Die mobile Applikation ist tot, es lebe das mobile Web
Kein Zweifel: Es bewegt sich was im Markt für Mobiltelefone. Die Verkäufe von leistungsfähigen Smartphones steigen weiter massiv an, mit Wachstumsraten von 50-60% pro Jahr. Die Tarife für Datenübertragung werden laufend attraktiver. Und hinzu kommt die Aussicht auf viel neue Funktionalität: Googles neue Android-Plattform steht kurz vor dem Markteintritt, und bald soll ein Entwicklungstoolkit für Apples iPhone rauskommen.
Eigentlich müsste man meinen, dass sich Entwickler von mobilen Applikationen über diesen Trend nur freuen können. Aber da würde man sich vermutlich täuschen. Einige Artikel aus dieser Community zeichnen ein düsteres Bild und stellen fest: Das Zeitalter der lokal auf Mobilgeräten installierten Applikationen neigt sich möglicherweise seinem vorzeitigen Ende zu.
Der Hauptgrund: Die enorme Fragmentierung des Marktes. Wer nämlich Applikationen für Mobilgeräte schreiben will, muss nicht weniger als ein gutes Dutzend verschiedener Plattformen unterstützen, um einigermassen den grössten Teil des Marktes zu erreichen. Als da wären die Palm-Familie (in mehreren Generationen), Windows Mobile (in diversen Untervarianten), Symbian (mit mindestens drei UI-Subfamilien), das iPhone, Android, BlackBerry-OS, sowie allerlei Java-Variationen und ein paar Linux-Abkömmlinge. Und alle haben selbstverständlich komplett unterschiedliche Speichermodelle, Grafiklibraries, Speichermöglichkeiten und dergleichen mehr. Mit anderen Worten: Die Entwicklung von Mobilapplikationen ist teuer, mühsam und aufwendig. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Auswahl für die grösseren Plattformen zwar zahlenmässig durchaus stattlich, aber inhaltlich recht eintönig ist.
Das mobile Web, ursprünglich mal als “WAP” gestartet, was bisher ein ähnlicher Misserfolg. Aber das scheint sich nun radikal zu ändern. Webbasierte Applikationen für Mobilgeräte tauchen in immer grösserer Zahl und ansehnlicher Qualität auf. Allein für das iPhone finden sich schon über 1000 solcher Applikationen in Apples Katalog. Die meisten davon funktionieren auch auf anderen Telefonen mit vollwertigen Browsern, beispielsweise Nokias S60-Geräten. Und die grossen Internetanbieter wie Google und Yahoo portieren immer mehr reichhaltige Funktionalität in ein für mobile Geräte optimiertes Format.
Die Spannbreite der Anwendungen ist gross: Da gibt es optimierte Interfaces zu allerlei konventionellen Websites (Twitter, Amazon, Facebook, XING, Flickr, … ), Produktivitätsanwendungen (bis hin zu Spreadsheets), viele Spiele, Reisehilfen (mit Fahrplänen und selbst Plänen von Disneyworld) sowie natürlich allerlei Informationsdienste.
Einige Trends begünstigen diese Renaissance des mobilen Webs:
1. Smartphones sind heute so leistungsfähig geworden, dass sie die volle Komplexität normaler Websites (JavaScript, AJAX, CSS, …) verdauen können. Dadurch können Entwickler endlich die gleichen Technologie verwenden wie für normale Webapplikationen.
2. Datenabos mit Flat Fee werden in immer mehr Ländern zu vernünftigen Preisen verfügbar. Das ist eine essentielle ökonomische Voraussetzung für sinnvolle Nutzbarkeit mobiler Webapplikationen.
3. Die Datennetze werden schneller. UMTS und selbst HSDPA erreichen in vielen Ländern eine sehr gute Abdeckung. Dadurch wird die Geschwindigkeit von Webapplikationen erträglich.
4. Sicherheitsbedenken werden auch für mobile Geräte akut. Einen Virus auf dem Mobiltelefon will wohl keiner, und darum bestehen viele Mobiltelefonfirmen darauf, voll zu kontrollieren, was auf Telefonen installiert werden und auf die Hardware zugreifen kann.
All diese Trends werden sich auf absehbare Zeit noch verstärken. Und darum kann man davon ausgehen, dass es für Entwickler immer attraktiver wird, webbasierte Applikationen statt lokal installierter Programme für Mobilgeräte zu entwickeln.
Aber können webbasierte Dienste wirklich den gleichen Funktionsumfang bieten wie lokale Applikationen? Natürlich nicht. Es ist sehr viel schwerer (oder unmöglich), mit der Hardware des Gerätes zu interagieren. Aber das ist nur für eine kleine Gruppe von Applikationen wirklich ein Problem. Die meisten sinnvollen Anwendungen lassen sich sehr wohl in einem Web-Format entwickeln.
Einiges fehlt noch: Eine grössere installierte Basis von Geräten mit voller Web-Funktionalität zum Beispiel. Das iPhone war der Pionier, und andere ziehen aufgrund der guten Erfahrungen jetzt nach. Google war neulich sehr überrascht darüber, dass iPhone-User etwa 50mal mehr per Telefon im Netz suchen als Besitzer anderer Geräte. Aber iPhone-Besitzer dürfte das nicht sehr erstaunen, denn der Unterschied zwischen den bisherigen Smartphone-Dünnbrett-Browsern und einem ausgewachsenen iPhone-Safari ist massiv.
Dann fehlt Offline-Funktionalität, denn in der U-Bahn hat man halt meistens noch immer keinen Empfang (ausser in Südkorea, da sind irgendwie überall 5 Striche UMTS…). Ansätze für Offline-Webanwendungen wie Google Gears könnten da sicher helfen. Es gibt keinen Grund, warum solche schlanken Plattformen nicht auf modernen Smartphones laufen sollten.
Zuguterletzt fehlt noch ein brauchbares Businessmodell, denn bei lokal installierten Applikationen konnten die Entwickler noch leichter Geld (wenn auch von einer viel kleineren Zielgruppe) verlangen als im immer zu “gratis” tendierenden Web. Da es wenig Hoffnung gibt, dass die Telefongesellschaften ein Einsehen haben und ihre Umsätze teilen werden, müssen sich die Entwickler wohl andere Wege suchen. Mobile Werbung wartet immer noch auf den Durchbruch und könnte finanzielle Beiträge leisten. Für einige Applikationen funktionieren vielleicht Abo-Modelle, wie sie im SaaS-Bereich üblich sind. Die wichtigste Rolle, so vermute ich, werden kombinierte Modelle spielen, die Applikationen auf dem traditionellen Web mit einer starken mobilen Komponente verbinden.
Die Sterne stehen günstig für mobile Webapplikationen: Ein paar positive technische Trends kommen zusammen, es gibt mit dem iPhone ein ausgereiftes Pionier-Gerät mit einer starken Nachahmungstendenz in der Branche, und die Kostenvorteile für Entwickler sind dramatisch.










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Generell stimme ich deinen Thesen zu, der goldene Mittelweg wäre allerdings wirklich eine Art common standard für die Offline/Online Problematik. Google Gears wird auf dem Android wohl Standard werden und ich denke das Konzept lässt sich dann ja auch auf andere Plattformen übertragen bzw exact gleich nachbilden.
Wer jemals schon intensiver mit Java-Handset Anwendungen oder gar Symbian Native (S60, Editionen 1 – 8273) zu tun hatte wird deine Ansätze nur unterschreiben können.