Das Internet wird zur

CloudSeid ihr im Internetkontext schon einmal den Begriff “Cloud” gestoßen? Wenn nicht, dann könnte sich das auch unabhängig von diesem Artikel bald ändern. Cloud heißt auf Deutsch “Wolke” und trat in der bisherigen Web-Berichterstattung hauptsächlich in Form des “Cloud Computings” auf. In der englischsprachigen Blogosphäre wird der Cloub-Begriff mittlerweile aber auch verstärkt als Synonom für das Internet gebraucht und qualifiziert sich damit überraschend als Kandidat für den Nachfolger des mittlerweile etwas abgegriffenen Web-2.0-Begriffs. Während andere Web-Trends wie das semantische Web bisher größtenteils theoretische Konstrukte darstellen, deren praktische Umsetzungen noch weit vom Mainstream entfernt sind (bei Sajonara.de sieht man das etwas anders), ist die Cloud für viele Internetnutzer bereits unbewusst Bestandteil des täglichen Surfalltags.

Als Cloud Computing wird ein Zustand bezeichnet, bei dem Anbieter von Internetdiensten die benötigte Software und Hardware nicht mehr selber betreiben, sondern an externe Dienstleister auslagern. Diese verfügen über leistungsstarke Datencenter und stellen Webunternehmen die gewünschten/benötigten Ressourcen für ihre Applikationen gegen Entgelt bereit. Für Startups und etablierte Onlineanbieter hat diese Form des Outsourcings mindestens drei entscheidende Vorteile gegenüber dem Eigenbetrieb: Sie haben keine Fixkosten für die Anschaffung von Hardware sondern bezahlen nur für in Anspruch genommene Rechen- und Speicherleistung.

Anzahl der Erwähnung von “Cloud Computing” in Blogs zwischen Aug. 07 und Feb. 08 laut Technorati.

Gleichzeitig entfallen Probleme, die sonst bei variierender Serverauslastung entstehen: Betreiber eines Webangebotes, das im Fernsehen erwähnt wird und dadurch einen Besucheransturm erlebt, können sich zurücklehnen, denn das spontane und unkomplizierte Erhöhen der Ressourcen bei Bedarf (Skalierbarkeit) ist eine der Stärken der Cloud-Dienstleister mit ihren Tausenden von Servern. Nicht zuletzt sparen Unternehmen, die auf Cloud Computing setzen, natürlich auch Zeit sowie für die Servertechnik zuständiges Personal und können sich lieber voll und ganz auf die Entwicklung und das Marketing ihres Produktes konzentrieren.

Der bekanntes Dienstleister im Bereich des Cloud Computings ist Amazon. Marcel Weiß von neunetz.com bezeichnete die Amazon Web Services (AWS) kürzlich sehr treffend als “Eisenbahn des Netzes”. Zahlreiche bekannte Web-2.0-Dienste lassen ihre Software und Datenbanken bei Amazon laufen. Im vierten Quartal 2007 war das von den AWS-Angeboten Eleastic Compute Cloud (EC2) und Simple Storage Service (S3) generierte Datenvolumen größer als das aller globaler Amazon-Websites zusammen. Neben Amazon bieten auch Mosso und Joyent Entwicklern und Webunternehmen ähnliche Dienstleistungen an.

Während Cloud Computing zwar ein interessantes, aber stark technisch geprägtes Thema ist, bezieht sich die Cloud als einzelnes, handliches Wort auf ein viel breiteres, schwerer zu definierendes Gebiet, und hat damit beste Voraussetzungen, sich zu einem marketinggetriebenen “Buzzword” zu entwickeln (ob man das will oder nicht). Neben den oben erwähnten Dienstleistern verfügen auch andere IT- und Internetgrößen über enorme Datencenter, die man als einzelne Clouds bezeichnen kann. Jedes dieser Unternehmen erlaubt Nutzern auf unterschiedliche Art und Weise, sich diese Clouds für die Bereicherung des eigenen Interneterlebnisses zunutze zu machen. Während Microsoft mit Windows Live SkyDrive kostenlos fünf Gigabyte Speicherplatz auf seinen Servern anbietet, offeriert Google Services wie beispielsweise Online-Textverarbeitung (Google Docs) oder Videohosting und -sharing (YouTube).

Datencenter von Google in den Niederlanden.

Führt man sich vor Augen, dass Personen bei jeder Nutzung derartiger Angebote Daten auf den Servern der Anbietern speichern und zum Teil auch dort bearbeiten, ohne dass diese danach wieder auf die heimische Festplatte geladen werden, dann erscheint die Cloud-Definition gar nicht mehr so abstrakt. Jedes Videoportal, jeder Service zum Speichern der eigenen Musiksammlung, jede Onlineapplikation zum Beabeiten von Bildern oder Erstellen von Texten, jedes Social Network und jede Foto-Community ist Teil der Cloud. Hinterlasst ihr Daten im Netz, befinden sie sich in der Cloud.

