US-Wahlkampf im Netz:
«Politics at the speed of light»

Der US-Wahlkampf findet heute online statt: Im US-Konsulat in München erläuterten US-Vertreter und Professor Jeremy D. Meyer, Autor des Buchs «Wired Politics: Journalism and Governance», die Rolle von Blogs und Web 2.0 im Wahlkampf – und wie sie diesen verändert haben.

Professor Jeremy D. Meyer W.D.Roth
Professor Jeremy D. Meyer zeigt im Münchner US-Konsulat das “Vote Different”-Video gegen Hillary Clinton (Bild: W.D.Roth)

Eine kleine, unbedeutende Szene: Die Hymne der Vereinigten Staaten erklang – und Präsidentschaftskandidat Barack Obama legte seine Hand nicht aufs Herz. Es gibt unzählige Bilder vom singenden Obama mit handbehütetem Herzen – an diesem Tag im vergangenem September in Iowa ließ er die Hand unten. Dieses Bild wurde von konservativen Bloggern aufgegriffen: Obwohl es nicht verpflichtend ist, beim Singen der Nationalhymne die Hand aufs Herz zu legen, werteten sie Obamas Versäumnis als großen Fauxpas und fluteten das Internet mit Bildern und Videos des Ereignisses.

Denn Youtube, Blogs und Flickr bestimmen inzwischen die Wirkung der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten. So zeigen sich bei der Google-Bildersuche nach Hillary Clinton deutlich unvorteilhaftere Fotos auf den ersten Rängen als beim Gegenkandidaten Barack Obama. John McCain steht in der Außenwirkung etwa zwischen den beiden. Barack Obama kam dabei unter anderem ein von einem zunächst anonym gebliebenen (später kostete ihn das seinen Job) Bastler angefertigtes Video zugute, das den 1984-Apple-Spot adaptierte und Hillary Clinton mit einer ihrer Original-Reden als «großen Bruder» darstellte, während Barack die Rolle von Apple übernahm.

Ebenso bekannt wurde das Obama Girl. Reine Werbe- und Propagandavideos bekommen auf Youtube dagegen fiese Kommentare; wer wirklich offizielle Videos der Wahlkampfbüros sehen will, muss über die Youtube-Funktion «Channels» gehen.

Überraschend ist dabei, dass Leser von Politik-Blogs keinesfalls besonders jung sind. In den USA gab es 2004 noch 35 Blogger, die sich am Wahlkampf beteiligten. Inzwischen musste die Anzahl von Bloggern, die sich zur Wahlkampfveranstaltung offiziell anmelden können, bereits eingeschränkt werden: Pro Bundesstaat sind nur noch eine bestimmte Anzahl Blogger zugelassen, die dann allerdings wie Journalisten auf offizielle Veranstaltungen dürfen. Dazu müssen sie 120 Blogpostings über die Wahl nachweisen können, mit ihrem Blog bereits sechs Monate online sein und ein Rating auf Technorati vorweisen können.

Politiker und Journalisten im Zielkreuz von Web 2.0

Professor Jeremy D. Meyer stellte schließlich sein Buch «Wired Politics: Journalism and Governance» vor, dem eins über das Bild des Nahen Ostens in den USA folgen soll. Er sieht hier eine kulturell-historische Weiterentwicklung, einst von der gesprochenen Sprache zur Schrift, dann von der Schrift zu Video, und nun von Video zum WWW.

Die Aufhebung der Privatsphäre im Web 2.0 hat für Politiker bereits wesentlich massiver stattgefunden als für normale Bürger, die erst jetzt langsam die Folgen allzu freizügigen Umgangs mit den eigenen Daten erkennen: Politiker werden schon seit geraumer Zeit von ihren politischen Gegnern mit Videokameras bis auf die Toilette verfolgt, die auf auch nur einen einzigen – teils duch diese Provokationen erst ausgelösten – Fehler ihrer Opfer warten, um diese dann online stellen zu können, so wie es Senator George Allen aus Virginia erging, der vor Wut über die Kameraaufzeichnungen seines Gegners diesen – vor dessen Kameramann – mit einem rassistischen Spitznamen bedachte und sich so aus dem Rennen kickte.

