Auflagen in Österreich:
Viele Gewinner, alle verlieren

Markus Kirchsteiger, 31. März 2008 10:03 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Österreichs Zeitungen und Zeitschriften haben im Jahr 2007 viele Leser verloren. Einige Medien mussten deutliche Verluste einstecken. Vor allem junge Österreicher holen sich ihre Informationen lieber im Internet. Und das tun sie so intensiv wie nie zuvor.

Zeitung (cc:Moe_)
Keine Krise? (Bild cc:Moe_)

Wenn die Leserzahlen für die österreichischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht werden, findet jedes Medium eine Kategorie, in der es besser als alle anderen war oder zumindest gut abgeschnitten hat. Diesmal allerdings wird es wohl für alle schwer, sich als Gewinner darzustellen: Sieger gab es 2006 so gut wie gar nicht. Verlierer dagegen zuhauf. Das zeigen die Daten der Media-Analyse für das Vorjahr. In rund 15.000 persönlichen Interviews ermitteln Meinungsforschungsinstitute jährlich, wie viele Österreicher ein Blatt tatsächlich lesen.

Viele Zeitungen mussten signifikante Verluste einstecken. Die am meisten gelesene Zeitung Österreichs, die Kronen-Zeitung, führt mit fast 3 Millionen Lesern noch immer weit vor der Kleinen Zeitung, die über 800.000 Leser hat. Die Krone hat 85.000 Leser verloren, die Leserzahlen der Kleinen blieben stabil. Besonders schmerzhaft ist der Leserschwund für den Kurier und die Presse. Der Kurier verliert 44.000 Leser, die Presse 33.000. Damit liegt der Kurier bei knapp über 620.000 Lesern, die Presse hat nur mehr 267.000 Leser.

Insgesamt ist die Nutzung der Tageszeitungen von 72,7% auf 70,0% gesunken – ein deutlicher Rückgang innerhalb eines Jahres. Vor zehn Jahren griffen noch 76,1% der Österreicher zur Tageszeitung. Schuld daran ist laut Media-Analyse das Internet: Immer mehr Österreicher besitzen nämlich einen Breitbandzugang. Im Jahr 2007 ist die Anzahl der Breitbandanschlüsse um 57% (527.000) gewachsen. Mehr als 2,2 Mio. Breitbandzugänge gibt es nun dank starken Zuwachsraten bei mobilem Internet. Auch Pauschaltarife für mobiles Internet auf Handys und Laptops machen Wolfgang Bretschko und Wolfgang Plasser von der Media-Analyse für den Einbruch bei den Leserzahlen verantwortlich.

Zeitungsinhalte im Web boomen dagegen wie nie zuvor. Da man die Leserzahlen der Onlineportale nicht in die Auswertung integriert habe, könne man durchaus die These wagen, dass es noch nie so viele Zeitungsleser wie heute gegeben habe. Außerdem fehlen die in der Media-Analyse die Zahlen der Gratis-Tageszeitung heute und von Österreich, das im September 2006 gegründet wurde. Zahlen von Gratis-Zeitungen werden in der Media-Analyse generell nicht veröffentlicht und die Daten von Österreich werden wegen eines Streits erst im März 2009 publiziert. Rechnet man heute und Österreich allerdings in die Media-Analyse ein, dann ergibt sich eine Reichweite von 74,9%. Print ist in Österreich also noch nicht tot.

Ein kleiner Trost ist das für die Zeitschriften. Ihre Leserzahlen gingen großteils ebenfalls zurück. Besonders hart getroffen hat es die Nachrichtenillustrierte News, die über 170.000 Leser verloren hat und nun bei etwa 770.000 Lesern liegt. Auch profil, Format und Woman - sie erscheinen alle im gleichen Verlagshaus – hatten 2007 weniger Leser als 2006. Aber auch Zeitschriften setzen zunehmend auf das Internet. Keine Selbstverständlichkeit in Österreich, wo man nur die wenigsten Texte aus der gedruckten Zeitschrift auch online lesen kann.

Großteils bieten die Onlinedienste der Zeitschriften Unterhaltung statt Information. Höchstens ein paar Nachrichten-Häppchen findet man auf der Seite der Verlagsgruppe News, die die Leser ihrer verschiedenen Zeitschriften auf ein gemeinsames Onlineportal lockt. Höherwertige Inhalte findet man dort kaum, wobei es auch in den gedruckten Produkten selten wahre Perlen zu entdecken gibt.

Die Krise des Print haben die österreichischen Zeitungs- und Zeitschriftenmacher noch nicht ausgerufen. Die Zeitung am Frühstückstisch gehört für Herrn und Frau Österreicher eben noch immer zum Alltag dazu. Daran wird sich sobald auch nichts ändern. Allein die junge Generation zeigt sich von den gedruckten Blättern wenig beeindruckt. Sie holt sich ihre Informationen lieber per Handy oder Computer im Internet. Daran scheinen auch die Gratis-Zeitungen wenig zu ändern – als Einstiegsdroge, wie von einigen Medienexperten gehofft, reizt die gedruckte Gratisinformation fast keinen Jugendlichen mehr.

Und wenn das der Großteil der österreichischen Zeitungen und Zeitschriften nicht kapiert, dann werden die beiden erfolgreichsten Informationsangebote im Internet, orf.at und derstandard.at, wohl noch lange leichtes Spiel haben. Wobei ihnen ein bisschen Konkurrenz nicht schaden würde.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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