Vor zehn Jahren:
«Wahn in der Datenbahn»

Ärgernis, Zeitvergeudung, Schrottplatz: Vor genau zehn Jahren schimpfte das Nachrichtenmagazin Facts über das Internet. Wir sehen uns an, was seitdem passiert ist und sprechen mit Peter Hossli, dem Autor der Internet-Schmähschrift.

Wahn in der Datenbahn, Seite 1
Facts 1998: «Wahn in der Datenbahn», Artikel bei Hossli.com, Bilder aus dem Heft mit freundlicher Genehmigung von Tamedia auf medienlese.com

«Das Internet ist ein Ärgernis. Wer etwas sucht, ertrinkt im Datenmeer. Das Netz vergeudet die Zeit der Surfer sinnlos. Ohne technisches Fachwissen schafft niemand den Anschluss. Geld ist im World Wide Web nicht zu machen. Das globale Dorf ist in Wahrheit ein titanischer Schrottplatz.» Sechs Thesen von Peter Hossli, erschienen als Einstieg in einen Artikel des Schweizer Nachrichtenmagazin Facts im Februar 1998. Überschrift: «Wahn in der Datenbahn.»

Das saß, denn in der Woche, in der die Facts-Geschichte erschien, fand in Zürich eine große Internetmesse statt. Dort präsentierte der Tamedia-Verlag stolz das Onlineangebot des Tages-Anzeiger, das Thema Internet sollte richtig gepusht werden – und dann feuert Facts, ausgerechnet ein Magazin aus dem selben Verlag, eine derartige Breitseite ab.

Wahn in der Datenbahn, Seiten 3, 4
Seiten 3, 4: «Der Absturz kommt bestimmt»
Wahn in der Datenbahn, Seiten 5, 6
Seiten 5, 6: «Das lange Warten»

Das Datenwahn-Heft verkaufte sich für Facts-Verhältnisse sehr gut, erinnert sich Peter Hossli. Direkt Ärger gab es von Redaktion und Verlag nicht für ihn. Entstanden ist das Pamphlet, nachdem sich Hossli mit Peter Wälty in einem Kaffee über die windigen Geschäfte im weltweiten Netz unterhalten hatten. «Wir wollten diesen unglaublichen Hype hinterfragen» sagt Hossli. «Der Artikel war ja nicht nur Polemik, der war auch ernst gemeint.»

Ernste Panik vor dem Netz

Zwei Jahre nach dem Artikel platzte die Dotcom-Blase – sollte Peter Hossli recht behalten? Nein. Zehn Jahre später lassen sich seine Thesen leicht widerlegen: Es kam dann doch anders. Vollkommen anders.

Allein der Zugang zum Internet: Mussten sich früher Tausende Nutzer einer Universität einen 2-MBit-Anschluss ans Netz teilen, gehört ein Breitband-Anschluss mittlerweile zur Grundversorgung. Heute nutzen etwa die Hälfte der Schweizer täglich eine Suchmaschine, 58,3 Prozent haben Zugang zum Internet. In Deutschland misst die Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) eine Internet-Reichweite von 64 Prozent.

Und die ärgern sich alle rum? Nein, denn auch ohne technisches Fachwissen sind Computer heute leicht zu bedienen. Und leicht ans Internet angeschlossen.

Wahn in der Datenbahn, Seiten  7, 8
Seiten 7, 8: «Sinnlos abrackern»
Wahn in der Datenbahn, Seiten 9, 10
Seiten 9, 10: «Kaugummi fürs Hirn»

Statt nur Zeit zu vergeuden suchen die Nutzer im Internet schnell nach Informationen – oder verdienen mittlerweile auch Geld. Die ersten Medienangebote sind profitabel, es existieren erfolgreiche Geschäftsmodelle. Denn nachdem die Spekulationsblase im Jahr 2000 geplatzt ist, sind Web-Unternehmer durchaus schlauer geworden. Längst gibt es profitable Internet-Unternehmen, Xing-Gründer Lars Hinrichs verkauft seinen Mitgliedern eine Premium-Mitgliedschaft. Über eine Viertelmillionen Nutzer zahlen und bescherten der Firma im ersten Halbjahr 2007 einen Gewinn von 1,2 Millionen Euro. Gewinn, nicht Umsatz. So könnte man immer weiter machen und mit unzähligen Beispielen zeigen, was für einen Siegeszug das Internet angetreten hat. Wie Blogger in Kuba, Rußland, China, Iran zu einer neuen Weltöffentlichkeit finden.

