuchten Schmierer’ ausgeführt, der jetzt ‘Berater’ oder ‘Consultant’ heißt. Er hat zu verhindern, dass nicht ein ‘Lampen’, also ein ‘Mitwettbewerber’, hinzukommt, der im letzten Moment beim ‘Schränken’ und ‘Öffnen der Masematten’ – neudeutsch: beim ‘Vertragsabschluss’ – stören könnte.
Consumer: Das ist jeder besitzende Mensch, denn es zu ‘zinken’ gilt, um sein Vermögen ‘einzuschränken’. Um das Opfer zu umgarnen und sein Vertrauen zu gewinnen, wird oft eine ‘Tippelschickse’ vorgeschickt, heute meist ‘Spokeswoman’ oder ‘Communication Assistant’ genannt. Avé-Lalleman: “Nicht mehr der Hausierer, nicht der in Lumpen gehüllte vagierende Bettler, nicht mehr der Kesselflicker, Scherenschleifer, Leiermann, Puppenspieler und Affenführer allein ist es, der die Sicherheit des Eigentums gefährdet, alle äußeren Formen des Lebens müssen zur Maske der gaunerischen Individualität dienen“. Der Besitzende – neudeutsch: Consumer – sollte daher wissen, dass niemandem mehr zu trauen ist. Schon gar nicht den Weibern …
Downturn: Die Rede ist von jener Phase, wo schlussendlich alles ‘auffliegt’ und niemand mehr einen Pfifferling auf die Bande wetten würde. Heute spricht man von ‘Gewinnwarnung’. Jetzt müssen alle eigenen Aktien verkauft sein, es geht um das möglichst vollständige ‘Zuplanten’ der Beute. Alles wirbelt, um Spuren zu verwischen, Dinge umzudeklarieren und ’steuerlich zu optimieren’, zumindest aber einen ‘Strohmann’ aufzubauen, so dass nichts mehr zu machen ist, wenn die Polizei die Steuerfahndung die Räuberhöhle das Unternehmen stürmt betritt.
Elevator Pitch: Damit ist das ‘Kaßpern’ oder ‘Abkaßpern’ gemeint, das schnelle und heimliche Pläneverabreden (auch ‘Pißchen-pee’), um günstig an neue ‘Sore’ zu kommen. Alles muss allen unmittelbar verständlich und schnell übermittelt sein, weil für lange ‘Palaver’ in diesem schnellen Gewerbe naturgemäß wenig Zeit ist, will man keinen Verdacht erregen. Generell wird dieser Vorgang auch als ‘Projektentwicklung’ deklariert und in geheimen ‘Kassiwern’ – den sogenannten ‘Patenten’ und ‘Markenrechten’ – ‘gebunkert’.
…
So antiquiert ist das Rotwelsch also gar nicht. Mühelos lässt sich auf diese Art eine ununterbrochene Kontinuitätslinie ziehen von der Sprachwelt einer straßenräuberischen Vergangenheit bis in unsere höchst ehrenwerte moderne Geschäftswelt hinein. Natürlich aber ist dies hier nur eine höchst unverantwortliche Parodie und die geistige ‘Fingerübung’ eines minderbemittelten ‘Challon-Kaßpers’, der durch das offene Fenster ins Bizziness ‘kobert’, um zu sehen, wo hier wohl die ‘Kawure’ liegt …
Eine gute Einführung bietet übrigens auch das ‘Marketing Denglish Wordbook of Horrors‘, wie es beim ‘Ambivalenten Marketing Diskurs’ zu finden ist …
Wer will, kann sich ja mal an den folgenden Begriffen versuchen:
Erwartungen
Generieren
Investor
Kernkompetenzen
Keyword
Liquidität
Marktpenetration
Report
Repräsentativität
Risikokapital
Segment
Social Engineering
Spirit
Target
Turnaround
Usability
Win-Win-Situation
Zielgruppe
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.















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Und wo gibts den neuen Wälzer der “Deutschen Gaunersprache”, oder auch nur den der “Weltweiten Gauner- und Diebesprache”? ISBN? Preis?
Was mich allerdings stört, ist diese englischsprachige Umschreibung für Anglizismen.Ein Wörterbuch, für das ein Dictionary nötig ist? Jetzt, wo es wieder Berlusconi gibt, wäre da nicht Italienisch melodiöser?
