Die Zeitung der Zukunft:
Fünf Thesen zu «Crossmedia»

Gastautor, 28. Februar 2008 09:36 Uhr, 14 Kommentare Kommentare

Was steckt hinter dem Buzzword «Crossmedia»? Fünf Thesen von unserem Gastautor Steffen Büffel zur crossmedialen Zukunft des Qualitätsjournalismus.

Crossmedia (©iStockphoto.com/Alex Bond)
Wer ergänzt hier eigentlich wen? (©iStockphoto.com/Alex Bond)

«Crossmedia» avanciert nach «Multimedia» und «Online-Community» zum neuen Zauberwort in der Verlagsbranche. Dabei wird aber bisweilen kaum hinterfragt, was Crossmedia im Zusammenhang mit der Zukunft der Zeitung eigentlich heißen soll. Stattdessen wird es der Einfachheit halber im Stile der Floskel «Wie wir ja alle wissen» als Binsenweisheit dargestellt, dass die Zukunft des Journalismus crossmedial sei. Deswegen fünf Thesen mit Substanz:

1. Die Zukunft der Zeitung ist nicht crossmedial, sie ist lesernah!

Im Grunde genommen geht es den Verlagen doch darum, verlorene Zielgruppen wieder zu erreichen. Dass hier crossmediale Publikationsstrategien eine Rolle spielen können mag durchaus stimmen, aber es dürfte ebenso klar sein, dass nicht Crossmedia das Ziel ist, sondern eher das Mittel zum Zweck, der da lautet: Lesernähe – vorhandene Leser binden, in ihrer Lebenwirklichkeit erreichen und insbesondere die jungen Zielgruppen besser zu erreichen. Meine Überzeugung: Nur wer seine publizistischen Produkte konsequent aus der Nutzersicht denkt und umsetzt wird auf den unterschiedlichen Kanälen und deren crossmedialen Verzahnung erfolgreich sein.

2. Die gedruckte Zeitung wird künftig die ideale Ergänzung für das (mobile) Web sein!

Das maximale Zugeständnis, das insbesondere Zeitungsmacher gegenüber dem Internet bereit sind einzugehen ist, dass das Web eine hervorragende Ergänzung für die gedruckte Zeitung sei. Den Spieß umzudrehen ist in weiten Teilen der Branche derzeit immer noch nicht nur nicht denkbar, sondern wird ähnlich empört aufgenommen wie die Behauptung, dass die Erde eine Kugel sei. Aber so, wie sich nun mal die Erde als Kugel weiterdreht wandelt sich das Mediennutzungsverhalten. Meine Überzeugung: Aktuelle (auch regionale) Nachrichten werden künftig primär via Web und mobile Endgeräte verlangt. Die gedruckte Tageszeitung wird sich deshalb zu einem täglichen Nachrichten-, Service- und Unterhaltungsmagazin wandeln (müssen), das die Einordnung, Hintergründe und Analysen liefert.

3. Der Qualitäts-Journalist der Zukunft muss ein Abitur im Fach «Netzkultur» vorweisen. Notendurchschnitt mindestens 2,0!

Wie erschreckend wenig Journalisten das Internet im Allgemeinen und das Web mit seinen Nutzern im Besonderen verstanden haben, ist immer wieder von neuem verwunderlich. Meine Überzeugung: Zu einer fundierten journalistischen Ausbildung muss es (eigentlich schon längst) gehören, dass Technik, Geschichte, Formate und Gepflogenheiten der Netzkultur vermittelt und verinnerlicht werden. Einerseits haben das die wenigstens bisher verstanden, andererseits leisten sich erstaunlich viele eine dementsprechend wenig fundierte Meinung zu Blogs und Co.

4. Der Journalist der Zukunft muss alle Kanäle beherrschen, vor allem den Rückkanal

Crossmedia wird oftmals verkürzt verstanden als «auf allen Kanälen dabei sein». Vergessen werden dabei zwei Dinge: Erstens wird gerne das «Cross» in «Crossmedia» vergessen, also die intelligente Verzahnung von Inhalten, Formaten und Kommunikatoren (= Zeitungsmacher und Mediennutzer). Und zweitens wird vergessen, dass neben den diversen Kanälen zum Senden der Rückkanal mitgedacht werden muss – und zwar von der Redaktion und nicht vom eingekauften Kundentelefon-Servicecenter. Die verschiedenen papiernen, elektronischen und digitalen Distributionswege zu bespielen ist wichtig, ja. Den Rückkanal meisterhaft auf gleicher Augenhöhe mit dem Publikum zu managen ist noch wichtiger.

5. Der Qualitäts-Journalist der Zukunft braucht Streit- und Kritikfähigkeit!

Journalisten wie Blogger sind ja teils recht eitle Wesen, teils sogar zu Recht. Doch insbesondere ersteren scheint es (nicht nur) aufgrund der Existenz der zweiteren an einer gesunden Streitkultur und an Kritikfähigkeit zu fehlen. Unterstellt man, dass künftig das Einbahnstraßenleben im Journalismus (falls es das je gegeben hat) endgültig vorbei ist und für die jetzt heranwachsenden Mediennutzer das Mitmachen wie selbstverständlich dazugehört, dann braucht Journalismus, dann brauchen Journalisten, einen dickes Fell für nervende Trolls, aber auch ein offenes Ohr für diejenigen, die es wirklich besser wissen.


