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Amerikanische Zeitungen: Es sieht düster aus

Von Andreas Göldi am 30. März 2008 um 17:13 Uhr Kommentare (5)
Kategorien: Analysen

Die neusten Zahlen der Newspaper Association of America (NAA) zeichnen ein düsteres Bild des amerikanischen Zeitungsmarktes: 2007 haben die US-Verleger nicht weniger als 9.4% an Print-Werbeumsätzen verloren. Schlechter war noch kein Jahr seit 1950, seit diese Zahlen überhaupt erhoben werden. Sogar das Krisenjahr 2001 war mit 9% Verlust noch ein bisschen weniger schlimm. Das absolute Print-Werbevolumen ist mit $42.2 Mia. etwa wieder auf dem Niveau von 1998 angekommen — Inflation nicht berücksichtigt.

Einziger Trost für die Verleger sind die Online-Umsätze, die immerhin 18.8% stiegen. Das war allerdings weniger als auch schon (2006 waren es noch 31%), und mit immer noch nur 7.5% der Gesamtumsätze ist Online auch nicht geeignet, die Zeitungskonzerne zu retten.

Die Ursachen für diese Rückgänge sind vielfältig: Einerseits sind die amerikanischen Zeitungen wie Print-Produkte in den meisten Industrieländern von stark fallenden Leserzahlen betroffen.

Hinzu kommt die aktuelle Immobilienkrise, die zu einem Einbruch bei den Immobilien-Kleinanzeigen geführt hat. Und das allgemein mässige wirtschaftliche Klima lässt selbst die grossen nationalen Werbekunden vorsichtiger mit ihren Werbebudgets umgehen.

Das ist alles eigentlich nicht sehr überraschend, aber bedenklich ist, wie schnell diese negative Entwicklung bereits spürbar auf die Qualität der Berichterstattung durchschlägt. Da die meisten grossen Zeitungskonzerne bereits fleissig Stellen im redaktionellen Bereich streichen, können sich viele Zeitungen keine umfassenden Korrespondentennetze mehr leisten.

Amerikanische Zeitungsreporter im Irak sind rar geworden, und das dürfte unter anderem auch ein Grund dafür sein, dass die Berichterstattung über den Krieg immer mehr zurückgeht. Einige grosse Zeitungen leisten sich inzwischen gar nicht mal mehr dauerhaft abgestellte Korrespondenen für den Präsidentschaftswahlkampf. Eigentlich ist es Tradition, dass die Kandidaten ständig von Reportern der grössten Zeitungen begleitet werden, aber auch einige grosse Blätter können oder wollen das nicht mehr bezahlen.

Gleichzeitig werden auch die Renommierblätter deutlich sensationsgeiler und versuchen, mit Skandalstories auf Teufel komm raus Leser zu gewinnen. So hat beispielsweise die New York Times in den letzten Monaten unter anderem damit geglänzt, Präsidentschaftskandidat McCain eine Liebesaffäre mit einer Lobbyistin anzudichten, aber die Beweislage stellte sich leider als äusserst dünn heraus. Und die Prostituionsaffäre um New Yorks Gouverneur Spitzer beherrschte tagelang die Titelseiten. Wiederum war es die New York Times, die im Sinne fundierter politischer Recherche als erste ausführlich die MySpace-Fotos von Spitzers Gespielin publizierte.

Und das ist wohlgemerkt noch die weiterhin unangefochten Beste unter den amerikanischen Tageszeitungen. Wenn man sich die kleinere Konkurrenz anschaut, sieht es oft wirklich sehr ernüchternd aus mit der journalistischen Qualität.

Der Wechsel der Leser zu Online-Medien ist im vollen Gange, aber die Medienbranche scheint noch keine Antwort darauf gefunden zu haben, wie auch in dieser neuen Welt Qualitätsjournalismus sichergestellt werden kann.


