Angebliche Zugriffszahlen Bildblog:
Es werden immer weniger

Ronnie Grob, 29. Februar 2008 08:59 Uhr, 9 Kommentare Kommentare

Wir haben schon lange nichts mehr gelesen in den Zeitungen über die effektiv verschwindend kleinen Zugriffszahlen auf Blogs, die sie zu komplett irrelevanten und daher unzubeachtenden Medien macht. Heute ist es mal wieder so weit, ausgerechnet in der renommierten Neuen Zürcher Zeitung.

Dr. Sabine Pamperrien, selbst Bloggerin bei einem Blog, der mir bisher vor allem darum aufgefallen ist, weil ich mal während fünf Minuten herauszufinden versuchte, wie man dort einen Kommentar abgibt (ich bin gescheitert), schreibt heute in der NZZ unter dem Titel “Blogs als Seismografen“:

Wenn vor zwei Jahren im deutschen Wahlkampf die Rede davon war, dass die Blogosphäre sich im Entwicklungszustand des Kleinkinds beim Zahnwechsel befinde, so hat sich daran bis heute nicht viel geändert. Selbst das deutsche Top-Blog schlechthin, Bildblog.de, verzeichnet gerade einmal etwa 20 000 Zugriffe im Monat.

Zugriffszahlen Bildblog
Bild: Screenshot google.de

Liebe Frau Doktor, das ist schlicht und einfach unwahr. Eine einfache Websuche nach “Zugriffszahlen Bildblog” hätte im ersten Resultat zutage gefördert, dass bereits andere Zeitungen falsche Angaben über die Besucherzahlen von Bildblog gemacht haben (siehe auch “Frankfurter Rundschau verwechselt Tage und Monate“). Im Leserblog der Frankfurter Rundschau heisst es dazu:

In dem Artikel “Neue Medienöffentlichkeit” (da fehlerhaft ist er natürlich nicht mehr online) haben wir Tage und Monate verwechselt. Unser Autor gibt die Zugriffszahlen auf prominente Weblogs falsch wieder. So habe www.bildblog.de nur 33.500 Zugriffe im Monat. Was natürlich absurd ist. Ich kann nicht überprüfen, ob das Bildblog tatsächlich 2 Mio Zugriffe monatlich hat, wie Stefan Niggemeier (s.o.) behauptet, aber ich halte diese Zahl zumindest für deutlich realistischer als die, die bei uns in der FR publiziert wurde. Die fehlerhafte Zahl stammt aus einer Grafik von Jan Schmidt, die eigentlich eindeutig ist.

Woher Sabine Pamperrien die Zahl von 20.000 Lesern im Monat hat, ist mir schleierhaft, von bildblog.de selbst sind diese Daten verfügbar. Vielleicht von Thomas Knüwer, der 2005! geschrieben hat, das Bildblog habe 20.000 Leser – pro Tag? Inzwischen dürften sich die Leserzahlen des Bildblogs verdrei- oder vervierfacht haben – wie wir kürzlich merken durften, als bildblog.de auf medienlese.com linkte.

Solche Fehler laden nicht dazu ein, auch noch den Rest des Artikels wahrzunehmen. Das ist, wie wenn man in einem Text über die Zugspitze beiläufig liest, es handle sich um den grössten Berg der Welt. Da will man dann den Rest auch nicht mehr wissen.

Wird die NZZ diesen Fehler korrigieren? Wir bitten darum!

Update am 04.03.2008, 19:50 Uhr: Die Redaktion von NZZ Online hat meinen die bildblog.de-Zugriffszahlen betreffenden Kommentar unter dem Artikel gelöscht und mich darüber per Mail informiert:

Vielen Dank für den Hinweis auf falsche Zugriffszahlen im Bild-Blog. Wir haben den Fehler inzwischen geändert und erlauben uns deshalb, Ihren Kommentar aus NZZ Online zu löschen. Er verweist ja inzwischen auf eine Zahl, die so nicht mehr im Text steht.

Die fragliche Stelle lautet nun:

Wenn vor zwei Jahren im deutschen Wahlkampf die Rede davon war, dass die Blogosphäre sich im Entwicklungszustand des Kleinkinds beim Zahnwechsel befinde, so hat sich daran bis heute nicht viel geändert. Das deutsche Top-Blog schlechthin, Bildblog.de, verzeichnete im Dezember 2007 knapp 1,3 Millionen Besuche.

Also: Die NZZ hat sich um den Faktor 65 geirrt, gibt den Fehler zu und korrigiert ihn online. Das finde ich in Ordnung so – ob auf Papier auch etwas korrigiert wird, interessiert (mich jedenfalls) nicht. Das ist nämlich, im Gegensatz zu dem noch in Jahren für alle auffindbaren Online-Artikel, in den meisten Fällen schon längst im Altpapierkorb. Ob die Autorin einen anderen Artikel geschrieben hätte, wenn ihr gewahr gewesen wäre, dass “das deutsche Top-Blog schlechthin” fünfundsechzig mal höhere Zugriffszahlen hat, als sie glaubte, wissen wir nicht.

