Aktienmarkt:
Ein verlorenes Jahrzehnt?

Andreas Göldi, 26. März 2008 14:20 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Die Internet-Bubble der Jahrtausendwende war in vielerlei Hinsicht eine besondere Zeit. Unter anderem brachte sie das Zocken mit Aktien nach Europa. Enorm viele Leute hatten anno 1999 plötzlich einen Account bei einem Billigbroker und spekulierten, was das Zeug hielt. Und natürlich war das Erwachen in vielen Fällen ziemlich böse. Aber, so hört man ja immer, wenn man Aktien lang genug hält, wird alles wieder gut. Langfristig kann man fast nicht anders, als mit Aktieninvestments Geld zu verdienen, wenn man nur genug Geduld mitbringt.

Aber vielleicht ist das nicht immer so. In einem seltenen Anfall von langfristgem Denken schreibt heute das Wall Street Journal, dass die letzten knapp zehn Jahre am Aktienmarkt eigentlich eine “Lost Decade” waren, ein verlorenes Jahrzehnt. Denn, so das WSJ, der Standars & Poors-Aktienindex steht nach viel Auf und Ab heute etwa wieder da, wo er im April 1999 stand.

Wer also damals in den Aktienmarkt eingestiegen ist, hat nichts verdient. Der Dow Jones ist nur wenig besser gelaufen, der technologielastige Nasdaq-Index sogar noch deutlich schlechter.

Ähnlich ist die Lage in Europa: Der DAX steht im Moment etwa da, wo er im Dezember 99 schon mal war. Der Swiss Market Index besucht gerade die Gegend, wo er sich im Sommer 99 herumgetrieben hat.

Was das ganze noch schlimmer macht: Aktienindices leiden per Konstruktion an einem sogenannten “Survivor Bias”, da schlecht performende Aktien aus dem Index ausscheiden und durch stärkere Titel ersetzt werden. Wer also beispielsweise in den DAX-Aktienkorb von 1999 investiert und dieses Investment unberührt gelassen hat, steht heute sehr viel schlechter da, als es die eigentliche Index-Zahl suggeriert. Immerhin war die Inflation relativ mässig, aber auch das macht noch ein paar Prozentpunkte Verlust aus.

Klar, wer seine Anlagen einigermassen gut diversifiziert hat und sich regelmässig von schlecht laufenden Titeln trennt, konnte in dieser Zeit immer noch gut Geld verdienen. Aber die alte Börsianer-Regel für konservative Anleger — “Kaufen sie sich Aktien und schauen Sie zehn Jahre nicht hin” — hat über die letzten zehn Jahre klar versagt.

Und die Aussichten sind derzeit nicht viel besser: Das WSJ vergleicht die letzte Dekade schon mit den unschönen Phasen in den 70er und gar 30er Jahren. Damals fanden aber die grossen Krisen vor dem verlorenen Jahrzehnt statt, während die aktuellen Probleme im Kreditmarkt den eh nicht sensationell laufenden Aktienmarkt wohl noch für einige Zeit weiter belasten dürften.

Ein Trost bleibt: Selbst nach den wesentlich schwereren Krisen der Vergangenheit hat sich der Aktienmarkt immer noch irgendwann erholt. Vielleicht muss man auf seinen Aktien halt zwanzig Jahre sitzen, nicht nur zehn.

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7 Kommentare zu diesem Artikel

  1. andreas

    schrieb am 26. März 2008 um 15:32 Uhr (#)

    Die SonntagsZeitung hatte in einer der letzten Ausgaben auch das Thema behandelt und einen Chart drin, der seit Anfang des 20. Jhd. lief. Da waren auch sehr schön die immer wieder stagnierenden Märkte zu sehen, die es immer wieder gibt. Das Fazit war auch, dass wenn man das Pech hat, gerade vor einem stagnierenden Markt einzusteigen, man weniger Rendite einfährt als mit Festgeld oder Obligationen.

