Hit-Artikel aus der Statistik:
Die Klick-Jünger

Ole Reißmann, 19. Februar 2008 16:54 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Wird mein Text auch gut geklickt? Wie die Statistiken der Online-Portale Journalisten konditionieren.

Die Blattmacher im Internet haben mächtige Tools, die ihnen endlich genau sagen, wann welche Artikel wo ziehen – und welche Themen von den Lesern lieber liegen gelassen werden. Bei der herkömmlichen Zeitung war das bisher Bauchgefühl und wurde nur mittels teuren, aufwendigen und nicht ganz zweifelsfreien Studien exemplarisch gemessen.

Als Journalist hat man heute Daten genug bei der Hand, gewissermaßen ein deppensicheres Manual, wie man einen Hit-Artikel schreibt.

Schreibt Robert Misik auf taz.de. Die Folge von davon:

Deshalb müssen Sie, liebe LeserInnen, so viele Beziehungs- und Tiergeschichten lesen. Das ist Ihr Verdienst.

Keine andere Nachrichten-Seite gibt das Schielen auf die Klicks so unverhohlen zu wie das am Montag gestartet Portal Zoomer. Die Klick-Statistik wird hier gleich neben der Überschrift* angezeigt, klicken zu wenig Nutzer auf den Artikel, verschwindet er. Nichts anderes passiert bei Stern, Focus & Co. – nur nicht so offensichtlich.

Einen konsequenten Schritt weiter geht der Plan von Nick Denton vom vergangenem Dezember, seine Online-Journalisten je Klick zu entlohnen. Spätestens hier fällt auf, was diese Art der Klick-Gläubigkeit für Folgen hat. Denn derart konditioniert stürzen sich die Schreiber zunächst auf die massenkompatiblen Themen.

Dass die Relevanz aber allein per Klick gemessen werden kann, daran kann ernsthaft niemand glauben. Alle interessieren sich für Titten, Tiere, Tränen, Tote – trotzdem ist die unbequeme Berichterstattung über langweilige Themen wie Datenschutz notwendige Aufgabe der Presse.

Mit dem einem Auge die Statistik im Blick, nach dem Leser schielend, mit dem anderen die Aufgabe der Presse und das publizistische Ansehen: Die Statistik macht’s auch nicht leichter.

*Notiz am Rande: Die Meister der gelungenen Überschriften sitzen natürlich an der Willy-Brandt-Straße in Hamburg, wo Zeilen wie “Müntefering faxt sich ins Abseits” oder “Väterchen Kuba tritt ab” rausgehauen werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. David Bauer
    schrieb am 19. Februar 2008 um 21:56 Uhr (#)

    Ole, wo bleibt die wir-haben-da-noch-vierzig-bilder-willkürlich-zusammengestellt-bildergalerie zum durchklicken?

  2. Tom030
    schrieb am 20. Februar 2008 um 00:41 Uhr (#)

    Ja, im richtigem Mix liegt das Geheimnis. Klick-Fallen gibt’s überall & wer es letztlich für ausschlaggebend hält, sich einzig darauf zu verlassen was die Hits sagen, der wird bald nicht mehr der Hit sein. Aber manchmal kommen so auch interessante Zahlen & Fakten zusammen.

    Die “wir-haben-da-noch-vierzig-bilder-willkürlich-zusammengestellt-bildergalerie zum durchklicken” wär aber wirklich passend zum Artikel gekommen.

  3. mds
    schrieb am 20. Februar 2008 um 10:01 Uhr (#)

    Medien transportieren in erster Linie Werbung, das ist auch online nicht anders ? offline fehlt bloss die Möglichkeit, das Leseverhalten ähnlich genau zu erfassen.

  4. Martin Rath
    schrieb am 20. Februar 2008 um 10:22 Uhr (#)

    Liege ich mit der Vermutung richtig, dass ein über’s Leserverhalten klick-statistisch effektiv aufgeklärter Journalist ebenso viel Langeweile produzieren muss, wie ein demoskopisch aufgeklärter politischer Führungsstab (simple Symbolwahlkämpfe statt Sachfragen-Präsentation)?

    Hab’ zu wenig mit Medientheorie am Hut, könnte aber der gleiche Mechanismus sein: Und wenn das Resulatat im letzteren Fall ist, dass ureigentlich politische Entscheidungen eher in die Führungsebene der so genannten “Wirtschaft” abwandern, wo werden sich dann demnächst ureigentlich journalistische Spannungen entladen?

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