Im moralischen Dilemma

Kurz vor den olympischen Spielen wird China zur Tabuzone für informierte Reisende. Denn ein Artikel steckt China-Urlauber in ein moralisches Dilemma, als Alternative zum Reiserücktritt bleibt nur: Missionieren.

“Die Axt im Haus erspart den Zimmermann” hiess es früher. Heute heisst es: “Die Zeitung im Haus erspart den Pfarrer”. Am Frühstückstisch erfuhr ich per Zufall aus dem Tagesspiegel am Sonntag, dass ich in einem moralischen Dilemma stecke; es geht um eine Reise nach China, die ich bereits gebucht habe. In der Zeitung stand:

Wer eine Chinareise gebucht hat, steckt in einem moralischen Dilemma.

So richtig dramatisch ist mein Dilemma aber nicht, wenn ich das richtig verstanden habe. Dr. Christian Thies, stellvertretender Direktor am Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover, sagt:

Ich finde es erwägenswert, eine Reise aus moralischen Gründen abzusagen, auch wenn es sicher noch wichtigere Dinge zu tun gibt.

Puh. Es gibt also noch wichtigere Dinge zu tun, als dass ich meine Reise absagen müsste. Allerdings: Wäre ich Politiker und nicht nur Urlauber, stünde ich stärker in der Verantwortung, bzw. “in der Pflicht”.

Doch Herr Thies hat mir ein paar Tipps. Er empfiehlt mir eine “Begegnungsreise”, bei der “Treffen mit Einheimischen fest zum Programm gehören”, keine “Standard-Pauschalrundreise”. Er hält mich sogar dazu an, zu missionieren:

Wenn es die Möglichkeit gibt, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten und eigene Werte zu vermitteln, dann könnte das eine Reise eher legitimieren, meint auch Philosoph Thies. ?In China sehe ich das aber kritisch. Als Tourist kommt man eher wenig mit den Menschen zusammen, weil man die Sprache nicht spricht.?

Also wäre meine Reise dann moralisch legitimiert, wenn ich eigene Werte vermittle? Woher will denn Herr Thies wissen, welchen Wert meine Werte haben? Vielleicht bin ich ja ein durch und durch schrecklicher Mensch. Sehe ich das richtig, dass es ausreicht aus Deutschland oder Europa zu kommen, um den Chinesen “eigene Werte zu vermitteln”? Oder reicht es, nicht aus China zu kommen?

Sollte ein europäischer Reisender einen Ausweg finden aus dem moralischen Dilemma, in dem er sich (per definitionem dpa) befindet und es sich anmassen, dennoch nach China zu fahren, so muss das nicht nur schlecht sein – für die Chinesen:

Reisen nach China ermöglichten den Menschen dort Kontakte zu Europäern. Solche Kontakte seien positiv für die gesellschaftliche Entwicklung eines Landes. “Auf diese Weise lassen sich auch Berührungsängste und Vorurteile abbauen, die es auf chinesischer Seite gibt.”

Na da sind wir aber froh, dass es auf europäischer Seite keine Berührungsängste und Vorurteile gibt (das Zitat stammt von Torsten Kirstges, Tourismusforscher an der Fachhochschule Wilhelmshaven).

Nichts gegen Herr Thies und Herr Kirstges – was sie sagen, klingt stellenweise vernünftig. Ich frage mich aber, ob die dpa mich nicht auch vor der Reise in andere Länder warnen müsste. Wenn ich es mir recht überlege, dann komme ich darauf, dass mich die dpa, sollte sie konsequent vorgehen, vor allen Ländern warnen müsste. Und zwar andauernd. Denn Menschenrechte werden immer irgendwo mit Füssen getreten.

Wer meint, nur der Tagesspiegel am Sonntag wollte mich auf meine etwaigen moralischen Unachtsamkeiten aufmerksam machen, irrt. In sehr ähnlicher Form erschien dieser dpa-Text bereits in anderen Publikationen:

01.04.2008, netzeitung.de: “Ethik und Tourismus: Sinn und Unsinn des Boykotts von China-Reisen

01.04.2008, spiegel.de: “Tibet-Krise: Experten bezweifeln Wirksamkeit eines Reiseboykotts

01.04.2008, westfaelische-nachrichten.de: “Absagen oder reisen? Dilemma für China-Urlauber

01.04.2008, bbv-net.de: “Absagen oder jetzt erst recht? Das Dilemma der China-Urlauber

01.04.2008, n-tv.de: “Absagen oder reisen? Dilemma für China-Urlauber

01.04.2008, ksta.de: “Absagen oder reisen? Dilemma für China-Urlauber

04.04.2008, welt.de: “Menschenrechte: China-Urlauber und das moralische Dilemma

08.04.2008, sueddeutsche.de: “Reisen nach China: Absage oder jetzt erst recht?

Es gibt noch mehr davon. Man kann einwenden, dass ein dpa-Text ja dazu da ist, übernommen zu werden. Wiederum muss man Tina Guenther vollumfänglich recht geben, wenn sie bemerkt, dass “die Angebote einander immer ähnlicher” werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 15. April 2008 um 15:40 Uhr (#)

    Wohin könnte man überhaupt noch reisen, wenn man diesbezüglich nicht ein wenig opportunistisch denkt?

  2. arbiter
    schrieb am 15. April 2008 um 15:46 Uhr (#)

    Ja ja, so sind sie, die Empfehlungen der moralingesäuerten Vertreter der westlichen Werte von Abu Gohraib bis Kossovo! Heutzutage schalten sich die Medien auf der Frequenz solcher Werte ganz von selbst gleich. Und wo Presseagenturen Brüssel Fernsehsendungen zum Untertiteln zwingen lassen, dringen auch alle anderen Nachrichten geradezu böswillig ungefiltert an unser Ohr. Es geht doch nichts über die kontinuierliche Pflege des im Kalten Krieg Erlernten, sind wir doch längst in der heißen Phase dieser Schlacht.

  3. Impossible
    schrieb am 17. April 2008 um 12:15 Uhr (#)

    Ich finde das auch ziehmlich übertrieben, dass man wegen den Vorkomnissen in China nicht mehr dahin soll und wenn doch dann nur zum missioniern. Man kann doch da auch Urlaub machen, wenn man ihn eh scon gebucht hat, ohne das Verhalten des Landes gutzuheissen.

  4. arbiter
    schrieb am 17. April 2008 um 12:33 Uhr (#)

    Wer China-Urlaub gebucht hat, wird aus der Buchung ohnehin nicht heraus kommen, nur weil in Tibet Rabatz auf den Straßen läuft. Probates Westmittel des Kalten Krieges war und ist der “wirtschaftliche” Druck. Tourismus ist ein Wirtschaftszweig, und der trainierte Pawlow-Effekt bleibt nicht aus. Der angebliche “Sieg” über Russenkommunismus unterhält Siegesglauben auch gegenüber der chinesischen Variante. Dazu ist jeder Boykott, jedes Embargo, jeder Druck von außen gerade recht. Solch Populismus trägt durchaus Früchte. Einen Haken hat die Sache:
    Selbst noch unter “demokratischen” Gesichtspunkten sind Chinesen letztlich doch die Mehreren.

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