Alte Biografie neu online:
Schawinski gegen Alle

Ronnie Grob, 17. April 2008 15:43 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Was den Rundfunk-Pionier Roger Schawinski vor seiner Zeit bei Sat.1 alles umgetrieben hat, lässt sich in der Biografie von Roy Spring nachlesen. Die ist zwar schon neun Jahre alt – dafür nun kostenlos im Netz.

Roger Schawinski
Schawinski 1997: Mit Tele Züri gut Lachen (Bild Keystone)

Der Wahlspruch der Schweiz, “Unus pro omnibus, omnes pro uno“, also “Einer für alle, alle für einen”, gilt für den Medienpionier Roger Schawinski nur bedingt. Die 1999 von Roy Spring verfasste Biografie heisst darum auch “Einer gegen Alle”.

Da sie angeblich vergriffen ist (auch wenn ich sie bei Amazon in den Warenkorb legen kann), ist sie nun, wie das schawinskinahe Kommunikationsportal persoenlich.com meldet, online vollumfänglich verfügbar, und zwar bei schawinski.jimdo.com.

In einem Interview mit der Schweizer Familie sagte er kürzlich: “Internet machen alle. Das interessiert mich nicht. Ich mache das, was niemand macht. Das war immer so.” Was natürlich stimmt: Niemand anders macht zurzeit ein Radio 1 in der Schweiz. Aber auch wenn er kein Internet macht, so heisst das nicht, dass er keine Ahnung davon hätte, wie man darin kommuniziert. Schreibt Stefan Niggemeier über ihn und sein neues Radio, so äussert er sich dazu. Und wer auch immer die Idee hatte diese Biografie bei jimdo hochzuladen – es ist eine gute Idee, Inhalte der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Einige Auszüge aus dem mutmasslich höchst unterhaltsamen Werk:

Kapitel 1: «Today we got a revolution!»

«What?s happening, man?» fragte Schawinski einen der Männer.
«Hey man», antwortete dieser, «today we got a revolution!» Der verhasste Diktator Eric Gairy, der sein Volk mit brutalen Schlägertruppen in Angst und Schrecken versetzte, sei endlich besiegt.
Gegen Abend, so fand er heraus, gebe die neue Regierung die erste Pressekonferenz – und zwar im Studio von Radio Grenada.
Aufgeregt notierte Schawinski, der einzige ausländische Journalist vor Ort, das Unglaubliche: Eine Gruppe von linken Studenten, angeführt von Maurice Bishop, putschte das Terrorregime. Ausser ein paar Schusswechseln mit zwei bis drei Toten lief alles glimpflich ab.
«Wow, das ist ja ein Coup!» jubelte Schawinski, «das muss ich sofort dem Tages Anzeiger nach Zürich kabeln.»

(…)

Er schaute zum Fenster hinaus und sinnierte: «Eigentlich musst du nur gute Reden schwingen und lässige Musik spielen, und schon hast du das Volk auf deiner Seite?»

Kapitel 7: «So lange es gut lief, haben sich immer alle engagiert»

Roger Schawinski, welche Erinnerungen haben Sie an die Anfangszeiten von Radio 24?
Das Leben war eine permanente Ausnahmesituation. Vielleicht kann man sagen, es war wie im Krieg. In diesen Tagen war ich immer am Rande des Abgrundes. Dieses Gefühl der Unsicherheit hat mich bis heute geprägt: Dass jederzeit in der nächsten Sekunde alles kaputt gehen kann, dass irgend eine Hiobsbotschaft alles vernichtet.

Kapitel 14: «Il n?y a pas de Business comme le Show-Business!»

Zufällig liefen ihm im kalifornischen Yosemite-Nationalpark ein paar schrägen Typen über den Weg. «Was seid ihr für komische Vögel?» haute er sie an und musterte unverblümt ihre Sandalen, die bunten Kleiderfetzen und die ausgefransten Haare.
«We are Hippies», antworteten sie freundlich. Wenn er mehr über ihre Bewegung erfahren wolle, müsse er unbedingt nach San Francisco reisen, genauer: in den Stadtteil Haight Ashbury.
«Okay», sagte der brave Student, und ein paar Tage später tauchte er ein in die Welt von Psychedelic-Shops, Love-ins und Flower-Power, wo an jeder Ecke für drei Dollar LSD-Pillen angeboten wurden. «Das ist sensationell», jubelte Schawinski mit geweiteten Pupillen, «darüber muss ich unbedingt berichten!»
Nach intensiven Ermittlungen über das epochale Phänomen setzte er sich bei seiner Gastfamilie hinter die Remington und warf seine Eindrücke aufs Papier. Am 22. September 1967 veröffentlichte die Weltwoche «Die blaue Blume von San Francisco», seinen ersten grösseren Zeitungsartikel.