Ebenso haben Blogger den Journalisten Dan Rather 2004 zur Strecke gebracht, als er Dokumente ins Netz stellte, deren Echtheit sehr schnell in Frage gestellt werden konnte. Ein grober Schnitzer und kein guter Journalismus, der diese Karriere in Unehre beendete. Seitdem werden Journalisten allerdings rund um die Uhr ebenso von interessierten Parteien verfolgt und gestalkt wie Politiker, ob nun offen mit der Kamera, wie es Kai Dieckmann einst als Revanche angedroht wurde, oder auch anonym in auch verleumdenden Kommentaren in Foren und Blogs, wenn jemand die politische Ausrichtung eines Journalisten oder seines Mediums missfällt. Auch hier bleiben Störer zwar selten anonym und haben bei Verleumdungen mit persönlichen Folgen zu rechnen, doch den sie störenden Politiker oder Journalisten haben sie erstmal aus dem Verkehr gezogen. Die Macht der Leser und Zuschauer ist heute also weit größer als die der Schreiber und Macher.

Sheila Weir W.D.Roth
Sheila Weir, Information Research Officer am US-Konsulat München, zeigt die Bildersuche nach Obama Barack (Bild: W.D.Roth)

Bei steigendem Einsatz und Zeitdruck in beiden Berufen und der genauen Beobachtung durchs Publikum dürften spektakuläre Affären wie die Liebschaften der Kennedys oder die intimitäten zwischen Bill Clinton und Monica Lewinsky bald der Folklore des 20. Jahrhunderts angehören – heute wäre JFK in den Blogs längst 20x in der Luft zerrissen und in der Folge in seinen Möglichkeiten eingeschränkt worden, bevor Marilyn Monroe eine ernsthafte Chance gehabt hätte, aus der Geburtstagstorte zu springen.

Die Macht der Zuschauer ist heute größer

Andererseits haben Unterstützer von Bill Clinton, die ein Ende der Treibjagd um den Fleck auf dem Abendkleid erreichen wollten und dazu die Website move-on.org gründeten, damit heute eine der aktivsten Politik-Sites in den USA, die 2004 insgesamt 14.000 Werbespots gegen Bush sammelte, von denen die besten 20 Profiniveau erreichten. Heute stellt dieser «User Generated Content» zwar nicht die Lösung für Verlage dar, ohne Redakteure zu Inhalten zu kommen, doch im Wahlkampf auf Youtube ist er zu einer wesentlichen Komponente geworden.

Wer zukünftig noch Wert auf ein ungestörtes Privatleben legt, sollte sich also aus diesen Bereichen heraushalten; Politik und Journalismus werden zu Feldern für Leute, denen egal ist, was über sie und ihre Partner erzählt wird und die nicht mehr eines Tages in eine normale, seriöse Beschäftigung zurück wollen oder müssen, sondern sicher sein können, den Rest ihres Lebens mit dem Einkommen aus Politik bzw. Journalismus auskommen zu können, das bei Staatspräsidenten und Verlagsvorständen durchaus fürstlich sein mag, beim einfachen Landrat oder Autor dagegen eher unterdurchschnittlich und je nach Partei bzw. Spezialgebiet auch nicht zukunftssicher.

Jede Minute werden ungefähr 10 Stunden neuer Beiträge auf Youtube hochgeladen – dies macht eine Vorkontrolle der dort angebotenen Inhalte praktisch unmöglich. Ebenso haben sich bereits zweifelhafte Berichterstatter selbst in die US-Regierungspressekonferenzen, eingeschlichen, die der Regierung Bush angenehme Fragen stellten und deshalb bevorzugt behandelt wurden, wie im Falle Telos News. Die Politiker sind andererseits unter ständiger Beobachtung wie in Foucaults Panoptikum. Die US-Politik ist dadurch sehr persönlich geworden: um einen Politiker anzugreifen und zu besiegen, reicht es heute nicht mehr, seine Politik anzugreifen, sondern er muss selbst als persönlich absolut schlechter Mensch dargestellt werden.

Das Internet fördert den Nonkonformismus, für alles gibt es eine passende Website, und selbst die Anhänger ausgefallenster Ansichten können so glauben, eine maßgebliche Rolle in der Gesellschaft zu spielen, während das Fernsehen eins den Mainstream stärkte. Das Fernsehen kam dabei auch in arme Haushalte, ist für den Konsumenten billiger als Internet, für den Produzenten dagegen teurer.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 8. April 2008 um 16:28 Uhr (#)

    US-Wahlkampf, US-Vertreter, US-Konsulat, US-Politik, ? schreibst Du jeweils auch DE-Wahlkampf, usw.?

  2. SteeleTammy
    schrieb am 17. September 2010 um 10:58 Uhr (#)

    I opine that to get the mortgage loans from creditors you ought to present a good reason. But, one time I’ve received a secured loan, just because I was willing to buy a car.

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