Update am 18.03.2008, 13:15 Uhr: Nach einem Artikel von Stefan Niggemeier hat man sich bei beim Blog berliner-journalisten.com offenbar erstmals bemüssigt gefühlt, sich um die Kommentarfunktion zu kümmern. Sie ist nun jedenfalls seit kurzem erstmals offen, ein Testkommentar meinerseits, der allerdings erst noch freigegeben werden muss, konnte erfolgreich abgegeben werden. Gerne lesen wir nochmals diesen Satz aus dem Blogeintrag: “Warum Salden nicht einfach von der Kommentarfunktion Gebrauch gemacht hat, werden wir wohl nie erfahren.”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Blogroll: Wir haben ein Herz für Blogs

21.4.2009, 3 KommentareBlogroll:
Wir haben ein Herz für Blogs

Es sind tolle Blogs dort draußen: Der Stylespion bittet zum Linktausch – und wir machen mit bei der Aktion "Ein Herz für Blogs"!

Bloggen: Wenn das Zitat zur Kopie wird

20.4.2009, 27 KommentareBloggen:
Wenn das Zitat zur Kopie wird

Ein langes Zitat, ein kurzer Link und fertig ist der Blogeintrag: Ein aktuelles Beispiel aus der deutschen Blogosphäre zeigt, wo aus einem Quote ein Rip-off wird.

Sechsmal um den Blog: Sechs zum Klicken

16.2.2009, 3 KommentareSechsmal um den Blog:
Sechs zum Klicken

Die regelmäßige Blogschau auf medienlese.com – diesmal mit Zettelkästen, Wort-Schnitzeln, einer Gesprächszentrale und schwarzweißer Untergangssucht.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

Fusion in der Schweiz: Tamedia übernimmt Edipresse

3.3.2009, 3 KommentareFusion in der Schweiz:
Tamedia übernimmt Edipresse

Die Verlage Edipresse und Tamedia führen ihre Schweizer Geschäfte zusammen, bis zum Jahr 2013 soll die Fusion komplett sein. Internationale Aktivitäten der Edipresse sind ausgeschlossen.

Nicht verpassen: Lokale Anzeigen als Chance

18.2.2009, 1 KommentareNicht verpassen:
Lokale Anzeigen als Chance

Kleine, regionale Unternehmen brauchen mehr als nur Anzeigen in Zeitungen und im Internet – Jeff Jarvis sieht hier Chancen für neue, zielgerichtete Angebote.

12.2.2009, 13 KommentareZukunft der Medien in 50 Zitaten:
Journalismus ohne Zeitung

Was in den vergangenen Monaten alles gesagt wurde ...

9 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 29. Februar 2008 um 10:24 Uhr (#)

    Heute ist es mal wieder so weit, ausgerechnet in der renommierten Neuen Zürcher Zeitung.

    Renommiert? Nun gut, lassen wir die verklärte Vergangenheit hochleben! ;)

  2. Marc | Wissenswerkstatt
    schrieb am 29. Februar 2008 um 15:27 Uhr (#)

    Das ist natürlich mal wieder ein trauriges Beispiel für Recherchefaulheit und Schlamperei. Große Hoffnungen, daß der Fehler korrigiert wird, würde ich mir nicht machen.

    Ich hatte bspw. vor 3 Wochen auf einige haarsträubende Fehler innerhalb eines Tagesspiegel-Artikels (ebenfalls Blogs als Thema) hingewiesen, irgendwann meldete sich sogar Mercedes Bunz, die Chefredakteurin in den Comments, aber die Fehler stehen bis heute im Artikel…

    Wen’s interessiert:
    …hier

  3. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 29. Februar 2008 um 16:19 Uhr (#)

    » Marc: Ja, über den Tagesspiegel-Text hatten wir uns auch hier gewundert.

  4. mds
    schrieb am 29. Februar 2008 um 17:57 Uhr (#)

    Anscheinend unterstützt das CMS der NZZ weiterhin nicht das Berichtigen von Inhalten; http://nzz.ch/nachrichten…grafen_1.680389.html ist unverändert mit dem oben beschriebenen Fehler online.

  5. Frank
    schrieb am 29. Februar 2008 um 18:19 Uhr (#)

    Mercedes Bunz ist echt? Ich dachte immer, das wäre ein fake…

  6. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 1. März 2008 um 09:01 Uhr (#)

    Oder zumindest ein Pseudonym. Nein, die heißt wirklich so. Die Eltern fanden es wohl irre komisch. Irgendwann geht dann das ganze über die Jahre angesparte Geld in einen Markenrechtsprozeß…Anwälte verdienen an sowas sehr gerne und gut…

  7. Tobias
    schrieb am 2. März 2008 um 14:02 Uhr (#)

    es gibt dazu doch recht aktuelle zahlen, die der herr niggemeier kürzlich hier
    veröffentlicht hat. angenommen, dass sie keine fälschung sind (das kann man ja wohl), hat bildblog zur rush-hour (wörtliche hour) hochgerechnet von diesen zahlen ~150.000 zugriffe.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 4. März 2008 um 19:57 Uhr (#)

    Update: Die NZZ ändert die Zahl im Online-Artikel ab.

  9. Henning
    schrieb am 19. März 2008 um 05:49 Uhr (#)

    Interessant auch, dass man sich von den Bildblog Statistiken ausgerechnet den September 2007 mit knapp 1,3 mio Zugriffen rausgegriffen hat. Warum nicht den Januar 2008 mit 1,5 mio oder den Februar (die aktuellste Angabe) mit knapp über 1,4.
    Abgesehen davon, scheint auch niemand auf die Idee zu kommen, dass bei einem solchen Rechenfehler die Aussage auf einmal auf ganz wackeligen Beinen steht. Die zentrale Aussage bleibt unangetastet obwohl man das Opfer der Spotts um den Faktor 65 unterschätzt hat. *lol*

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.