Die ultimative Form des Cloud-Prinzips stellen in der Konsequenz Projekte dar, die den gesamten Desktop der User ins Web holen wollen. Anbieter wie icloud, Cloudo, eyeOS, ajaxWindows, myGoya oder jooce haben es sich zum Ziel gesetzt, Internetbenutzern im Browser eine Umgebung zu schaffen, die optisch und funktionell dem lokal installierten Betriebssystem gleicht. Noch sind solche Dienste im Prinzip nur für Menschen interessant, die keinen eigenen Computer besitzen und in Internetcafés oder bei Freunden online gehen. Langfristig ist jedoch zu erwarten, dass sich auch Internetkonzerne wie Google oder Microsoft in diese Richtung bewegen und verstärkt Nutzungsszenarien und Anreize auftauchen, die für einen zunehmenden und verbreiteten Einsatz derartiger Lösungen sorgen werden. Selbst Facebook wird nachgesagt, dass es ein Internet-Betriebssystem anstrebe, und mit Blick auf die Entwicklerplattform und mehr als 15.000 unterschiedliche Anwendungen (die in der Cloud ablaufen), erscheint das gar nicht so abwegig.

Egal, ob sich der Cloud-Ausdruck im allgemeinen Internetsprachgebrauch durchsetzen wird oder nicht – es ist eine willkommene Abgrenzung des bisherigen Internet-Begriffs – der sich auf eine Phase bezieht, in dem Informationen bezogen und getauscht wurden – zu einem Zustand, in dem JEDE Computer-Tätigkeit im Netz und nicht mehr lokal stattfindet.

Wer sich mit dem Anglizismus nicht anfreunden kann, darf auch gern von Wolken sprechen ;)

Bilder via Wikimedia Commons und Flickr.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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7 Kommentare

  1. Ist alles eine Vorform des Grids… ;)

  2. Naja, unter Marketinggesichtspunkten verständlich. “Web” klingt mittlerweile schon ziemlich altbacken, ob 1 oder 2.0. Ähnlich wie Homepage oder tickern.

  3. Vielen Dank fürs nachträgliche Einfügen. Semantik hat übrigens durchaus auch etwas mit dem Grid-Gedanken und Datenbankenstrukturen an und für sich zu tun. Lev Manovich beschäftigt sich als Medienwissenschaftler hin und wieder auch mit dieser Thematik der Metadaten und hat die Metapher der Datenbank für derlei Phänomene im wissenschaftlich-theoretischen Kontext fruchtbar gemacht.

  4. Martin, du hast eiskalt den besten un der den Web Dsktops vergessen: myGoya.com !

    Übrigens: Simfy benutzt Amazon S3

  5. “Auf Grund von Wartungsarbeiten ist diese Webseite momentan nicht verf?gbar. Bitte versuchen Sie es in K?rze noch einmal.” :D Herrlich.

    Hab’s hinzugefügt ;)

8 Pingbacks

  1. [...] schreibt. Das tut er just in dem Moment, in dem er den Begriff der “Cloud” (engl. für Wolke) zur Sprache bringt. Angeblich wird dieser Begriff durch Erscheinungen im [...]

  2. [...] zum Beitrag: Das Internet wird zur “Cloud” Tags » Cloud, Internet, Web 2.0 « Trackback: Trackback-URL | Feed zum [...]

  3. [...] einem sehr informativen Beitrag beschreibt Martin Weigert das Phänomen des „Cloud Computing“. Was ist darunter zu verstehen? Als [...]

  4. [...] die Inhalte anbieten. Also sowohl Spiegel-Online als auch Youtube). Auf dieser Ebene lässt sich ein Wandel des Internets zur Cloud [...]

  5. Auch tunesBag setzt auf Musik in der Cloud » Beitrag » zweinull.cc sagt:

    [...] der großen Zahl von Anbietern konnte das Speichern und Teilen von Musik in der Cloud bisher keinen wirklichen Durchbruch erzielen. tunesBag und Konsorten müssen also noch einiges an [...]

  6. Wuala erlaubt Bearbeiten von Dateien in der P2P Cloud » Beitrag » zweinull.cc sagt:

    [...] in den nächsten Jahren entwicklen wird, ist eindeutig: Daten und Programme werden verstärkt in der Cloud, also im Web abgelegt und von dort ortsunabhängig genutzt. Das Speichern von (nicht sensiblen) [...]

  7. [...] Mesh gestern in die Beta-Phase startete. Mithilfe von Live Mesh kann man sich im Web bzw. in der Cloud ein Online-Version seines Desktops erstellen, welchen man dann mit mehreren PCs verbinden und [...]

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