Erst die Sprachkritiker, jetzt die Blognörgler

Nur noch Stillstand, Selbstzerfleischung, Langeweile, Werbemüll? Statt jetzt frustriert den Blog-Blues zu schieben lohnt es sich, auf Trüffelsuche durch die Blogosphäre zu ziehen.

Kaum ist beim Bastian Sick und den anderen Sprachnörglern der Glamour verflogen, stürmen die nächsten Misanthropen die Bühne von Blogville. Das, was der Don A. dort schreibt, ist dabei nur ein Beispiel von vielen: In der kleinen Bloggeria Alemania hat die Zeit der Selbstzerfleischung begonnen, der Virus der Sinnfragen grassiert und viele geben sich hemmungslos der Melancholie mit dem Gestus von digital Desillusionierten hin, die stirnlockenwerfend den Zwergwuchs und das viele Mittelmaß beklagen. Allerdings handelt es sich um einen gefühlten Zustand, keinen faktischen. Hier der Jammer in extenso:

“Vielleicht gibt es einen ganz einfachen Grund für das Ausbleiben von Erfolgen der Kommerzialisierung der Blogosphäre: Sie ist einfach nicht gut genug. Es … gibt sehr viel, was man schon mal schlechter und noch schlechter gesehen hat. Aber ansonsten ist da so viel Mittelmass, was auf Fanboys, Googleoptimierung, Katastrophentouristen und gelangweilten Nerds basiert, so wenig, was man wirklich als Exzeptionell bezeichnen könnte, so wenig Leistung, dass es nicht funktionieren wird.”

Gut – dieser keineswegs berückende Text illustriert ausgezeichnet, was er beklagt, er ist vermutlich auch als Anschauungsunterricht gedacht. Würde aber diese Zustandsbeschreibung inhaltlich flächendeckend stimmen, dann dürften wir uns hier und jetzt entweder die Kugel geben. Oder aber einfach weiterbloggen – und die Hunde bellen lassen. Was ich für das Vernünftigste halte.

Denn die Sachlage ist meines Erachtens doch eine andere: Die Blogosphäre ist so fragmentiert, so uferlos, dass es für einen Leser immer schwer ist, die passende Lektüre zu finden. Für mich ähnelt jeder Ausflug einem Abenteuer. Immer noch. Wenn es heute in Deutschland – konservativ geschätzt – nur knapp 100.000 Blogs geben sollte, so sind dies noch immer weit weit mehr als es Zeitschriften am größten Metropolenkiosk gibt. Noch unübersichtlicher wäre die Lage, wenn die ‘Hyper’ mit ihrem Optimismus recht haben sollten:

Das wären dann grob geschätzt ca. 1,6 Mio aktive Blogger bzw. Weblogs in Deutschland. … Ich bin mir bewusst, dass diese Schätzung wirklich sehr ungenau ist … aber es zeigt die Größenordnungen, in denen sich die deutsch(sprachig)e Blogoshäre bewegt.

Bei derartigen Größenordnungen muss – wenn wir Qualität versuchsweise mal als knappes Gut betrachten – natürlich sehr viel Murks dabei sein. Bei den Printmedien beschränkt sich die Zahl der sog. ‘Qualitätsmedien’ doch auch auf 20 oder allenfalls 30 Titel. Schon bei altmedialen Schlachtschiffen wie dem ‘Focus’ streiten sich die Geister, ob die Qualitäts-Kategorie für Markworts Tortenbrigade noch zutrifft. Noch öfter ginge der Daumen bei ‘Bild’ oder gar bei der ‘Apotheken Umschau’ herunter.

Wie sollte es unkommerziellen Mikromedien wie den Blogs also besser ergehen? Kurzum: Wenn man die Menschheit flächendeckend mit ‘Kleinstverlagen’ ausstattet und sie im Netz ohne Anleitung herumtoben lässt, dann ist notwendigerweise viel Larifari dabei. Darüber zu klagen ist so sinnvoll, wie über den vielen Verkehr zu schimpfen, weil plötzlich alle Autos haben.

