Der heisse Stuhl

Talkgäste verunsichern? Erst befragen, wenn sie ordentlich Wein gebechert haben? Ein Rückblick auf den schmalen Grat zwischen journalistischem Mumpitz und frischem Fernsehformat.

Der heisse StuhlEs gibt Formate, die journalistisch so hart und unerbittlich wirken wollen, dass es fast schon lustig ist. Da wird ein Gast, der “in die Zange genommen” werden soll auf einen Stuhl gesetzt, der so heiss sein soll, dass es ihm ungemütlich wird. Oder der Fragende umrundet den Befragten so, dass dieser nicht mehr weiss, wo vorne und wo hinten ist.

“Explosiv – der heisse Stuhl” lief von 1989 bis 1994 auf RTLplus und tatsächlich, der Stuhl sieht aus wie ein Marterpfahl oder Scheiterhaufen, ein kalter, hoher Bau aus Stahl, an dem nur aus Gründen der Menschlichkeit noch ein paar Kissen angebracht wurden:

Fernsehserien.de beschreibt die Sendung “Explosiv – Der heiße Stuhl” so:

Am Anfang jeder Sendung stand eine provokante These eines Gasts, der damit auf dem “Heißen Stuhl” Platz nahm. Der bestand im Grund nur aus einem Kissen auf einem spitzen Dreieck aus Draht mit Sitzfläche. Dem Gast gegenüber standen vier bis fünf Kontrahenten, die anderer Meinung waren. Es ging laut zu, die wenigsten Diskussionsteilnehmer konnten allein zu Wort kommen, geschweige denn ausreden, und sobald die Lautstärke nachließ, heizte Moderator Ulrich Meyer die Stimmung wieder an. Die Gäste schrien sich an, oft wurde es polemisch, manchmal persönlich. Da es zuvor keine vergleichbare Sendung gegeben hatte, hatte das Konzept Erfolg, erreichte gute Einschaltquoten und wurde zu einem Symbol für das Privatfernsehen schlechthin.

Ich kann mich entsinnen, dass das sehr boulevardesk war, aber oft auch ziemlich witzig, manchmal sogar ergiebig. Jedenfalls potentiell ergiebiger als die langweiligen Geprächsrunden auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen, bei denen einem das Gesicht schon bei der Vorstellung der Gäste einschlief.

Die Idee des heissen Stuhls wurde in der Rundschau des Schweizer Fernsehens ab 1994 variert. Hannes Britschgi, eben neu zum stellvertretenden Chefredaktor des SonntagsBlicks ernannt, umkreiste seine Gäste wie ein Geier und stellte mal von hinten links seine Fragen, dann wieder von der Seite oder frontal – was diese wie erwünscht oft verwirrte und zu Aussagen reizte, die sie sonst so wohl nicht getroffen hätten. Einige Ausschnitte davon sind in den “Highlights aus 40 Jahren” der Rundschau zu sehen, seit der unsäglichen Reform leider nicht mehr direkt verlinkbar (ab 8:50 Minuten).

Wie wäre es eigentlich mal mit einer Talkshow, in die der Gast nur reinkommt, wenn er mindestens einen Liter Wein getrunken hat? In Vino Veritas – und nach der Wahrheit sucht ja aller Journalismus.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Chris
    schrieb am 29. März 2008 um 13:56 Uhr (#)

    Der Heiße Stuhl macht(e) Kanzlerinnen… :D

    http://newsimweb.netzeitu…/kolumne/351507.html
    http://stern.de/lifestyle…607059.html?nv=ct_mt

    Ich habe leider noch auf keiner Video-Plattform dazu etwas gefunden. *g*

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 29. März 2008 um 14:27 Uhr (#)

    @Chris: Danke für die Links. Aus dem Stern-Interview, Olaf Kracht:

    Da wurde eben Tacheles geredet. Wir haben die Leute emotional gepackt. Das war völlig neu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine solche Sendung auch heute wieder Erfolg hätte. Die Leute sehnen sich doch danach, dass endlich mal Klartext geredet wird. Nach meinem Geschmack könnten 80 Prozent des Fernsehprogramms ersatzlos gestrichen werden: dieser weich gekochte, dreimal aufgewärmte Einheitsbrei.

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