SF Börse:
Reimsalat mit Infohäppchen

Die etwa zweiminütige Sendung SF Börse hat einen Programmplatz, von dem andere Sendungen nur träumen können: Um 19:25 Uhr, Minuten, bevor sich die Zuschauer zur täglichen Tagesschau versammeln, soll das tägliche Börsengeschehen zusammengefasst werden. Gesendet werden aber nur gutgelaunte Oberflächlichkeiten.

SF Börse (Screenshot)

Patrizia Laeri, Moderatorin bei SF Börse, gemäss LinkedIn “Business Journalist” in the “Zürich Area”, kann eines wirklich gut: Sie versüsst dem müden Deutschschweizer, der müden Deutschschweizerin mit einem freundlichen Lächeln den Feierabend, die Minuten vor der Tagesschau, noch immer ein festes Ritual von vielen.

Anderes kann sie aber nicht so gut. Zum Beispiel immer deutlich sprechen. Oder mich von ihrer Kompetenz in Wirtschaftsfragen überzeugen. Zugegeben, ich kenne mich nicht aus bei der Börse. Allerdings könnte mich das Schweizer Fernsehen mit seinem Informationsauftrag bilden. Nachdem ich nun aber alle SF-Börse-Sendungen vom Februar gesehen habe, fühle ich mich keinen Deut wirtschaftskompetenter. Vielmehr bin ich gesättigt von Gemeinplätzen aller Art. Mal ist ein Kreditinstitut Gewinner des Tages, mal Verlierer, die Kurse gehen rauf, sie gehen runter, mal darf dieser Wirtschaftsvertreter zehn Sekunden was sagen, mal jener. Und wenn man keinen findet, muss der Nachbar in der Redaktion ein Statement liefern.

Geht man nach dem Sendeplatz, muss die Sendung an ein breites Publikum gerichtet sein. Darum wohl auch der kleinste gemeinsame Nenner und die gute Laune – da aber Wirtschaftsjournalismus augenscheinlich zu komplex ist, um in zwei Minuten vor die Tagesschau gedrückt zu werden, schlage ich vor, doch gleich von der Information in die Unterhaltung zu wechseln. Das freut die vom Tage ermüdeten Couchsitzer und gibt Ressourcen frei für richtigen Wirtschaftsjournalismus.

Hier also einige versammelte Gemeinplätze und Reime:

Sendung vom 29.02.2008:

Aus heutiger Sicht ist der 1-Milliarden-Verlust, der ihn bei der Grossbank den Stuhl gekostet hat, ja auch Peanuts. Apropos Nüsschen: Schönen Fernsehabend!

Sendung vom 28.02.2008:

SF Börse – die Sendung der Superlative! Bis bald!

Sendung vom 27.02.2008:

Telefoniert wird immer – in Krisenzeiten sogar umso mehr.

SF Börse (Screenshot)

Sendung vom 26.02.2008 (mehr bei radio24.ch):

Die Bankenkrise bringt uns noch um! Herzinfarktgefahr! (…) Herztod wegen Banken? Wie unromantisch! Es muss ja nicht immer alles ums Geld gehen…

Sendung vom 25.02.2008:

Die Woche ist jung, startet mit viel Schwung, + 2.16 %.

Sendung vom 22.02.2008:

Wie süss ist ihr Depot? (…) Gegessen und gekränkelt wird auch in schlechten Wirtschaftszeiten.

Sendung vom 21.02.2008 (über Marcel Ospel):

Gewisse Leute können einfach nicht Abschied nehmen! Ich kanns, tschüss, schönen Abend!

Sendung vom 19.02.2008:

Und wer hätt’s gedacht: Die deutsch-liechensteinische Steueraffäre hat auch die Schweizer Banken erreicht. In München wurde eine Filiale der UBS untersucht. Auf dass die gründlichen deutschen Steuerschnüffler nicht nebenbei auf faule Kredite stossen!

Sendung vom 18.02.2008:

Zum SMI: Wir trauen unseren Augen kaum! Sämtliche Titel sind im grünen Bereich! Der SMI klettert mit viel Schnauf rauf, + 1.82 %.

Sendung vom 08.02.2008 (über die Bank Julius Bär und über den Kleiderhändler Vögele):

Zückerchen für die gepeitschten Banken-Investoren. Der reine Vermögensverwalter Julius Bär zeigt eine saubere Bilanz ohne faule Kredite. Bärenstark trotz Bärenmarkt! Bär hat den Konzerngewinn um fast ein Drittel gesteigert. Aufatmen am Bankenplatz Schweiz, guten Abend! Vor allem die Asiaten haben viel neues Geld zur Traditionsbank getragen – ganz im Gegensatz zu den Anlegern. Im Zuge der Kreditkrise gings an der Börse erbarmungslos auf Bärenjagd. Die Aktie wurde in den letzten drei Monaten 20.77% ins Minus getrieben. Das sei eine ungerechte Hetzjagd. Die Privatbanken-Manager wollen mit Investmentbanken nichts zu tun haben [Einspielung Interview]. Und wenn sie uns keinen Bären aufbinden, dann haben die konversativen Privatbankenkunden angeblich auch im schlechten Börsenmonat Januar fleissig Aktien gekauft [Einspielung Interview]. Besonders schick waren heute übrigens die Aktien von Vögele. (…)

Sendung vom 06.02.2008 (mehr bei radio24.ch)

Sendung vom 05.02.2008 (die Wettersendung):

Trotzdem: Guten Abend. Das turbulente Börsenwetter kommt also aus dem Westen, die schlechten Wirtschaftsdaten aus Amerika betreffen dieses Mal die Dienstleister. Unerwartet dramatische Prognosen sprechen von schwindenden Geschäften. Ein definitiver Wetterumschlag? Sind wir bereits mitten in einer rezessiven Tiefdruckzone? [Einspielung Interview]. Wir wollen ihnen ja nicht den Abend ruinieren, aber unerfreuliche Meinungen auch nicht vorenthalten. Börsenexperte Mark Faber alias Dr. Untergang vertraut “mittlerweierle” nicht mal mehr so sehr auf Gold. (…)

Später in der Sendung fallen noch die Begriffe Sturmwarnung und Eiszeit.