So einfach ist die Sachlage manchmal: Blogs bleiben ein Suchmedium – wie beim Pilzsammeln inspiziert man -zig mögliche Fundstellen, um eine einzige Trüffel zu entdecken. Bin ich an einem Tag dann schlecht oder auch bloß ein wenig kulturpessimistisch gestimmt, dann sticht mir plötzlich nur noch der Murks in die Augen. Das ist aber mein Ich, dass mir die Pupillen verdreht, das sich quengelnd zu Wort meldet, aber nicht die Blogosphäre.

Erwartungsfroher gestimmte Andere suchen sich im digitalen Ozean weiterhin etwas Neues. So führt schon ‘blogger.de’ in der Seitenleiste immer um die 40 Blogs auf, die soeben taufrisch aktualisiert wurden. Jede Menge Raum für Blog-Forschung – kostenlose noch dazu. Eins von vierzig taugt meist was. Auch die Blogrolls lassen sich durchstöbern, besonders die von Geistesverwandten. Überall ist Wunderland, überall ist Leben … sogar neues. Bei lanu tobt schon der (nicht ganz ernst gemeinte) Contest um das beste Newcomer-Blog 2008, was uns nur beweist, dass ständig etwas nachwächst, auch wenn einige Veteranen greinen …

Ich kaufe mir am Kiosk doch auch nicht ‘Waid & Wund’, ‘Mein Häkelmagazin’, die ‘Dicke Möpse Illustrierte’ oder ‘Nostradamus – die Zeitschrift für Hobbyastrologie’, wenn mir der Sinn nach Gutem steht. Über den vielen Mist rede ich immer nur, wenn ich die alten Medien mal rabenschwarz anstreichen will. Deshalb geht es also auch in Blogville gezielt darum, ‘meine Medien’ abseits der Alphamedien zu entdecken. Wie zum Beispiel dies oder dies oder dies oder dies oder dies. Oder, oder, oder … was natürlich andere wiederum alles ganz anders sehen dürfen.

Erstaunt hat mich in der Blogbar die gewachsene Zahl kommentierender Kleingläubiger … während es dem Don nachwievor auch ums Rechthaben gegenüber ‘Kommerzbloggern’ und ‘Linkhuren’ geht, denen er seit Monaten schon ein Armageddon prophezeit. Und er fremdelt nach diesem Ausflug an den Achensee ein wenig:

“Wenn ich nicht daheim bin, und ein paar Tage nichts von dem Zeug im Netz mitbekomme, und dann nur mal kurz wieder reinlese, kommt mir vieles sehr, sehr fremd vor.”

Mit anderen Worten: Er mag ‘das Zeug’ nicht mehr, vermutlich eine leichte Gastritis. Damit, dass die Refinanzierungskonzepte fast alle (bisher) nichts taugten, dass Bloggen kein Beruf ist, sondern ein Zustand, damit mag er ja durchaus recht haben. Aber deswegen gleich Bloghausen in die Luft sprengen wollen? Nur weil gewisse professionialisierungsbereite A-Blogger immer noch ein Umsatz- und Absatzproblem haben?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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12 Kommentare

  1. Don Alphonso
    schrieb am 13. Februar 2008 um 12:32 Uhr (#)

    Vorher Nachfragen schützt vor Fehlinterpretationen zur mangelnden Festigung einer These, die den HTML-Code nicht wert ist. Ein Grundproblem bei diesem Projekt hier. Gibt es bei Medienlese eine Pflicht zum ahnungslosen Zusammenstöpseln? Will das der Hogenkamp so?

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 13. Februar 2008 um 12:59 Uhr (#)

    Tscha – die Dekadenz und den vielen Blogmüll auf der Blogbar zu beklagen, um auf ‘Rebellmarkt’ allwöchentlich die persönlich ausgewählten Blogs zu preisen, das wirkt auf mich ein bisschen – sagen wir mal – ‘dissonant’: “Das ist toll, toll, ganz toll, eine Internetillustrierte, wie es noch keine gibt, hach, prima. Solche Nachrichten schaut man sich gern an“.

