Zoomer.de gestartet:
Und es hat Zoom gemacht

Heute ist Zoomer.de gestartet, das neue Nachrichtenportal des Holtzbrinck-Verlags (Tagesspiegel, Zeit, StudiVZ). Ulrich Wickert verspricht im Begrüßungs-Video “das erste echte Internet-Nachrichtenportal” – die Netzeitung wird sich bedanken.

mit Florian Steglich

Zoomer.de
Zomtec ist gestern, Zoomer ist heute (Screenshot)

Seit heute ist Zoomer im Netz – unser erster Eindruck: Auf Zoomer.de finden sich “echte” Nachrichten. Die Unabhängigkeit des Kosovo, die Ermittlungen in Sachen Steuerhinterziehung, die Wahlen in Hamburg. Da ist erstmal nichts zu sehen von Britney-Britney-Balla-Balla.

Was die Leser interessiert, landet vorne, was nicht klickt, wird abgeräumt. So werden keine weiteren Ressourcen an den Ausbau von Themen verschwendet, die dann doch niemand lesen mag. Stattdessen füttert die Redaktion dort zu, wo das Interesse der Schwarm-intelligenten User sich ballt.

Die Nutzer der Seite bewerten, wie interessant sie eine Nachricht finden. Zusätzlich gibt es noch einen Aktualitäts-Index, der mit der Zeit sinkt – oder, wenn sich die Nachricht weiter entwickelt, wieder steigt. Daraus ergibt sich eine Punktwert, der Einfluss auf die Positionierung der Nachricht hat – oder die Redaktion erhöht den Aktualitäts-Index, so ganz die Kontrolle aus der Hand geben mag man wohl nicht.

Content-Sammelbecken

Zoomer präsentiert weniger einzelne Nachrichten als vielmehr Nachrichtenpakete (zum Beispiel “Bürgerschaftswahl in Hamburg”). Diese Pakete heißen “Top-Themen” und sind eine Art Ordner mit Hintergrundwissen in Form von Infografiken (zum Beispiel Rambos Opferstatistik – die stand zwar schon in der LA Times und in der deutschen Vanity Fair, aber das macht ja nichts), Videos und Bildstrecken. Schließlich folgt der Hinweis, wer aus der Redaktion dieses Thema betreut, inklusive kleinem Foto.

Derart personalisiert entsteht das kuschelige Community-Gefühl: Sehr her, ich mache diese Seiten und informiere Euch. Das ist sehr Web 2.0, genau wie die Videokolumne von Fiona Erdmann.

Erdmann (Germany’s Next Topmodel) hastet sich durch, äh ja, eine, äh, Fußballkolumne. Schlecht ausgeleuchtet, Webcam-Optik, extreme Mimik, wahnsinnig schnell gesprochen, das gibt 10 von 10 möglichen Web 2.0-Punkten. Auch die Zielgruppe ist von den Socken: “Hallo Fiona, cool…sexy Frau, Ahnung, frech und Model…TOP!!!! Finde ich eine geile Idee!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!”

So ernst die Themen auf der ersten Seite zum Start von Zoomer auch sind, das Design vermittelt eher einen anderen Eindruck. Es ist kleinteilig, bildlastig, erinnert eher an eine Fernsehzeitung als an ein Nachrichtenportal. Überall muss irgendwas überblendet werden, größerzoomen, aufschwurbeln. Und aus diesem besten und schlechtesten Aspekt ergibt sich dann ein grundsätzliches Problem: Die Nachrichtenauswahl spricht eine andere Sprache als der “Look & Feel” der Seite.

Die Idee ist gut und das Web dafür bereit?

Die Mischung macht’s, denn wenn der Anspruch der Redaktion wiederum zu hoch ist und die quietschbunten Geschichten der üblichen Verdächtigen (Digg, Yigg, Webnews) keinen Platz finden, kann man auch gleich dort bleiben.

Was eine grundsätzlich gute Idee ist – die Ordnung der Nachrichtenflut anhand des Interesses der Leser -, weckt hier Misstrauen. Wer weiß, ob ich nicht gerade ein wichtiges Thema verpasse, nur weil sich andere nicht dafür interessieren? Sorgt die Redaktion dafür? Der Klick geht dann im Zweifel weiterhin an Spiegel Online.