    Wer das Problem mit den Underperformern, die aus den Indices rausfallen, umschiffen will, kann auf EFTs setzen, die die grossen Indices (Dax, Stoxx usw.) abbilden und möglichst zeitnah die faulen Äpfel durch die Newcomer ersetzen. Dann kann man wirklich investieren und für ein paar Dekaden nicht hingucken.

  2. andreas

    schrieb am 26. März 2008 um 15:37 Uhr (#)

    Das sollte oben nicht EFTs sondern ETFs (für Exchange Traded Funds) heissen.

  3. Saviano

    schrieb am 26. März 2008 um 19:05 Uhr (#)

    Immerhin war die Inflation relativ mässig, aber auch das macht noch ein paar Prozentpunkte Verlust aus.

    Auch die mässige Inflation summiert sich (besser: kumuliert) über 10 Jahre auf ca. 20-25%, die noch als realer Wertverlust zu verbuchen wären. In dieser Hinsicht war die Dekade noch schlimmer.

    Die alte Börsenweisheit (”buy and hold”) soll und kann nicht blind befolgt werden, genauso wie man sie nicht auf jede Periode beziehen kann. Die fragliche Dekade umfasst ja genau das Ende eines der größten Bull-Markets in der Geschichte, entsprechend eines der tiefsten und längsten Bear-Markets bis dato. Dies relativiert einiges. Nicht lange davor oder danach sieht die Rechnung schon etwas anders.

  4. mds

    schrieb am 26. März 2008 um 20:35 Uhr (#)

    Langfristig kann man fast nicht anders, als mit Aktieninvestments Geld zu verdienen, wenn man nur genug Geduld mitbringt.

    Falsch – all diese Betrachtungen ignorieren jeweils, dass Titel schlicht verschwinden, und zwar nicht immer durch wertsteigernde Ereignisse … und wer auf Index-Fonds, usw. setzt, bezahlt selbstverständlich für das Auswechseln von «faulen Eiern». Umgekehrt kann man in jedem Aktienmarkt Geld verdienen, es ist bloss nicht immer derart trivial, dass man schlicht der Herde nachlaufen kann …

  5. Adrian

    schrieb am 26. März 2008 um 23:14 Uhr (#)

    Die Idee ist auch nicht, dass an einem einzigen zufälligen Datum investiert und dann 10 Jahre weggeschaut wird. Regelmässige kleine Beträge investieren lautet die Devise.

    Beispiel: Die letzten 10 Jahre (1997-2007) immer am 31. Dezember $1000 in den S&P 500 investiert wurden zu $12340, macht ungefähr 3% pro Jahr. Zwar nicht die historisch versprochenen 10%, aber auch nicht schlecht für ein “verlorenes Jahrzehnt”.

    (und wenn man nicht in CHF in Rente gehen will… hüstel)

  6. Creatin

    schrieb am 28. März 2008 um 12:31 Uhr (#)

    Am schlimmsten finde ich, dass es Finanzberater gibt, die trotzdem den Aktienmarkt weiter empfehlen und immer was von 10 - 12% pro Jahr sagen. Die sehen doch nur Ihre eigene Provision und beschäftigen sich gar nicht mit der Materie…

  7. 8mt

    schrieb am 28. März 2008 um 21:09 Uhr (#)

    Ähm, wenn ich’s recht verstanden habe geht es beim Investieren doch vor allem darum: Gute Firmen (oder Teile davon) zu günstigen Preisen kaufen. Wobei das eine ohne das andere wenig nützt.

    Mir käme nie in den Sinn zu behaupten, die Spielregeln dafür, was eine gute Firma ist oder was ein günstiger Preis, könne für zehn Jahre Bestand haben oder gar für 20. Ich fürchte, manchem Marktteilnehmer ist vor lauter Statistik und finanzmathematischen Hütchenspielen der Blick dafür abhanden gekommen…

    :-)


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