AOL kauft sich teuer ins Social Networking ein

Andreas Göldi, 13. März 2008 16:20 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

AOL, der taumelnde Online-Riese, kauft sich für 850 Millionen Dollar (was heute zufällig ziemlich genau 850 Millionen Schweizer Franken sind…) ins Social Networking ein: Mit Bebo akquirierte AOL heute die weltweite Nummer 6 der Social Networks, nach Unique Visitors gezählt. Bebo ist vor allem in der englischsprachigen Welt recht stark und ist klarer Marktführer in Grossbritannien.

AOL macht seit seinem desaströsen Merger mit Time Warner vor bald acht Jahren eine Krise nach der anderen durch. Die Kündigungswellen kann man schon gar nicht mehr zählen, und AOL hat in fast keiner Kategorie mehr eine starke Marktstellung, Instant Messaging für Teenager mal ausgenommen. Inzwischen redet das Time-Warner-Management schon sehr offen davon, dass man für AOL gern Kaufangebote entgegennehmen würde. Vermutlich hat diese teure Akquisition damit zu tun, dass man die Braut AOL etwas mit schickem Social-Networking-Schmuck aufhübschen will. Mit anderen Worten: Das Management war einigermassen verzweifelt und brauchte unbedingt einen toll klingenden Deal, um die Firma wieder hip aussehen zu lassen.
Die Bewertung klingt hoch, und sie ist es auch. Andererseits ist sie weit entfernt von den 15-Milliarden-Phantasien rund um Facebook.

Zum Vergleich: Rupert Murdochs News Corp. zahlte im Juli 2005 $580 Mio. für Myspace, das damals etwas über 22 Mio. monatliche Visitors hatte und klarer Marktführer war. Bebo hat derzeit zufälligerweise auch ca. 22 Mio. monatliche Visitors weltweit, ist aber wie gesagt nur Nr. 6 im globalen Markt. Umsatzzahlen sind wie immer nicht zu erfahren, aber dürften angesichts von Bebos Marktstellung wohl maximal im zweistelligen Millionenbereich liegen. So oder so ist die Bewertung für Bebo also recht satt im Vergleich zum Myspace-Deal, aber doch weit entfernt von den Phantasiepreisen, die für Facebook und andere in der letzten Zeit diskutiert wurden.

Wenn man das ganze aufgrund der Visitorzahlen linear auf Bebos Konkurrenten hochrechnen würde, wäre Facebook derzeit etwa $3.9 Mia. und Myspace $4.2 Mia. wert. Angesichts der starken Stellung dieser beiden Player müsste man den Betrag aber wohl noch etwas aufrunden. StudiVZ mit seinen ca. 3.5 Mio. Visitors (laut FAZ) wäre dann $134 Mio. = 86 Mio. Euro wert, was ziemlich genau dem damals von Holtzbrinck gezahlten Kaufpreis entspricht. Zufälle gibt’s…

Damit hat AOL nun auch den aktuellen Marktpreis für Social-Network-Akquisitionen gesetzt, und ganz offensichtlich liegt der gegenüber den Phantasien noch vor Monaten um einiges niedriger. Noch vor Wochen wurde für Bebo ein Kaufpreis von deutlich über einer Millarde diskutiert, und unter den Interessenten waren angeblich Google und News. Corp. Dass mit AOL nun nur die zweite Garde der Online-Player zum Zug gekommen ist, und das auch noch zu einem niedrigeren Preis, spricht dafür, dass langsam wieder etwas Sinn für Realität in die Social-Networking-Branche einkehrt. Gut so.

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