Schliessen wir mit der Sendung vom 01.02.2008:

Kaufen oder verkaufen? Wir sind so ratlos wie nie zuvor.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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9 Kommentare

  1. Jean-Claude
    schrieb am 3. März 2008 um 12:06 Uhr (#)

    Es ist Kinderfernsehen, von Kindern gemacht für Kinder. Wie sich Kinder halt so das Funktionieren von Wirtschaft und Finanzmärkten vorstellen. Die Quotes der in Zehn-Sekunden-Takes interviewten “Experten” sind oft reine Propaganda.

    ARD und ZDF machen ja was ähnliches, aber dort hat man doch den Eindruck von mehr Kompetenz. Das Börsengeschehen mit angemessenem Wortwitz zu verkaufen ohne dabei die Zusammenhänge der Fakten völlig zu vernachlässigen, zählt zur hohen Schule im Journalismus.

  2. andreas
    schrieb am 3. März 2008 um 12:25 Uhr (#)

    Es ist wie mit allem, was Ingrid Deltenre abkupfert: Sie macht es dilettantisch. Das Vorbild (Börse im Ersten von ARD) wird angeschaut, auf ein paar markige Stichworte reduziert (Info, Humor) und dann in eine Low-Budget-Sendung transferiert. Und das Resultat sieht erwartungsgemäss aus. Bei welchem abgekupferten Format war das bisher nicht so?

  3. bd
    schrieb am 3. März 2008 um 12:43 Uhr (#)

    Das Böse verharmlosend und verniedlichend. Und die Dame ist ja wahrlich «gutaussehend» oder «sexuell nutzbar».

  4. N.N.
    schrieb am 3. März 2008 um 12:48 Uhr (#)

    Abgesehen von den Beispielen “Gemeinplätze und Reime” zur Sendung “SF Börse” liest sich die Kritik wie auf sämtliche Sendungen vom SF zugeschnitten.
    Angefangen mit der Banalität der Berichterstattung (Tagesschau, 10 vor 10 usw.), über fehlende Sprachkompetenz: Wortschatz und Aussprache (dito jed. v.a. Meteo), oben beschriebener Sauglattissimus, bis hin zu arrogant geführten Interviews (10 vor 10) – was gibt es da nicht alles beim SF?
    Dem nicht genug, wird diese Verhunzung von Information auch noch mit Gebührengeldern finanziert; böte doch gerade die Gebührenfinanzierung eine exzellente Chance unabhängigen Qualitätsjournalismus zu betreiben.

  5. martin
    schrieb am 3. März 2008 um 12:55 Uhr (#)

    in den letzten wochen habe ich regelmässig am morgen beim autofahren “wirtschaft” auf DRS3 gehört (morgens um 7.40 uhr, zusätzlich sendungen irgendwann mittags und abends).

    ich muss sagen: dort bringt man meist relativ spannende aspekte gut rein. dauert auch nur 2 oder 3 minuten, enthält teilweise auch viel wortwitz, aber ich habe eher das gefühl von experten informiert zu werden. und die kurze sendezeit lehrt doch auch einiges über zusammenhänge in der wirtschaft.

    von daher geht es theoretisch doch. vielleicht könnte ronnie mal ein quervergleich mit der drs3-sendung veröffentlichen?

  6. schrieb am 3. März 2008 um 13:26 Uhr (#)

    das habe ich mich im januar 2007 auch schon gefragt…
    http://benkoesblog…

  7. Schreibt hier auf dem Blog der unmündige Leser
    schrieb am 3. März 2008 um 13:46 Uhr (#)

    Ich vermute, da sind die selben Gagschreiber am Werk wie bei Giaccobbo.

  8. robert holzwart
    schrieb am 3. März 2008 um 14:13 Uhr (#)

    sf weigert sich nach wie vor “richtige” wirtschaftsjournalisten einzustellen. denn jeder hat ja geld und vielleich auch ein paar aktien und goldvreneli und ist demzufolge experte. auf der anderen seite, vielleicht will die versammelte schweiz um diese zeit gar keine komplexen wirtschaftsnews und schon verwirrt in die tagesschau starten. ich wäre für oben-ohne börse mit partnerwahl und miss-börse-contest. honorar nicht an widorowidts sondern an mich.

  9. René
    schrieb am 11. Februar 2009 um 15:17 Uhr (#)

    Der Journalismus in der Schweiz wird generell schwächer. Das fängt an bei mangelnder Rechtschreibung und Grammatik (z.T. sehr peinliche Schreibfehler in den Untertiteln) und hört bei der fehlenden Fachkompetenz nicht auf. Es stört mich ebenfalls, dass häufig Interviewpartner bei den meisten Journalisten die effektive Frage unbeantwortet lassen, die Journalisten jedoch nicht nachhaken.

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