Warum man keinen Chef haben sollte

Andreas Göldi, 22. März 2008 12:19 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Startup-Guru Paul Graham ist immer wieder mal für einen provokativen Artikel gut. Auch sein neuster gehört in diese Kategorie: “You weren’t meant to have a boss“.

Einen Chef zu haben und in einer grossen Organisation zu arbeiten, so Graham, ist schlicht unnatürlich. Der Mensch ist von der Evolution dafür eingerichtet, in relativ kleinen Gruppen von vielleicht 8-20 Leuten zu operieren, nicht in gigantischen Grosskonzernen. Und weil grosse Organisationen so unnatürlich sind, sind ihre Mitarbeiter auch reichlich unfrei, verschwenden viel Zeit mit Koordination statt mit Kreation und sind darum ziemlich unglücklich und letztlich unproduktiv.

Vermutlich ist die Realität nicht ganz so extrem, wie Graham sie beschreibt, aber wer schon mal die verschiedenen Wachstumsstufen eines Startups durchgemacht hat, weiss aus eigener Erfahrung, dass es ein fundamentaler Unterschied ist, ob eine Firma 10 oder 100 oder 1000 Angestellte hat. Man kann kaum bestreiten, dass die durchschnittliche Mitarbeiterproduktivität vermutlich bei der 10-Mann-Firma am grössten ist. Und wahrscheinlich ist der Spassfaktor ebenfalls bei der kleinen Firma am grössten, auch wenn man dafür andere Nachteile in Kauf nehmen muss.

Eins darf man auch nicht vergessen:

Grosse Firmen sind tatsächlich eine vergleichsweise junge Erfindung des Industriezeitalters, zuvor gab es kaum solche grossen Gebilde. Die einzigen wirklich grossen Organisationen vor der Industrialisierung waren Armeen, und selbst die waren für heutige Verhältnisse klein: Die römische Armee beispielsweise hatte in ihren besten Zeiten gerade mal ca. 180′000 Mann. Zum Vergleich: Ein Grosskonzern wie Wal-Mart hat derzeit etwa 1.8 Millionen Angestellte! Durch diesen geschichtlichen Hintergrund bedingt überrascht es auch nicht, dass Firmenstrukturen sich bis heute stark an militärisch-hierarchischen Vorbildern orientieren, denn da wurde das Organisieren erfunden.

Gut, wenn organisatorische Grösse unnatürlich und unangenehm militärisch ist, was ist dann die Alternative? Kaum jemand wird bestreiten, dass der zumindest materielle Wohlstand der heutigen Welt nicht unwesentlich mit den “Economies of Scale” zu tun hat, die man halt nur in grossen Firmen erreichen kann. Ob da die Prioritäten immer so ganz stimmen, ist eine andere Frage, aber Autos oder Computer lassen sich kaum in Manufakturen mit weniger als 20 Mitarbeitern herstellen.

Aber genauso klar ist, dass für kreativeres Arbeiten (beispielsweise Softwareherstellung, auf die sich Graham primär bezieht) eine sehr kompakte Organisationsform praktisch immer überlegen ist. Es muss ja nicht gleich das Extrem-Freelancen à la “Wir nennen es Arbeit” sein. Aber zwischen dem digitalen Einzelkämpfertum und der dumpfen Grosskonzernexistenz gibt es viele Zwischenstufen, die sich kreative Firmen zunutze machen können. Managementgurus wie Tom Peters vermuten wohl zu Recht, dass das organisatorische Vorbild für die Firmen der Zukunft die heutigen Consultingfirmen, Werbeagenturen oder Designstudios sein könnten, denn da arbeitet man kreativ in immer wieder neu zusammengesetzten, unabhängigen Gruppen.

Paul Grahams Rat an junge Leute ist: Am besten gleich nach dem Studium eine Firma gründen oder bei einem Startup einsteigen, denn in einer sehr kleinen Firma lernt man am meisten. Zum sicheren Grosskonzernjob kann man immer noch wechseln. Und diesem Rat kann ich mich nur anschliessen.

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7 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Thomas

    schrieb am 23. März 2008 um 12:41 Uhr (#)

    Ein sehr guter Artikel. Vielen Dank dafür. Da habe ich doch gleich mal den Newsletter abonniert.
    Danke.
    Gruß Thomas

  2. ben_

    schrieb am 23. März 2008 um 13:56 Uhr (#)

    Also, so gut und richtig, die folgenden Anaylsen auch sein mögen, aber mit einem von der Evolution hervorgebrachten, angenommenen gesellschaftlichen Urzustand zu argumentieren, steht in der Hierarchie schwacher Rhetorik ganz oben. Nicht nur ist dieser angenommen Urzustand höchst bestreitbar, mit ihm lassen sich zudem auch viele miese Dinge erklären ebenso, wie viele gute Entwicklungen ihm widersprechen.

  3. Dorian

    schrieb am 23. März 2008 um 21:00 Uhr (#)

    Interessant ist übrigens wo die ersten wirklich grossen Firmen der Neuzeit entstanden: Bei den Eisenbahnen. Eine der ersten Firmen, die die heute so typische hierarchische Organisation durchgedrückt hat, war die Santa Fe & Topeka Railroad in den USA. Nur mit einer straff geführten Organisation liess sich ein viele tausende von Kilometer langes Eisenbahnnetz mit primitiven Kommunikationsmitteln (nur Telegraph, noch kein Telefon, etc.) sicher führen.

  4. Karrierebibel

    schrieb am 24. März 2008 um 20:31 Uhr (#)

    Das Problem mit den großen Gruppen ist doch gar keines. Es ist längst durch Hierarchie-Ebenen gelöst. Ein Manager führt doch nicht 1,8 Mio. Mitarbeiter, sondern seine Projektgruppe – und im Falle des CEO heißt die Gruppe eben Vorstand.

  5. mds

    schrieb am 25. März 2008 um 16:22 Uhr (#)

    … und warum man keine Schulbildung haben muss: http://youngsterinc.com/2…rop-out-millionaire/ ;)

  6. Tanja

    schrieb am 28. März 2008 um 16:34 Uhr (#)

    Warum man keinen Chef haben sollte?! ganz einfach, man ist sein eigener. Mann macht sich selbstständig und versucht sein Geld ohne die direkte Abhängigkeit von anderen zu verdienen.

  7. lasti

    schrieb am 26. April 2008 um 23:03 Uhr (#)

    Oder rhetorisch formuliert: Warum sollte man überhaupt einen Chef haben?


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