Das Twitter-Phänomen wird zum FriendFeed-Phänomen

FriendFeedWas haben der Microbloggingdienst Twitter und der Lifestream-Aggregator FriendFeed gemeinsam? Beide Services waren jeweils einige Wochen online und erlebten dann schlagartig einen enormen Hype in der internationalen Blogosphäre. In beiden Fällen geschah dies während des jährlich stattfindenden “SXSW Festivals & Conference” in Austin (Texas), einem Zusammentreffen von Musikindustrie und Web-2.0-Szene. Im vergangenen Jahr war Twitter der Star des Events und fungiert seitdem als beliebtes und viel diskutiertes Kommunikationstool in Blogger- und Startup-Kreisen. Auch bei der diesjährigen SXSW-Ausgabe, die vor einigen Tagen ihren Abschluss fand, erfreute sich Twitter großer Beliebtheit. Zeitgleich wurde mit FriendFeed ein neues, von Ex-Google-Angestellten entwickeltes Webangebot in den “Geek-Olymp” gehoben und ist seitdem Gegendstand zahlreicher Lobpreisungsartikel und Analysen in den Tech-Blogs dieser Welt.

Und noch etwas vereint beide Dienste: Ihr Reiz und Nutzen ist für Außenstehende, die nicht innerhalb der Blog-, Web- und Startup-Szene vernetzt sind, schwer bis gar nicht zu begreifen. Die Überschrift “Twitter versteht nur, wer es nutzt” bei Text & Blog trifft ins Schwarze. Während es weltweit mehrere Millionen Anwender von Twitter und anderen Microbloggingservices gibt, wird das Konzept, belanglose bis komplexe Konversationen und Diskusionen mit auf 140 Zeichen begrenzten Nachrichten zu führen, von den Mehrheit der User als sehr seltsam empfunden.

Anzahl der Erwähnungen von FriendFeed
in Blogs laut Technorati.

FriendFeeds Ansatz ist etwas einfacher zu erklären: Nutzer können mit dem Service ihre Aktivitäten bei zahlreichen Web-Diensten (u.a. YouTube, Flickr, Twitter) in einem fortlaufenden Stream darstellen und ihren FriendFeed-Kontakten zugänglich machen, während sie gleichzeitig über das informiert werden, was diese so im Netz treiben. Es handelt sich im Prinzip um eine Weiterentwicklung des Newsfeeds, den man von Facebook und anderen Social Networks kennt – nur als eigenständiges Angebot. Nebenbei sei angemerkt, dass in den letzten Wochen und Monaten eine ganze Reihe FriendFeed-ähnlicher Anbieter das Licht der Welt erblickten. Es kam zu einer regelrechten Inflation von Lifestreaming-Aggregatoren, was schließlich in der Parodie FriendFeedFeed gipfelte: Ein (fiktiver) Meta-Lifestream-Aggregator für Lifestreams bei verschiedenen Lifestream-Aggregatoren.

Klar ist, dass sowohl Twitter als auch FriendFeed mit tatkräftiger Hilfe der mächtigen US-Tech-Blogs (bzw. ihrer Star-Blogger) ins Rampenlicht gehievt wurden und von dort ihren Siegeszug innerhalb der Szene antraten. Beiden Diensten ist es auf diese Weise gelungen, bei den Benutzern ein Bedürfnis zu wecken, von dem diese zuvor nicht wussten, dass sie dieses hatten – aus Marketingsicht eine Meisterleistung. Dass User mit starkem Mitteilungsbedürfnis und Aktivitäten bei x verschiedenen Webangeboten die Möglichkeit, alles auf einer Seite aggregieren zu können, dankend annehmen, ist nachvollziehbar. Dass User mit starker Vernetzung, die sich gerne auf Barcamps und Konferenzen herumtreiben, Twitter als praktisches Tool für die Kommunikation mit Gleichgesinnten sehen, ebenfalls. Ob mehr als dies und der Selbstzweck dahinter steckt, in Twitter über den Nutzen von Twitter zu twittern und sich anschließend dazu mit seinen FriendFeed-Kontakten auszutauschen, diese Frage bleibt momentan unbeantwortet. Genau wie die, wo Twitter und FriendFeed ohne die Unterstützung der Szene stünden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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8 Kommentare

  1. Jan S.
    schrieb am 17. März 2008 um 09:33 Uhr (#)

    Man muss schon ein bisschen “Geek” sein um auf Twitter zu stehen. Friendfeed finde ich persönlich schon interessanter, ganz einfach weil nicht nur Kurznachrichten zu lesen sind, sondern auch Inhalte wie Blogposts abrufbar sind. Aber insgesamt bin ich noch nicht Geek genug für diese Dienste ^^