Ganz ehrlich: ohne den Hinweis darauf, daß es sich um eine Parodie handelt, hätte ich das ernst genommen.
Und noch ehrlicher: ich merke, daß ich trotzdem dazu neige, das ernst zu nehmen.
Es klingt so… schlüssig.
Sehr amüsant. Man könnte das eventuell wirklich auf Buch- oder Büchleinlänge versuchen, dann aber vielleicht mit Fallbeispielen der neueren deutschen (Gauner-)geschichte und einem Glossar zu den rotwelschen Begriffen, da hatte ich bei Lesen doch ein, zwei Mal Probleme mir etwas zusammenzureimen.
Das ist ja eben das Dilemma, wenn mir Dummdeutschen jemand die rotwelschen Begriffe auf Englisch näherzubringen versucht,bleiben nur die Namen der Gauner hängen. Dabei hätte man`s doch so gerne gewußt. Vielleicht wird`s ja noch(?).
Wieso bedient man sich eigentlich so oft des Mittels der Ironie, um auf Sprachphänomene wie das Verschwinden des Deutschen hinzuweisen? Das Phänomen “Denglish” wird hier in einer Parodie verpackt, woanders in einen Sketch (wie z.B.in dem aktuell erhaltenen Informationslink . Beides zeigt die zunehmende Verschmelzung von zwei Sprachen, die es meiner Ansicht nach getrennt zu wahren gilt.
Es gibt gar kein ‘Verschwinden des Deutschen’. Neben dem Deutschen findet sich neuerdings so etwas wie ein ‘German Pidgin’ von Geschäftsleuten, die gern weltläufig erscheinen würden, die aber weder deutsch noch englisch sprechen, sondern ein ganz neues und ziemlich lächerliches Idiom. Die deutsche Sprache selbst ist aber nie ‘in Gefahr’ durch dies Gebabbel – ebensowenig wie früher das Englische durch die Seemanns- oder Kreolensprachen ‘in Gefahr’ geriet. Insofern darf man den Sprachgebrauch unserer Willi Wichtigs schon ironisieren und durch den Kakao ziehen, jeder Alarmismus ist aber sicherlich die völlig falsche Reaktion. Das hieße ja, dass man sie ernst nimmt …
@Klaus Jarchow:
Lustig wird es ja, wenn sich die Stakeholders erstmal alignen müssen, bevor man eine go-no go Entscheidung über das Customizing von Exit Points trifft…
Man sollte nicht verschweigen, dass es den umgekehrten Trend, deutsche Worte in die englische Sprache aufzunehmen, ebenso gibt. Shlepping, Geist, Angst, Gestalt, Weltschmerz sind bereits alte Beispiele, von Kindergarten, Glockenspiel, Dachshund usw. gar nicht zu reden.
Motiv, fremde Worte zu importieren, ist wohl auf beiden Seiten Angeberei. Konstrukte wie Handy oder Dressman, deren Bedeutung ein englischer Muttersprachler gar nicht verstehen kann, gibt es umgekehrt meines Wissens allerdings nicht.
Und noch ein Unterschied: in England oder Amerika würde sich niemand über den Untergang der Kultur Gedanken machen, wenn er mal ein Wort nicht versteht.
Eben – das Apokalyptische ist der Punkt: Lustig machen darf sich jeder über das ulkige Gequassel, so lange er will. Aber immer gleich den Weltuntergang ausschreien?
Wenn der Trend vorbei ist, zeigt sich, was die Sprache von dem ganzen Tatütata-Imponiervokabular verdaut hat. Das meiste kotzt sie umstandslos wieder aus: Wörter kommen, Wörter gehen, doch das Deutsche bleibt …
Ich musst etwas mit mir ringen, zu welchem Beitrag ich dies als Kommentar hinzufüge: Sprache, Schund, Niedergang der Medien…
http://20min.ch/news/kreu…_quer/story/14225128
Onlineangebot einer der relativ zahlreichen kostenlosen Blätter in der Schweiz)
Ach so, na klar, nicht die Anglisierung der Sprache, sondern die Teutonisierung ist das Problem. Wie man “Stellvertretender Chefredaktor” so eines Qualitätsmediums (jetzt durfte ich aus mal schreiben!) wird, möchte ich gerne mal wissen.