Portalbetreiber und ihr Misserfolg mit Social Networks

Vor ungefähr einem Jahr, kurz nach dem Launch von WEB.DEs Social Network UNDDU.DE, äußerten sich Matthias Greve, Vorstand 1&1 Portale, und Matthias Ehrlich, Vorstand 1&1 und United Internet Media, zu den Zielen ihres ambitionierten Projektes: Mit der Neugründung wollten die beiden “das Web 2.0 und Social Networks in Deutschland massenfähig machen”, die Nummer eins im Land werden und innerhalb eines Jahres siebenstellige Nutzerzahlen erreichen. Heute, zwölf Monate später, lässt sich feststellen, dass dieser Plan gründlich misslungen ist. Mittlerweile sind Web-2.0-Dienste und soziale Netzwerke zwar fester Bestand des Internetalltags vieler, vorrangig junger Bundesbürger. UNDDU.DE hat dazu jedoch nichts beigetragen. Die entscheidenden Akteure heißen unter anderem studiVZ, schülerVZ, wer-kennt-wen.de, lokalisten und KWICK!.

Während jedes dieser aus Deutschland stammenden Netzwerke mehr als eine Million Mitglieder zählt, ist es UNDDU.DE trotz Investitionen im achstelligen Eurobereich und der Beteiligung von über 30 Mitarbeitern (laut Greve und Ehrlich) nicht gelungen, eine nennenswerte Userbasis aufzubauen und dadurch das bei Social Networks unbedingt notwendige virale Wachstum einzuleiten. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber Alexas Reichweitenstatistik spricht eine deutliche Sprache. Alexa ist zwar, wenn es um den Vergleich von Webangeboten aus verschiedenen Ländern oder mit sich deutlich unterscheidenden Nutzergruppen geht, berühmt-berüchtigt für seine unzuverlässigen Analysen. Bei der Gegenüberstellung der Reichweitenentwicklung von UNDDU.DE, KWICK!, lokalisten und wer-kennt-wen.de darf man aber von einem weitgehend realistischen Bild ausgehen: Alle vier Seiten werden primär von deutschen Anwendern angesteuert, die sich in ihrer Gesamtheit nicht in eine spezielle Nische einordnen lassen sondern in der jeweiligen Altersgruppe dem Durchschnittsuser nahe kommen.

unddualexa.gif

Der Alexa-Graph bestätigt den subjektiven Eindruck eines äußert geringen Mitgliederaufkommens bei UNDDU.DE. WEB.DE ist es als eines der meistbesuchten Portale in Deutschland innerhalb eines Jahres nicht gelungen, Leben in die UNDDU.DU-Bude zu bringen, was angesichts des oben erwähnten Aufwands schon eine beachtliche “Leistung” ist. Nach zirka zwei Jahren des Social-Network-Booms in Deutschland wird deutlich, dass es bei der Gründung eines auf die breite Masse ausgerichteten Netzwerks kein Vorteil ist, ein viel besuchtes Portal im Rücken zu haben. Nicht viel besser als UNDDU.DE geht es meineleute.de, der im September lancierten Community des eigentlich erfolgreichen Portalbetreibers allesklar.com AG (u.a. meinestadt.de und Allesklar). Auch die Telekom war mit der Entwicklung ihres Social Networks T-Community nicht zufrieden und schloss den Dienst Ende 2007.

Deutschlands führende soziale Netzwerke begannen alle als unabhängige Startups, von denen später einige aufgekauft wurden. Das Wachstum von Social Networks ist schwer steuerbar und ihre Erfolgsaussichten lassen sich kaum vorhersagen. Angesichts der Geschehnisse müsste man etablierten Internetanbietern, die bisher keine oder nur eine geringe Präsenz im Social Web haben, heute von einer Eigengründung abraten und stattdessen eine Akquisition empfehlen. Startups dürfen sich freuen und auf das große Los hoffen!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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10 Kommentare

  1. Jens Kammerer
    schrieb am 5. April 2008 um 11:30 Uhr (#)

    Hallo Martin!

    Schöner Bericht, der auch unsere Meinung und Erfahrung wiederspiegelt. Man kann halt nicht alles erzwingen – oft auch nicht mit Geld.
    Schön, dass es in der Community-Landschaft noch unabhängige und eigenständige Portale wie Jappy und KWICK! gibt. Und vorallem schön, dass letztendlich doch die Mitglieder entscheiden, welches Angebot aktiv genutzt wird und welches nur als Millionengrab in die Geschichte von “Web 2.0″ eingehen wird.

    Gruß,
    Jens Kammerer

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 5. April 2008 um 15:02 Uhr (#)

      Jup. Sorry, dein Kommentar blieb im Spamfilter hängen (wie seit einigen Tagen auch meine eigenen *g), deshalb taucht er erst jetzt hier auf.

  2. Severin
    schrieb am 5. April 2008 um 12:08 Uhr (#)

    Es wird auch zukünftig interessant wie sich die nutzergruppen verschieben.

    Der Vorteil ist ja, man kann sich bei mehreren SNs anmelden. Gefällt es den Leuten woanders besser, sind die auch schnell wieder weg. Da zieht auch das Argument, dass alle Freunde schon bei einem anderen Netzwerk sind nicht, weil die es genauso machen.

