Re:publica 08, Interview mit Benedikt Köhler:
Gegen die Page Impressions

Während der re:publica 08 wurde die “Arbeitsgemeinschaft Social Media Forschung” gegründet. Der Mitgründer Benedikt Köhler möchte Blogger und Wissenschaftler dazu bewegen, ein Messsystem jenseits der Page Impressions aufzubauen. Denn diese führen nur zu noch mehr Bildergalerien und zerhackten Artikeln.

Wir führen das Gespräch mit dem Soziologen Benedikt Köhler (blog.metaroll.de) am Rande der re:publica 08.

Wieso heisst Dein Blog viralmythen?

Das ist ein Kunstwort. Ich hatte damals das Buch Trivialmythen auf dem Schreibtisch liegen und da lag dieser Titel nahe – irgend einen Namen muss es ja haben.

Wieso bist du an der re:publica?

Gestern haben wir die Online-Befragung, mit der wir die kürzlich durchs Netz gegeisterte Free Burma Aktion auf ihre Nachhaltigkeit überprüft haben, vorgestellt.

Wie gefällt es dir hier?

Die taz hat ja geschrieben: ?Klassentreffen der Appleträger?. Es ist halt ein Treffen von Leuten, die sehr ähnlich denken und darum fehlt natürlich die Kontroverse. Das, was ich gesehen habe, war aber schon sehr selbstgefällig. Es wird fast nicht in die Zukunft gesehen, sondern man feiert lieber seine Projekte. Es ist schon etwas merkwürdig: Einerseits neigen die Blogger dazu, sich als Gegenveranstaltung darzustellen. Andererseits ist aber jeder zur PR in eigener Sache unterwegs.

Wie heisst dein neuestes Projekt?

Mein aktuelles Projekt heisst ?Arbeitsgemeinschaft Social Media?. Ich habe dazu in meinem Blog aufgerufen, es haben sich gleich einige gemeldet und wir haben uns hier getroffen.

Die Idee des Projekts umfasst zwei Punkte: Einmal die Festlegung von Standards bei der Vermessung und wissenschaftlichen Erforschung der Blogosphäre, sowohl quantitativ (im Sinne von Reichweite) als auch qualitativ (im Sinne von: wer ist das überhaupt).

Zweitens, und das baut darauf auf: Die politische und gesellschaftliche Relevanz von Blogs auf die Öffentlichkeit festzustellen und zu belegen.

Bei der Werbevermarktung gibt es schlicht keine Metriken, die die Reichweite sinnvoll abbilden können. Einfachstes Beispiel: Die Page Impressions, die nach wie vor das gängige Kriterium sind. Die bilden aber das Nutzerverhalten nur sehr ungenau ab, weil sie eine Startseite gleich werten wie ein einzelner Artikel, wie auch ein einzelnes Bild in einer Bildergalerie.

Wieso braucht es diese Arbeitsgemeinschaft Social Media überhaupt?

Es wird in Zukunft eine neue oder andere Blog- oder eine Reichweitenwährung geben – das wird unweigerlich kommen. Und wenn die von den grossen Verlagen ausgearbeitet wird, dann ist zu vermuten, dass bei dieser neuen Währung dann auch die grossen Portale am besten abschneiden werden. Darum ist es besser, wenn die Initiative aus
Bloggerkreisen und aus Forscherkreisen kommt.

Wer ist bei der Arbeitsgemeinschaft alles dabei?

- Jörg Blumtritt (Head of Community Research, Burda, München)
- Dr. Benedikt Köhler (blog.metaroll.de)
- Dr. Stephan Baumann (Head of Competence Center Computational Culture, DFKI, Kaiserslautern)
- ethority GmbH – Communication & Marketing Strategies, Hamburg, Weblog)
- Marc Scheloske (wissenswerkstatt.net)
- Lars Alberth (Soziologe)
- Dr. Tina Guenther (sozlog.de)
- Alexander Richter (kooperationssysteme.de)
- Sascha Lobo (adical.de)

Außerdem haben wir schon zahlreiche weitere Anfragen potentieller Mitglieder.
Es wird sich herausstellen, wer da wie mitarbeiten will und wird. Das Ziel ist, die Gemeinschaft auf eine institutionelle Basis zu stellen. Welche institutionelle Form die Arbeitsgemeinschaft einnehmen könnte, wissen wir noch nicht. Es könnte sich aber zum Beispiel um einen gemeinnützigen Verein handeln.

In einem ersten Schritt geht es darum, die Grundlagen festzustellen: Was muss man überhaupt messen, um Blogreichweiten feststellen zu können?

Wie wollt ihr euch finanzieren?

Durch Sponsoren und durch institutionelle Mitglieder, also ähnlich, wie sich bereits bestehende Arbeitsgemeinschaften finanzieren.

Was kommt denn alles in Frage, um gemessen zu werden?

Das Projekt beschränkt sich auf Social Media, das heisst auf alle interaktiven Anwendungen, bei denen Nutzer selber publizieren können (Blogs, Wikis, Twitter, Foren, Social Networks). Das klassische, einseitige, massenmediale Broadcasting (Onlineportale wie Spiegel Online) interessiert uns dagegen nicht.

Was ist denn schlecht an der bisherigen Messung?

Ich sehe bei den IVW-Auswertungen nicht die Zukunft, weil das zu einer Fokussierung auf die Klickzahlen führt mit Auswüchsen wie sinn- und endlosen Bildergalerien oder zerhackten Artikeln, die man statt auf sechs Seiten auch nutzerfreundlicher auf einer Seite anzeigen könnte zum Beispiel. Und das ist das Gegenteil einer intelligenten Medienverwendung. Es fällt mir echt schwer, darin etwas positives zu sehen. Das ist ja nicht die Bösartigkeit dieser Portale, sondern es ist das System, das automatisch zu solchen Sachen führt.