  3. Jochen Hoff
    schrieb am 13. Februar 2008 um 13:16 Uhr (#)

    Das Problem ist meiner Meinung nach ein ganz anderes. Wir wissen genau was die anderen falsch machen. Ein paar “Geisterfahrer” wissen sogar was 99 Prozent aller Blogs falsch machen und sind dann sehr geleidigt wenn man sie selber mal Maß nimmt.

    Dabei ist die Sache doch so einfach. Wenn ich keinen Bock auf Roberts einhundersechzehnte Posting des Tages habe, dann lese ich es nicht. Mein Cursor ist so schnell über den Feedeintrag hinweg, das stört kein bisschen.

    Wenn ich keine Blogs mit Werbung mag, dann werfe ich die aus meinem Feed. Wenn ich die Themen eines Blogs nicht mag, dann fliegt er aus dem Feed. Mein Feed ist meine persönliche Zeitung. Darin sind die, die ich lesen will.

    Ich werbe nicht, weil keiner bei mir werben möchte und ich zu faul bin für die 11,36 Euro den Aufwand zu betreiben. Wenn Robert Werbekunden hat, dann hebe ich achtungsvoll meinen Hut und gratuliere ohne Neid. Würde ich wie Robert schreiben, dann hätte ich das gleiche, aber nicht meinen Blog, sondern den von Robert. Ich will aber meinen Blog und er den seinen.

    Qualtität ist das nächste Thema. Wer verdammt noch bestimmt eigentlich was Qualität ist. Fangen wir mit meinem Blog an. Unterer Durchschnitt. Weltmeister in Schreibfehlern, Interpunktion – vergiß es. Recherche könnte deutlich besser sein. Qualität. Lass uns lieber das Thema wechseln.

    Aber ich schreibe trotzdem. Jeder nach seinen Fähigkeiten. ich kann nur ich sein. Ich habe meine Sprache, ob sie anderen gefällt oder nicht. Meine Inhalte stehen da weil ich sie für wichtig halte, nicht weil irgendjemand anders sie verlangt hat. Ich zwinge sie meinen Lesern auf. Bis der letzte wegbleibt. Da ich nicht mehr nachsehe wie viele mich lesen, würde ich es nur an den fehlenden Kommentaren merken.

    Das Blog ist etwas persönliches. Es kann Bürgerjournalismus sein, aber auch nur die persönliche Kotztüte. Wer glaubt aus seiner Kenntnis von ein paar Hundert oder gar Tausend Blogs etwas über die deutschen Blogs zu sagen, der ist auch Spezialist für Hundescheiße, nur weil er laufend in welche tritt.

    Was Leser findet, ist gut für diese Leser. Was keine Leser findet und trotzdem weiter existiert ist gut für seine Autoren. Sollen sie doch bitte alle glücklich werden, Kümmern wir uns doch einfach mal um uns selbst.

  4. ugugu
    schrieb am 13. Februar 2008 um 13:32 Uhr (#)

    Der nicht ganz ernst gemeinte Contest

    Spinnst Du ;-)

    Wenn man die Menschheit flächendeckend mit ?Kleinstverlagen? ausstattet und sie im Netz ohne Anleitung herumtoben lässt, dann ist notwendigerweise viel Larifari dabei.

    Damit machst du der Blogberater-Branche nur falsche Hoffnungen…

    Eher gehe ich als Larifari-Blogger durch ein Nadelöhr, als dass ich ein Blogberater-Buch in die Hand nehme.

  5. Klaus Jarchow
    schrieb am 13. Februar 2008 um 13:54 Uhr (#)

    @ ugugu: Warte bis mein Bestseller ‘Schreiben im Web NullNull’ erscheint. Du wirst dir noch alle Finger lecken … ;-)

