Das Joost-Drama

Ole Reißmann, 6. April 2008 12:44 Uhr, 8 Kommentare Kommentare

Warum das viel gepriesene Programm Zattoo nur Fernsehen von gestern ist und Joost allen Unkenrufen zum Trotz eine glorreiche Zukunft bevorsteht.

Candy Crib auf Joost
Candy Crib auf Joost: So sieht’s aus

Die Technik ist längst vorhanden. Flüssige Bilder in guter Auflösung über das Internet. Für Millionen von Zuschauern. Sendungen auf Abruf, “on demand”, mit Pausetaste. Sogar Live-Sendungen sind mittlerweile möglich. Seit einem Jahr existiert mit Joost eine hervorragende technische Plattform. Gratis, finanziert über Werbung (die sich, dem Internet sei Dank, sogar personalisieren ließe).

Allein bei den Programmbesitzern und Rechteverwaltern ist die freudige Kunde vom Fernsehen der Zukunft anscheinend immer noch nicht angekommen. Deswegen sieht das Joost-Programm auch noch reichlich pubertär aus: Sexy Clips, Cartoons, Musik. Statt auf die zuschauerfreundliche Peer-to-peer Lösung der Skype-Macher Niklas Zennström und Janus Friis setzen sie lieber auf eigene Entwicklungen, warten erstmal ab oder probieren höchstens Zattoo aus.


Joost vs. Zattoo
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Zattoo überträgt herkömmliche Fernsehsender, deren Einverständnis vorausgesetzt, in Echtzeit über das Internet. Nichts weiter. Neuerdings sind sogar die Öffentlich-rechtlichen mit dabei. ProSieben, RTL, Sat.1 und Co. fehlen natürlich. Die Privaten wollen ihre Inhalte lieber Stück für Stück selber über das Internet an die Zuschauer verkaufen. Während das recht durchwachsene Programm von Joost schon Blogger-Häme auf sich zieht, explodieren bei Zattoo die Nutzerzahlen.

Zattoo ist Fernsehen von gestern

Elektronischer Progammguide bei Zattoo
Elektronischer Programmguide bei Zattoo

Nur leider ist Zattoo nichts weiter als herkömmliches Fernsehen. Dabei hat das Programm mittlerweile einen elektronischen Programmguide, eine Art digitale Fernsehzeitschrift. Sortiert nach Kanälen wird angezeigt, welche Sendungen im Programm sind – inklusive Beschreibungen. Im Gegensatz zu modernen Videorekordern mit Festplatte oder Fernsehempfänger für den Computer, die das herkömmliche Kabel- oder DVBT-Fernsehsignale empfangen, fehlt Zattoo aber ein kleiner roter Knopf: Die Aufnahmefunktion.

Dominik Schmid von Zattoo hat dazu schon im September vergangenen Jahres festgestellt: “Eine Aufnahmefunktion wird es aber nicht geben, schon aus rechtlichen Gründen nicht.”

Zuschauen gerne, aufnehmen lieber nicht

Verrückt: Digital ausgestrahltes Fernsehen lässt sich mit einem Empfänger am Computer (rund 50 Euro mit USB-Anschluss) oder mit einem Festplattenrekorder (rund 200 Euro) ohne nennenswerten Qualitätsverlust aufnehmen. Wird derselbe Sender allerdings über das Internet verbreitet, noch dazu in schlechterer Qualität, funktioniert das nicht mehr.

So kann ich zwar als Hamburger endlich den Berliner RBB sehen und somit Jörg Thadeusz kongeniale Talkshow – aber nur, wenn ich dann zufällig Zeit habe. Oder ich klicke mich durch die RBB-Seiten und lade mir den RealPlayer herunter und kann die in drei Häppchen zerstückelte Sendung nach und nach auf meinem Computer ansehen.

Aufnehmen geht natürlich auch wieder nicht.

Auch bei Joost lassen sich Sendungen zwar nicht aufnehmen – aber immerhin zeitversetzt ansehen. Mit Pausetaste. Die Kontrolle über das angebotene Programm und was der Zuschauer damit anstellen darf, verbleibt somit beim Sender. Da könnte die Verantwortlichen Contentlieferanten doch gleich mit Joost kooperieren – und nicht mit Zattoo. In den USA trauen sich einige Networks schon …

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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8 Kommentare

  1. Torsten
    schrieb am 6. April 2008 um 23:59 Uhr (#)

    Nenn Zattoo Fernsehen von gestern ist, ist Joost von vor-vorgestern. Denn bei Zattoo kommen dauernd neue Inhalte, darunter auch sehr hochwertiges. Bei Joost sind immer wieder die gleichen Ladenhüter.