Kapitel 16: Wehe dem, der den Elfenbeinturm verlässt!

«Für einige von uns ist Roger quasi ein Halbgott», sagt der 42jährige Hugo Bigi, Journalist und Moderator bei Tele 24, «die würden sogar ausrücken, wenn er sie nachts um drei bitten würde, sein Auto zu waschen.»
Tatsächlich bestehe in seinem Umfeld eine gewisse Vereinnahmungstendenz. «Leicht kann es passieren, dass es dir den Ärmel hereinnimmt.» Er selbst sei gefährlich nahe an diesen Punkt gekommen, doch «dann wurde es mir unwohl, und ich habe mich bewusst abgegrenzt.»
Grund für diese besondere Atmosphäre sei die Art der Leute, die er um sich schare. «Am liebsten hat er solche, die ewig dankbar sind, dass sie bei ihm arbeiten dürfen.»

Kapitel 17: Parfümierte Liebesbriefe im Abfallkübel

Nichts sei Roger wichtiger gewesen als seine Karriere. Sie weiss noch, wie er einmal nachts um zwei Uhr aus dem Bett sprang, weil ihm die passende Melodie für seinen Filmbericht über den Tomatenüberschuss im Wallis in den Sinn gekommen war.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 17. April 2008 um 15:47 Uhr (#)

    Da sie angeblich vergriffen ist (auch wenn ich sie bei Amazon in den Warenkorb legen kann)

    Vergriffen bedeutet nicht, dass niemand mehr ein Exemplar davon zu verkaufen hat ? bei Amazon.de gilt dies für die Verkäufer «RHEIN-TEAM» und «M-OASE».

    (Abgesehen davon sagt allein der Begriff «vergriffen» viel über die mittelalterlichen Strukturen im Verlagswesen aus ? man druckt fixe Auflagen anstatt flexibel auf die Nachfrage zu reagieren.)

  2. Andi
    schrieb am 18. April 2008 um 01:43 Uhr (#)

    Lesetipp: Roschees eigenes Radio-24-Buch aus den früher 1980ern liest sich weitaus spannender. Nur gibts das vermutlich weder online noch in der Buchhandlung – und mein signiertes Exemplar geb ich auch nicht her :) Unter anderem ist nachzulesen, dass der Pop-Radio-Gründer damals keine Ahnung von der Pop-Szene hatte…

  3. Grabber
    schrieb am 19. April 2008 um 08:45 Uhr (#)

    “Einer gegen alle” ist tatsächlich eine höchst unterhaltsame Biografie – auch für Nicht-Radio-24-Insider und -Ex-Piraten.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 20. April 2008 um 17:32 Uhr (#)

    @Andi: Das habe ichd amals in einer Nacht rezensiert und der Redakteur der Zeitschrift, in der ich dann die Rezension brachte, behielt es mit der Ausrede “das müssen wir wegen der Qualität hier im Haus scannen” einfach. Die Zeitschrift kaufte mir dann nochmal eins. Manchmal brauchts halt so Wahnsinnige, um was zu bewirken. Roger war nur besser darin, sich und seine Sachen zu verkaufen, während die deutschen Alpen-Radio-Macher scheiterten und erst das “Establishment” im Land erfolgreich wurde.

    Seine Bücher sind eigentlich immer lesenswert, auch die “TV-Falle”, wo er ja wie ein Außerirdischer in die deutsche TV-Landschaft stolpert, es dann auch nicht besser macht, aber es ist interessant zu lesen.

    Oder (das kennt kaum jemand, fand ich auf Amazon) das über den Ärger mit Holzschutz-Gift in seinem Traumhaus. Da half auch seine Bekanntheit ihm nicht mehr weiter. Weniger Prominente wurden zu Tausenden vergiftet, ohne drüber schreiben zu können.

    Kann man nur hoffen, daß diese Website Bestand hat – momentan habe ich keine Zeit zum Lesen.

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