Was macht ihr anders?

Das ist in der Diskussion. Die Frage stellt sich, was das Atom eines Blogs ist. Der Blogbeitrag wäre ein denkbares Thema. Wie oft überhaupt ein einzelner Blogbeitrag überhaupt gelesen wird, kann man ja bisher nicht nachvollziehen: Alle bisherigen Ausweisungen berücksichtigen ja zum Beispiel nicht die Zahlen aus den Feedreadern. Die absoluten Reichweitenzahlen sind im Bereich Blogs nur die halbe Wahrheit.

Was ist mit Feedburner?

Über die von Feedburner publizierten Zahlen hat man ja so manches gehört. Das Hauptproblem dabei ist: Man weiss nicht, wie das gezählt wird. Jeder zählt es auf seine Weise. Es fehlt die Transparenz für den Nutzer und für den Wissenschaftler.

Was hast du eigentlich studiert?

Soziologie, habe vor zwei Jahren promoviert.

Wie lange beschäftigst du dich schon mit Blogs?

Aktiv blogge ich seit etwa einem Jahr, ich lese aber schon länger Blogs. Etwa fünf oder sechs Jahre schon.

Wie geht es nun weiter?

Wir werden über das Wochenende auf www.mediagnosis.de ein Blog aufsetzen und transparent darüber berichten, was wir so machen und was der Stand der Arbeiten ist. Mir ist es ein Anliegen, herauszufinden, wer hinter dem Leser steckt. Wen erreicht man überhaupt mit Blogs. Darauf gibt es zurzeit keine zuverlässigen Antworten.

Interessant ist, dass im Vergleich zwischen soziologischen Blogs und soziologischen Fachzeitschriften in Print die Blogs längst die höheren Reichweiten haben. Das ist in anderen Bereichen auch so. Das kann man relativ leicht herausfinden, in dem man die Printauflage mit den Blogbesucherzahlen vergleicht. Es fragt sich dabei natürlich, was wie intensiv gelesen wird.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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13.4.2007, 11 KommentareDie Medien(r)evolution - re-live von der re:publica

Re-Live-Blogging der Veranstaltung

16 Pingbacks

  1. [...] ökonomWie? | | von sms um 15:26lars alberth hat offenbar benedikt von viralmythen getroffen… ronnie grob hat mit benedikt in medienlese gesprochen… jaja: die hard blogging scientist szene… himmel… wichtiger als all ihre schrägen ideen [...]

  2. [...] und gesellschaftliche Relevanz festzustellen. Genaueres findet man in einem Interview von Benedikt Köhler bei medienlese und sehr bald auf der [...]

  3. [...] semi-professionelle "Krisenmanagement". [?]Bei der Medienlese findet sich bereits ein Interview mit Benedikt Köhler zu den Zielen der "AG Social Media" [?]Was ja eben für [...]

  4. [...] p.s. Es folgt demnächst noch eine Ergänzung zu der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Social Media Forschung. Benedikt hat bereits die wichtigsten Auskünfte im Interview mit Medienlese gegeben. [...]

  5. [...] Leute wie im Jahr zuvor, die dann auch oft noch die gleichen Themen wie im Jahr zuvor behandelten. Für Benedikt Köhler beispielsweise war vieles selbstgefällig, ihm fehlte die Kontroverse und der Blick in die Zukunft: [...]

  6. [...] “re-publica 08, Interview mit Benedikt Köhler: Gegen die Page Impressions” [...]

  7. [...] war auch auf der Re:publica 08 Thema, dort wurde über Messmethoden jenseits von Page-Impressions nachgedacht. Denn möglichst reißerische Titel und lange Bildstrecken mit nackter Haut, da waren sich die [...]

  8. [...] ist schon beachtlich, obwohl sich die AG noch im Aufbau befindet. Neben den Weblogs misfitsbiz, medienlese, Wissenswerkstatt, art2.0, m&c, asbuka haben auch die  W&V, Internet World, Yahoo News [...]

  9. [...] Probleme bei der quantitativen und qualitativen Bewertung von Blogs erklärt Benedikt im Interview bei medienlese.com: “Bei der Werbevermarktung gibt es schlicht keine Metriken, die die Reichweite sinnvoll [...]

  10. [...] hierzu auch das Interview mit Benedikt Köhler über Page Impressions auf der re:publica [...]

  11. [...] Sitzung zugegen und fand die Diskussion außerordentlich spannend. Ausgangspunkt ist die Kritik an den Page Impressions, also der Ermittlung von Erfolg und Relevanz von Online-Angeboten wie von [...]

  12. Arbeitsgemeinschaft Social Media…

    Seltsam das es mir entgangen ist, aber kann schon mal passieren sowas. Erst als mir die hausinterne Pressemitteilung auf den Tisch fiel und ich mit Heiko darüber geredet hatte, wusste ich Bescheid und habe ein bisschen recherchiert. Jetzt bin ich zumi…

  13. Arbeitsgemeinschaft Social Media…

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  14. [...] vorzubeugen: Maße und Konzepte wie TKP (Tausend-Kontakte-Preis), UV (Unique Visitors) und PI (Page Impressions) sind noch lange nicht passé und auch keine ?falschen? Maße, wie dies [...]

  15. [...] Erfolg von Web-Projekten, wenn man nicht über interne Daten wie  UV (Unique Visitors) und PI (Page Impressions) verfügen kann? Wenn hinzu kommt, dass die Projekte eher klein und teilweise [...]

  16. [...] Wir sprachen schon vor einem Jahr mit Benedikt Köhler, der damals den Verein initiierte, einen Monat später erfolgte dann die offizielle Gründung als Arbeitsgemeinschaft Social Media. [...]