Dass es aber einen Platz dazwischen gibt, zwischen unkontrolliertem Nonsense und knallharten Nachrichten ohne Web 2.0-Funktionen, darauf setzt Zoomer. Wir sind gespannt!

Nachtrag: Dirk von Gehlen (jetzt.de) schreibt in seinem privaten Blog: “… Inhaltlich greift zoomer auf Agenturmaterial zurück und lässt – getreu dem Motto ‘glaubwürdig’ – eine Ex-Teilnehmerin der Fußball-Fachsendung ‘Germanys Next Topmodel’ das Bundesliga-Geschehen der Woche kommentieren …”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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6 Kommentare

  1. Jürgen Siebert
    schrieb am 18. Februar 2008 um 15:00 Uhr (#)

    [... Erste Erfahrungsberichte bei Henry Steinhau, DWDL und Medienlese. ...]

  2. mehrhits
    schrieb am 18. Februar 2008 um 18:10 Uhr (#)

    zoomer gefällt mir gut. Punkt.
    Eine neue Idee, eine neue Umsetzung, mehr User-Beteiligung – danach haben doch immer alle geschrien. Und jetzt kommt jemand mit der Umsetzung und die meisten Blogger hauen wieder reflexartig drauf.
    Hat eigentlich schon mal jemand reingeschaut? Da sind gute Themen (kein Boulevard), gute Texte (z. B. Hamburg-Wahl, Integration usw.), viele Video-Schnipsel, die das geschriebene als O-Ton belegen, da sind interaktive Graphiken, wie ich sie sonst noch selten im deutschen Netz gesehen habe, und da sind Elemente zur User-Beteiligung, die Lust machen, auch mal was zu schreiben. Alles in allem: Das ist ein sehr ordentlicher Aufschlag, finde ich. Und immerhin: Spiegel.de & Co., die heute wirklich gute Seiten machen, waren an ihrem jeweils ersten Tag nicht so stark aufgestellt. Also: Kompliment nach Stuttgart und Berlin. Jetzt müssen die zoomer-Macher nachlegen.

  3. David Bauer
    schrieb am 18. Februar 2008 um 19:03 Uhr (#)

    Neue Idee? Naja. Wenn ich das richtig verstehe, ich das ziemlich genau das, was facts.ch an Community-Features bietet (und das war ja schon nicht neu). Einfach mit eigenem Content.

    Inhaltlich hat die Seite bestimmt das Potential zu einer guten, modernen Nachrichtenseite. Aber grafisch wurde hier etwas zu arg in die Effektekiste gegriffen. Viele Dinge, die schön aussehen, aber die Nutzung erschweren – das ist dann alles andere als modern.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 19. Februar 2008 um 14:49 Uhr (#)

    » mehrhits: Du bist aber nicht zufällig verwandt oder verschwägert mit dem Projekt? Man könnte auf den Gedanken kommen, weil Du den Kommentar wörtlich nicht nur hier abgesetzt hast und auch noch dasselbe sagst wie Zoomer-Geschäftführer Neumann; dass nämlich SpOn an seinem ersten Tag inhaltlich nicht so gut aufgestellt gewesen sei wie Zoomer gestern. Ja, Kunststück. Spiegel Online ist seit 1994 im Netz.

  5. Frank
    schrieb am 19. Februar 2008 um 18:17 Uhr (#)

    Ich frage mich, wo genau denn bitteschön der Neuigkeitswert sein soll? Ist es deshalb neu, weil hier ein wilder Mix von SPON und Shortnews, vermengt mit Tausendreporter und ähnlichem Müll generiert wird? Visuell aufgepäppelt mit all dem überflüssigen web 2.0 Mist? Nein danke, und dann noch die Herrschaft der Schwarm-Intelligenz, na das läßt doch hoffen, was? Würg.

  6. Jessi
    schrieb am 27. September 2008 um 18:56 Uhr (#)

    Zoomer ist zwar ganz nett, aber mann kann die Artikel leider “nur” kommentieren und nicht eigene Artikel veröffentlichen. da gefällt mir http://www.online-artikel.de besser. Bei OA kann jeder eigene Meldungen veröffentlichen, andere bewerten und sein Comments abgeben. Das nenne ich echtes Web 2.0 Plattform.

    Ausserdem hilft es einem hinsichtlich Marketing und Promotion der eigenen Projekte, weil die Meldungen unter anderem bei Google News veröffentlicht werden.

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