Trotzdem, sagt Hossli im medienlese.com-Interview, ist sein Text heute aktueller denn je.

“Immer noch aktuell”

Herr Hossli, Was ist heute noch dran an Ihren Thesen?

Die Technik ist natürlich besser, Breitband-Anschlüsse und Google haben das Internet nutzbar gemacht. Aber viele andere Sachen sind immer noch aktuell. Man darf nicht vergessen, dass zwei Jahre nach dem Artikel die Dotcom-Blase geplatzt ist, da ist enorm viel Geld vernichtet worden. Das ist heute nicht anders, Web 2.0 hat noch immer kein richtiges Business-Modell.

Weil die Werbeeinnahmen noch nicht einem richtigen Verhältnis zur Aufmerksamkeit der Nutzer stehen?

Es passiert ja noch mehr. Früher gab es Leser und Autoren. Heute gibt es Millionen Blogger, die Medienangebote explodieren und Autoren werden bedeutungslos. Es gibt weit mehr Schreiber als Leser. Branche um Branche wird dezimiert, Musik, Print, Fernsehen. Das Internet hat inzwischen den Journalismus finanziell ausgehöhlt und solange herkömmliche Medien eine einfache Internetsuche als Recherche verkaufen, torpedieren sie sich selbst.

Gibt es nicht gerade im unübersichtlichen Netz eine Sehnsucht nach Autoren?

Aber wer bezahlt die Profis? Schauen Sie sich nur Fotografen an, heute kriegt man in Archiven Bilder für einen Dollar, da musste man früher jemanden losschicken. Geld verdienen Internet-Werbeagenturen wie Google, Yahoo und Microsoft, nicht aber die Blogger.

Sie sind selber recht aktiv im Internet, steht das nicht im Widerspruch zu ihren Netz-Vorbehalten?

Ich nutze das Netz täglich, hatte bereits im Jahr 2000 eine Webseite mit einem Blog, bevor es Blogs überhaupt gab. Ich habe für Facts den ersten ernstzunehmenden Internet-Chat moderiert und die Webseite des Magazins mit aufgebaut. Heute schreibe ich regelmässig über diese Branche. Und ich kenne ein paar Leute, die machen ihre 2000 Dollar im Monat mit Bloggen. Nur davon kann man nicht leben.

Sind Sie Mitglied bei Facts 2.0?

Ich habe da mal reingeschaut und mich auch angemeldet, das ist hochinteressant und sehr gut gemacht. Beruflich bewege mich gerade in eine andere Richtung, ich produzieren Artikel und Inhalte, die man eben nicht im Internet finden kann. Das ist aufwändiger, aber alles andere lohnt nicht. Nur wer in die Welt hinaus geht und sich ein Bild macht, schafft echte journalistische Werte.

Hossli blickt zurück

Auf seiner Webseite blickt Peter Hossli auf seinen Artikel zurück und kommentiert seine Thesen von damals. Das liest sich so, als wäre in zehn Jahren nur alles schlimmer geworden. Kostprobe? Bloggerschelte: «Ein Grossteil der publizierten Inhalte ist aber nach wie vor banal.» Web-2.0-Bashing: «Mit dem viel gepriesenen Web 2.0 werden kaum Werte geschaffen, sondern hauptsächlich zerstört.»

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Frank
    schrieb am 26. Februar 2008 um 23:41 Uhr (#)

    Zitat: «Mit dem viel gepriesenen Web 2.0 werden kaum Werte geschaffen, sondern hauptsächlich zerstört.»

    Wo er recht hat, hat er recht.

  2. Bruder Bernhard
    schrieb am 27. Februar 2008 um 12:15 Uhr (#)

    Hach, wird jetzt der Konfrontations’journalismus’, der schon beim Heft so nervte, nochmals aufgewärmt. Es handelt sich wie immer in diesen Fällen um einen exotischen Standpunkt zu einem öffentlich diskutierten Thema, wo auch jeder Experte ist – wir erinnern uns an den Fall des Taxichauffeurs, der bei der BBC statt des echten Experten interviewt wurde :-)). Inhaltlich eher wohlfeiler Kulturpessimismus. Jede Kuh hat ein Vorne und ein Hinten, und hier wird einfach nur die eine Hälfte verabsolutiert… Zudem haben wir das alles schon lange anderswo vorgesetzt bekommen. Gähn

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