  2. Fox
    schrieb am 17. März 2008 um 09:34 Uhr (#)

    Meiner Meinung nach stünden diese Services bei nahezu Null und würden ihr Dasein in totaler Bedeutungslosigkeit fristen, würde der Hype fehlen. Es ist wirklich lustig mit was für Tools das Internet überschwemmt wird und diese dann auch noch als das Megatool schlechthin gehypt werden. Meiner Meinung nach ist der Usernutzen nahezu null. Und mit User meine ich nicht Blogger die sich den ganzen Tag im Internet rumtreiben und auf Barcamps rennen, sondern den User der für einen Startup ohne Hype wichtig ist. Max Mustermann aus der Hauptstraße 71 mit nem Rechner im Wohnzimmer und ein wenig Erfahrung mit dem Internet. Man sollte nicht vergessen dass es die Leute sind die einen Service zu einem Erfolg machen und eben nicht die Techies. Bestes Beispiel WKW. Nix mit API, Feed oder irgendnem anderen Schickschnack den der Herr Mustermann eh nicht versteht.

  3. Mirko Riedel
    schrieb am 17. März 2008 um 09:41 Uhr (#)

    Nach meiner Meinung ist so ein Tool sinnvoller untergebracht in einem komplexeren Bundle an Tools, wie das zum Beispiel Plaxo mit Pulse macht. Warum wird eigentlich darum kein soo großer Hype gemacht? Auf der anderen Seite wurde ja schon oft bewiesen, dass einfache Stand alone Anwendungen (wie auch Twitter) oft besser laufen, weil klarer positioniert. Ich bin gespannt, wo Friendfeed letztlich seinen Platz findet oder ob es ein Tool ist, was schnell adapiert wird und wenn die Nerdszene genug hat, wieder fallen gelassen wird.

  4. Jan S.
    schrieb am 17. März 2008 um 11:11 Uhr (#)

    Ich muss Fox zustimmen. Der Nutzen dieser Feed-Dienste ist grenzwertig. Das Netz quillt über vor Feeds und Twitter. Man muss echt aufpassen, dass man nicht beklopppt wird. Nachdem ich mir jetzt Friendfeed angeguckt habe, merke ich, dass es genau wie Twitter nichts für mich ist.
    Solange ich nicht eine Seite habe, wo ich wenigstens auch alle Inhalte hochladen könnte habe ich keine Lust von Seite zu Seite zu springen, um Inhalte hochzuladen, damit diese dann Anderen in meinem Friendfeed angezeigt werden.

    Einfache Firefox-Bookmarks tuns auch.

  5. Martin Weigert
    schrieb am 17. März 2008 um 11:13 Uhr (#)

    Ich teile eure Ansicht. Fox, den “Max Mustermann” wollte ich ursprünglich auch im Artikel unterbringen, genau daran hab ich auch gedacht.

    Wenn man FriendFeed und Twitter als Tools der Szene auffasst, der weltweit einige Millionen Menschen angehören, dann haben sie sicher ihre Daseinsberechtigung und einen Markt, auf dessen Grundlage sie (möglicherweise) irgendwann ein Geschäftsmodell entwickeln können. Teilweise fehlt den Hype-Verursachern wohl einfach ein wenig Objektivität, da sie beide Tools täglich nutzen und sich diese für ihre Zwecke als ideal darstellen.

  6. Daniel Friedrichs
    schrieb am 17. März 2008 um 16:42 Uhr (#)

    Ich denke auch, gerade der Hype (durch was auch immer ausgelöst) macht einen Dienst populär. Weniger der Dienst an sich…
    Ich habe mir friendfeed jetzt nicht genauer angeschaut, aber der Beschreibung nach macht es das gleiche was jaiku schon vor einem Jahr machte (müsste vor einem Jahr gewesen sein!?). Außerdem kann man bei jaiku auch twitter-ähnliche Kurznachrichten hinterlassen. Der Hype dazu ist aber meiner Meinung nach ausgeblieben…
    Jaiku wurde von Google gekauft, aber zur Zeit sieht’s da eher ruhig aus.

  7. Martin Weigert
    schrieb am 17. März 2008 um 17:07 Uhr (#)

    Also Jaiku ist schon anders als FriendFeed und eher wie Twitter. Mal sehen, was Google damit noch vor hat.

  8. paulinepauline
    schrieb am 20. März 2008 um 00:52 Uhr (#)

    am anfang mochte auch keiner die ersten autos, weil sie stanken und weil es ja pferdekutschen gab. und weil man sich nicht vorstellen konnte, dass max mustermann jemals ein auto brauchen wird. :)

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