    Ich habs mir nochmal vor einigen Wochen angesehen. Gerade das Angebot von Comedy Central stieß mit dabei übel auf. Colbert? Jon Steward? Nix da. Lieber irgendwas, das wir nicht selbst vermarkten können – und das lassen wir mal ein paar Monate unverändert stehen.

  2. hape
    schrieb am 7. April 2008 um 09:06 Uhr (#)

    Könnte es nicht vielleicht auch sein, dass Fernsehen im Web nur das fünfte Rad am Wagen ist? Wer braucht nach Antenne, Kabel, Satellit und IPTV-DSL noch eine Empfangsmöglichkeit?

  3. Alex
    schrieb am 7. April 2008 um 10:43 Uhr (#)

    Neuerdings sind sogar die Öffentlich-rechtlichen mit dabei. ProSieben, RTL, Sat.1 und Co. fehlen natürlich.

    Das ist nur bedingt richtig; in der Schweiz können die Privaten sehr wohl über Zattoo empfangen werden.

  4. Ole Reißmann
    schrieb am 7. April 2008 um 10:55 Uhr (#)

    Stimmt – aber das doch nicht, weil die Privaten in der Schweiz darüber so glücklich sind und vor Begeisterung jubeln. Die können sich halt nicht dagegen wehren und würden das am liebsten abschalten. Zattoo verbreitet einfach das Programm und zahlt eine geringe Gebühr an Swiss Image, damit haben die Sender nichts zu tun.

  5. Torsten
    schrieb am 7. April 2008 um 10:57 Uhr (#)

    Die große Zukunft von Joost ist offenbar schon vorbei:

    http://focus.de/digital/i…ssen_aid_268595.html

  6. mds
    schrieb am 7. April 2008 um 12:59 Uhr (#)

    @Ole Reißmann: Seit wann wehren sich Free TV-Sender gegen zusätzliche Verbreitungswege, für die sie nichts bezahlen müssen? Das Gegenteil ist doch häufig das Problem, nämlich das Free TV-Sender gar keine Verbreitung erhalten ?

  7. andreas
    schrieb am 7. April 2008 um 22:39 Uhr (#)

    Eine weitere Episode aus der Reihe, dass bessere Technik oder Konzepte nicht zwangsläufig zum Erfolg führen. Vor allem in einer Branche, die einen ganzen Lattenzaun vor dem Kopf hat. Alleine das ist schon der Grund, warum Zattoo Erfolg hat: Sie haben wenigstens Inhalte. Da sieht selbst Cablecom, Schweizers liebster Quasi-Monopolist (hinter Swisscom) alt aus, da sie bei der Analogverbreitung immer mehr Sender abstellen oder verstümmeln. Bei Zattoo kriegt man meines Wissens wenigstens noch das, was beim Sender aus dem Sat-Transponder rauskommt.

    TV on Demand wird es meiner Ansicht nach schwer haben, solange sich die Rechtesituation nicht komplett entkrampft. Die Leute zappen nach wie vor und Geräte im Stile einer TiVo ermöglichen ebenfalls “TV on Demand”, dafür ganz ohne rechtliche Probleme, das sich ausserdem mit Video-on-Demand-Angeboten wunderbar ergänzen lässt. Der Anwender will nicht viel mehr. Und solange sich das einfach bedienen lässt, ist auch egal, wo das alles her kommt.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 11. April 2008 um 17:24 Uhr (#)

    @mds: Das sieht man eben bei dem deutschen Zattoo. Die kleinen Privaten wie Tier-TV, TV Gusto usw. brauchen Zattoo als Verbreitungsweg. RTL und Sat.1 machen ihr Kerngeschäft aber über aufwendig lizenzierte Kabel- und Antennenplätze. Für die ist zusätzliche Verbreitung kein Gewinn, dann schon eher eigene Pay-per-view-Angebote. Denn die haben den schicken Content, die heißen Serien aus den USA usw. usf. fürs große Publikum …

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