    @ Jochen Hoff: Eben – es gibt genug Netz für alle, das ist auch meine Ansicht. Die primäre Eigenschaft des Web 2.0 ist eben seine prinzipielle Unendlichkeit (darin ist es quasi ‘godlike’). Es kann daher nicht erobert oder annektiert werden, weder von den ‘Kommerzbloggern’, noch von den ‘Marketeeren’, noch vom ‘Mittelmaß’, wie es der Don dort meint. Stört dich eine Gruppe, musst du mit der gar doch nichts zu tun haben. Sie sind, genau genommen, noch nicht einmal deine Nachbarn, wenn du das nicht willst. Das einzig Verbindende ist vielleicht die Verwendung von WordPress – aber sonst? Das ist ja gerade die Verzweiflung aller Penetrationsstrategen mit ihren Businessplänen: Gehen sie mit ihren Goldkettchen und mit den aufgemotzten digitalen Podcast-Flash-Gewinnspielstöckchen- Klickdirwas-Duper-Super-Cruisern irgendwo hin im Netz, ist plötzlich niemand mehr da. Oha!

    Der einzige Duftstoff, der wirklich funktioniert, ist das Interesse. Wie beim läufigen Rüden, errötend folgt er nur den attraktiven Spuren. Dummes Gelaber, Nullsprech und Wettbewerbsgeröhre hat dagegen keine Chance. Aber auch die Damen und Herren vom Koofmich-Gewerbe dürfen dort im Netz selbstverfreilich gern ihr Geld verplempern, wenn ihnen danach ist: Das Web 2.0 bietet Platz für alle – und es ist dann immer noch leer …

  6. Donna Alphonsi
    schrieb am 13. Februar 2008 um 14:34 Uhr (#)

    Mein lieber Don Pawlow, du wirst wirklich alt. Wo ist der Esprit des einstigen Chefs von Dotcomtod geblieben? Nur noch über Stöckchen springen (HOGENKAMP! HOOOGENKAMP!! STONK!!!) und Wischiwaschi reden. Wie wäre es denn, Texte einfach so zu schreiben, dass auch ein Klaus Jarcow sie versteht? Oder uns Unwissende wenigstens jetzt zu erleuchten, oh grosser Kleister? Nein? Du willst uns nicht erklären, was du wirklich gemeint hast? Achso, du weisst es selbst nicht. Tschuldige der dummen Nachfrage. Wie konnte ich nur. Deine Donna.

  7. gebsn
    schrieb am 13. Februar 2008 um 15:38 Uhr (#)

    Kann mich den Herren Jarchow und Hoff nur anschliessen bzgl. der Wundertüte Blogosphäre. Gar viel Schrott darunter, aber manch einer freut sich eben gerade über einen Plastikschnauzer. Niemand ist gezwungen, all den Mist und Käse zu abonnieren oder lesen. Blogs lesen ist doch wie zappen – nur 2.0.(Titelschutz!).

  8. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 13. Februar 2008 um 16:12 Uhr (#)

    Hogenkamp will natürlich nur Traffic. Sonst wäre es ja nicht so schön eindimensional, was wir hier machen.

    Der Verlag

  9. ugugu
    schrieb am 13. Februar 2008 um 17:45 Uhr (#)

    Das möchte ich auch mal, mit “Der Verlag” unterzeichnen…

  10. Klaus Jarchow
    schrieb am 13. Februar 2008 um 18:35 Uhr (#)

    Gönne dir doch einfach den Nick. Oder mach ein Blog auf mit dem Namen …

    ;-)

  11. Don Alphonso
    schrieb am 13. Februar 2008 um 23:30 Uhr (#)

    Nochmal: Wenn Du Dir bei einer Formulierung unsicher bist, frag nach. Dann erfährst Du, was der Kontext eigentlich erklärt – dass es sich allein auf die dahinter verlinkten Businessideen bezieht. Niemand hat vor, Bloghausen in die Luft zu sprengen. Aber wenn Du schon ein Buch über Stil schreiben willst, dann versuch es mal mit einem Kapitel über Verstehen als Grundlage der Reflektion. Dann klappt´s vielleicht auch mit der Eigenwerbung in den Kommentaren bei der Blogbar. *hust*

  12. Klaus Jarchow
    schrieb am 14. Februar 2008 um 08:02 Uhr (#)

    Werbung in der Blogbar? Igitt! Wie konnte es dazu kommen?

    ;-)

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