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5 Kommentare

Matthias

Um mir die Zahlen zu visualisieren (und weil ich nicht schlafen kann), habe ich das mal schnell als Diagramm gebastelt:

http://www.pictureupload.de/originals/pictures/310308024312_ums_tze_zeitungen.png

Was mich da doch erstaunt hat:

1. Online ist doch immernoch kleiner als ich dachte (bzw. wie man mit Blick auf das Internet vielleicht denken könnte).

2. Seit dem Börsencrash 2001 gehts den Bach runter mit Print? Naja nicht so ganz, es gab immerhin eine deutliche Erhohlung 2003-2005, hätte ich so auch nicht erwartet.

3. Erstaunt bin ich auch über das immernoch in absoluten Zahlen recht hohe Niveau des Classifieds-Bereiches:

http://www.pictureupload.de/originals/pictures/310308025107_ums_tze_zeitungen_classifieds.png

Klar, wegen Immobilienkrise sieht das jetzt besonders dramatisch aus. Trotzdem: Selbst mit diesem Rückgang ist der Classifieds-Markt für US-Zeitungen immernoch mehr als 4x so groß wie Online.

Gerade du Andreas hast ja in Sachen Classifieds schon den Abgesang geschrieben, und angesichts von kostenlosen Angeboten wie Craiglist, den spezialisierten Marktplätzen und nicht zuletzt Ebay hätte ich insbesondere für den US-Markt doch noch viel dramatischere Zahlen erwartet. Ich meine 14 Mrd. Dollar Umsatz in einem Markt den es eigentlich kaum noch geben dürfte ist doch gar nicht mal schlecht, zumal die USA bei der Entwicklung ja Europa oder speziell Deutschland noch locker 2 Jahre vorraus ist.


Andreas Goeldi

@Matthias: 1. Ja, online ist immer noch irrational klein, siehe Beitrag von neulich.

2. Werbung ist immer sehr zyklisch, und das Auf und Ab der Konjunkturphasen ist oft staerker als der generelle Trend. Aber die Taeler werden eben tiefer, und die Hoehen weniger hoch.

3. Klar, der Classifieds-Markt ist immer noch sehr gross, obwohl es dafuer meiner Meinung nach keine rational-wirtschaftliche Erklaerung gibt. Aber alte Gewohnheiten sterben eben nur sehr langsam aus, sonst gaebe es z.B. auch schon lange keine Bankschalter mehr. Wechsel in den Mediennutzungs-Gewohnheiten spielen sich halt ueber Generationen ab.


Matthias

Ok danke für dein Statement. Du hast dich ja früher schonmal intensiv mit (schweizer) Tageszeitungen auseinandergesetzt, deshalb noch mal eine spezielle Frage dazu: In den Editorials zur Preiserhöhungsrunde 2007 habe ich öfters das Argument “steigende Papierpreise” gelesen. Ist das nur Rhetorik oder macht der Kostenfaktor Papier bei einer Tageszeitung wirklich einen signifikanten Teil der variablen Kosten aus bzw. weisst du zufällig wie hoch der ist? Und sind die Papierpreise wirklich schneller als die Inflation gestiegen, zumal die Nachfrage nach (Zeitungs-)Papier doch eigentlich sinken müsste?


Andreas Göldi

@Matthias: Etwa 20% der Kosten fuer eine Zeitung gehen fuer das reine Papier drauf. Es ist also ein sehr signifikanter Kostenfaktor, und bei den eh schon duennen Gewinnmargen tut jeder Prozentpunkt weh. Allein seit Anfang Jahr sind die Papierpreise um etwa 6% gestiegen, das merkt man dann schon in der Kasse.


Matthias

@andreas: danke! 20% ist wirklich viel, hätte ich nicht erwartet. die frage, warum die papierpreise steigen, habe ich inzwischen ergooglelt:

http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=051221016

stichwort “monopolstellung skandinavische papierindustrie”

so haben die verlage tatsächlich kostendruck + umsatzrückgang, das erklärt die teils rigiden sparmaßnahmen schon ganz gut.


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