Steffen Büffel ist selbstständiger Medienberater und unter anderem spezialisiert auf Crossmedia und Social-Media-Strategien bei Zeitungsverlagen. Er bloggt auf media-ocean.de.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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14 Kommentare

  1. ben_
    schrieb am 28. Februar 2008 um 12:22 Uhr (#)

    Ich habe ja er kürzlich gelernt, dass das Wort “Qualitätsjournalismus” eigentlich eher ein Schuß ins Knie ist. Denn es impliziert, dass es noch einen “normalen” Journalismus gibt, der keine Qualitätsansprüche erfüllt.

  2. Kooptech
    schrieb am 28. Februar 2008 um 13:25 Uhr (#)

    M TB: http://blog.kooptech.de/i…ei-Journalisten.html

  3. Dirk
    schrieb am 28. Februar 2008 um 15:46 Uhr (#)

    manueller trackback:

    http://dirkvongehlen.de/i…nah-und-kritikfahig/

  4. Dirk
    schrieb am 28. Februar 2008 um 15:47 Uhr (#)

    sorry für voreilige doppel-posting

  5. Jean-Claude
    schrieb am 28. Februar 2008 um 18:48 Uhr (#)

    These Nummer 6: Alle Journalisten, Blogger und Artverwandte werden in einen Pflichtkurs Deutsch geschickt, damit Sätze wie “…aufgrund der Existenz der zweiteren….” nie und nimmer mehr vorkommen, weder im web noch sonstwo.

  6. Martin Hahn
    schrieb am 28. Februar 2008 um 19:11 Uhr (#)

    das einzig gute an dem artikel ist das geklaute stockimage

  7. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 28. Februar 2008 um 23:46 Uhr (#)

    » Martin Hahn: Außerordentlich fundierte Kritik. Das Bild ist bezahlt, das bezeichnet man gemeinhin als “gekauft”, nicht als “geklaut”.

  8. Manfred Baldschus
    schrieb am 29. Februar 2008 um 05:10 Uhr (#)

    Gute Darstellung, Herr Büffel. Insbesondere der Forderung nach crossmedialer Ausbildung schließe ich mich an. Nicht neu ist jedoch die Rolle der Zeitung als Hintergrund- und Unterhaltungsmedium, da sie gegenüber Radio/TV immer die Nachrichten von gestern meldet.

  9. yoshi005
    schrieb am 29. Februar 2008 um 09:33 Uhr (#)

    Ich schließe mich weitgehend den Thesen an. Jedoch sollte sich aus meiner Sicht die gedruckte Zeitung nicht in Richtung Unterhaltung orientieren (das können Online-Medien besser), sondern in Richtung fundierter, hochwertiger Hintergundinformation. Für alles andere wird der Leser in Zukunft kein Geld mehr ausgeben.

  10. Christian Schmitt
    schrieb am 29. Februar 2008 um 15:12 Uhr (#)

    [...] Fünf Thesen mit Substanz zum Buzzword ?Cross-Media? stellt der Social Media und Web 2.0 Experte Steffen Büffel bei medienlese vor [...]

  11. Björn Rohles
    schrieb am 29. Februar 2008 um 16:08 Uhr (#)

    Interessant finde ich in diesem Zusammenhang meinen (höchst persönlichen und nicht nachrecherchierten) Eindruck, dass sich immer stärker die Bereitschaft durchsetzt, für Inhalte im Internet zu bezahlen – sofern die Preise vertretbar und die Inhalte gut sind. Vielleicht könnten die Verlage so mit einem Blick auf XING, iTunes, Flickr und Co. dazu bewogen werden, ihre Online-Präsenzen weniger als Zubrot zu sehen. Wenn These 2 sich bewahrheitet, bleibt ihnen bald so oder so keine Wahl.

  12. MobilePublisher
    schrieb am 29. Februar 2008 um 19:14 Uhr (#)

    Steffen Büffel geht in seinem Beitrag “Die Zeitung der Zukunft: Fünf Thesen zu Crossmedia” dem Buzzword Crossmedia auf den Grund. Das ist aufschlussreich-ernüchternd! Besonders die ersten beiden Punkte “Die Zukunft der Zeitung ist nicht crossmedial, sie ist lesernah!” sowie “Die gedruckte Zeitung wird künftig die ideale Ergänzung für das (mobile) Web sein!” können überzeugen.
    [...]

  13. urzeit
    schrieb am 29. Februar 2008 um 20:56 Uhr (#)

    Selbst die beste Zeitung der Welt wird nicht von denjenigen gelesen, die zum Lesen und Denken zu faul sind …

  14. Steffen Büffel
    schrieb am 29. Februar 2008 um 22:03 Uhr (#)

    Interessante Kommentierungen, bei denen die Nickligkeiten, die mir in der Vergangenheit entgegengeschwappt sind ja weitestgehend ausgeblieben sind. Es zeigt sich seit ungefähr einem Dreiviertel Jahr, dass das Thema “Zukunft der Zeitung” differnzierter diskutiert wird, was ich erfreulich finde. Schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung, zumindest meiner Ansicht nach.

    Ich farge mich aber, warum immer noch so viele Verlagsverantwortliche so ingorant oder vielelicht einfach nur geizig sind, um Geld in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu stecken.

    Wenn einem das Bloggen etwas lehrt ist es, dass sich auf Dauer nur Qualität durchsetzt. Wer Trash liefert wird getrasht.

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