    Leider wird das bei den Nutzerzahlen nicht beachtet, wenn ich täglich bei Facebook Nachrichten Schreibe, aber nur wöchentlich bei StudiVZ eingegangene Nachrichten checke, erscheint man in beiden Nutzerstatistiken.

    Man sollte die Statistiken nach Seitenaufrufen oder Verbleibzeiten aufstellen. Die hätten eine stärkere Aussagekraft, allerdings kann ich mir gut vorstellen das gerade Holzbrink angst hat die Karteileichen wegzurechnen.

  3. Severin
    schrieb am 5. April 2008 um 12:14 Uhr (#)

    Tschuldigung,

    bin jetzt erst auf den Alexa-Graph gegangen und hab entdeckt, dass das ja schon so berechnet wird.
    Also 2. Teil meines Beitrags ignorieren.

    Leider gibts keine Edit-Funktion.

    mfg Severin

  4. Gründernet
    schrieb am 5. April 2008 um 13:19 Uhr (#)

    Hi Martin, Du brauchst einen klare Zielgruppenabgrenzung und einen klaren Nutzen (einfach, aber nachwievor wahr), UNDDU ist da zu allgemein gehalten, weil man es eben allen rechtmachen will/wollte, aber das hat kein Potential, wie man sieht. Sich klar zu Fokussieren und zu sagen “wir sind das Portal für Studenten und bei uns kannst Du die Blondine aus der Mensa kontaktieren” (siehe studivz) lässt sich da deutlich einfacher (viral) etablieren und im nächsten Schritt kann man dann ja weitere Zielgruppen dazunehmen (schuelervz, megavz, xyz-vz…) und am Ende hat man ggf. auch den breiten Markt im Portfolio…, VG, René

  5. Daniel Thomaser
    schrieb am 5. April 2008 um 13:57 Uhr (#)

    Ob es an den zu engen Krawatten liegt? ;o)

    Ich denke interessant wäre jetzt mal zu betrachten, welche Start-Ups übrehaupt potenzielle Übernahmekandidaten sind. Spontan fallen mir da nicht allzu viele ein…

  6. Martin Weigert
    schrieb am 5. April 2008 um 14:59 Uhr (#)

    Severin: Die Nutzungshäufigkeit bzw. -intensität ist natürlich ein sehr wichtiger Aspekt. Im obigen Artikel erschien es mir aber einfacher und logischer, die Reichweite zu vergleichen

    Stimmt René, und bei KWICK, lokalisten und WKW lag die anfängliche Zielgruppenabgrenzung in der starken Fokussierung auf eine bestimmte Region.

    Daniel, im übertragenen Sinne kann das gut sein. Bei Startups ist man sicher eher zu spontanten und unkonventionellen Lösungen/Wegen bereit als bei den großen, hierarchisch aufgebauten deutschen Internethäusern.

    Die derzeit boomenden Wohncommunities könnte ich mir gut als Übernahmeziele vorstellen. Eine Monetarisierung mit Werbung sollte angesichts der Affinität der User für Einrichtungsgegenstände erheblich einfacher sein als die bei allgemein ausgerichteten Social Networks.

  7. Daniel Thomaser
    schrieb am 6. April 2008 um 10:30 Uhr (#)

    @Martin:
    Ich hab beide Seiten erlebt und es ist genau so. Ich merke auch, dass sich in einem Start-Ups eine einzigartige kreative Atmosphäre erzeugt
    wird, die sich einfach nicht reproduzieren lässt.

    Wohncommunities können mit Sicherheit interessant sein, gehen aber strategisch in eine andere Richtung. Mit Sicherheit kann man damit
    Geld verdienen, aber darum geht es den großen Portalen bei Akquistionen dieser Art doch nicht. Und Marktmacht/Reichweite/Nutzerbindung kann man doch eigentlich nur mit einem breit-aufgestellten Netzwerk erreichen. Oder?

  8. Martin Weigert
    schrieb am 6. April 2008 um 11:03 Uhr (#)

    Achso ja ich dachte eher generell an potentielle Übernahmekandidaten. Für Portale sind Wohncommunities sicher nicht so interessant, aus den von dir genannten Gründen.

  9. Oliver Springer
    schrieb am 6. April 2008 um 23:07 Uhr (#)

    Es allen recht machen zu wollen, ist schon mal eine gute Möglichkeit, es falsch zu machen. Mit einem klaren Profil hat man mehr Chancen, denke ich auch.

    Hat facebook noch ein (klares oder überhaupt ein) Profil? Ich glaube daran, dass es eine handvoll allgemeiner Social Networks geben kann – und sehr viele spezialisierte, etwa um Marken herum aufgebaute.

    Ich glaube jedoch nicht, dass es von Nachteil sein kann, ein großes Portal im Rücken zu haben. Das bringt dann möglichweise eine andere Atmophäre im Unternehmen mit sich, das Problem sehe ich. Die enormen Promotionmöglichkeiten eines großen Portals können in meinen Augen jedoch nur ein Vorteil sein.

    UNDDU.DE: Vielleicht hätten sie lieber runde Ecken nehmen sollen…

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