Süddeutsche Zeitung:
Bunt bedruckter Baum aus München

Wolf-Dieter Roth, 12. Februar 2008 11:47 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Die Süddeutsche macht Schlagzeilen. Dummerweise des Öfteren in anderen Zeitungen statt der eigenen. Und sie gilt seit der Einführung des nächtlichen Ladenschlusses im Online-Forum als rückständig. Zu Unrecht, meint medienlese.com nach einer Woche Offline-Reading.

SZ
Im Gegensatz zur Boulevardpresse keine Titten als Aufmacher

“Du liest die Süddeutsche? Bist Du etwa so ein Linker?” Das bekam man in Bayern jahrelang zu hören – was nicht CSU-nah war und keine Hofberichterstattung machte, mußte links sein und war eines echten Bayern unwürdig.

Das hielt mich jedoch vom Lesen nicht ab. Stattdessen war der Zeitaufwand ein Problem: Wer nicht von Beruf Sohn oder Rentner oder als Pendler täglich über eine Stunde in leeren Zügen unterwegs ist und da nicht schon dienstlich lesen muß, schafft es schlichweg nicht, diese Masse an täglichen Informationen abzuarbeiten.

Aus diesem Grund hatte ich auch jahrelang nur das als Geheimtipp gehandelte Wochenendabo: Dafür bekam man nur die Samstag-/Sonntag-Ausgabe. Praktisch, da diese auch die wichtigsten Dinge wie TV-Wochenprogramm und die wichtigsten Anzeigen (Beruf/Immobilien/Auto) enthielt.

Gern gesehen wurden diese “Sonntagsleser” jedoch nicht. Erst wanderten immer mehr der Rubriken in Wochenausgaben, dann wurde das Wochenendabo abgeschafft: Wenigstens den Freitag hätte man noch dazunehmen müssen – zu entsprechend angehobenem Preis.

Einst mit dem Wochenendabo abgeschafft

Damit war es dann vorbei: Ich belästigte die SZ nicht mehr mit einem Abonnement und verlor sie aus dem Augen, da sie am Kiosk ebenso stets aus war wie auch im Verlag, als ich später selbst dort arbeitete: die wenigen angelieferten Exemplare verschwanden sofort bei Aufsperren der Büros. Mittlerweile gerät auch das traditionell ebenso wie FAZ und TAZ gebräuchliche Kürzel SZ in Vergessenheit, denn es wird nun von der Sächsischen Zeitung beansprucht.

Nun fand sich jedoch spontan eine Woche lang jeden Morgen eine Süddeutsche in meinem Briefkasten ein. Da sich keiner der Nachbarn über ein fehlendes Exemplar beschwerte, vermutlich eine Werbeaktion aufgrund eines Kommentars im Online-Forum, bei dem man eben zu Werbezwecken seine Anschrift und Telefonnummer angeben muß. Die Telefonnummer war falsch, da ich Werbeanrufe hasse, die Adresse echt.

Süddeutsche Zeitung
Eins der wenigen Schwarzweiß-Fotos – technisch bedingt, da historisch

Natürlich lese ich nicht alles, was man mir so in den Briefkasten wirft, doch was aus meiner SZ über die Jahre geworden war, machte mich doch neugierig.

Zunächst einmal: 40 Jahre nach Einführung des Farbfernsehens ist auch Papier nicht mehr schwarz/weiß: Auch die SZ wird inzwischen farbig gedruckt. Beim Fernsehprogramm glaubt man, einen Münchner Merkur vor sich zu haben: um alle Programm unterzubringen, wird nun mit Farbe und Kleindruck gegliedert. Doch ansonsten hat sich optisch wenig geändert – positiv gesehen: Das Layout ist immer noch klar und angenehm.

Inhaltlich merkt man dagegen klar: Auch unter der Woche hat der Anteil der “Leseartikel”, der Essays und Hintergrundberichte, deutlich zugelegt, während Tagesnachrichten weniger wichtig geworden sind: TV, Radio und WWW haben der Tageszeitung, insbesondere den intellektuellen, anspruchsvolleren Modellen, hier längst den Rang abgelaufen.

Im Netz sind lange Lesegeschichten dagegen kaum mehr verbreitet, obwohl die heutigen Bildschirme beim entspannten Lesen nicht mehr flimmern und nerven. Aber es zählen nun einmal nur Hits, und die erreicht man nur mit Artikeln in zehn Teilen, bei denen aber auch der geduldigste Leser nach drei bis vier Teilen aufgibt, oder eben zehn oder noch besser 20 kleinen Textfetzchen. Oder eben Foren, deren Diskussionen bei manchen Medien mehr Hits und damit Werbegelder erbingen als die eigentlichen Artikel.

Neutral und breitbandig

Inhaltlich ist die SZ absolut breitbandig – der “Links”-Vorwurf ist heute immer noch so absurd wie vor 20 Jahren. So findet sich in der Wochenendausgabe ein Bericht über historisches Elend, am Dienstag ein Bericht über Proteste gegen ein geplantes Neonazi-Fischessen im Hasenbergl sowie die Rolle der deutschen Filmförderung im Erwachsen der Graffitti-Hiphop-Kultur durch Filme wie Wildstyle und Wholetrain und Mittwoch direkt unter den grünen Kaktus-Titten ein Beitrag über ein Bündnis gegen Neonazis sowie auf der nächsten Seite über die gezählten Tage der Eigenständigkeit des berühmten Studentenwohnheims Biederstein. Es folgen historische Artikel über die Flugzeugunglücke am ehemaligen Flughafen München-Riem, die Entstehung des Münchner Zoos Hellabrunn und den Fasching gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Mittwochs folgen im Bayernteil ein Essay über das Nuscheln von CSU-Chef Erwin Huber und die vom SDAJ verteilte “rote Schulhof-CD”. Am Freitag macht die SZ mit dem Bericht über den verhafteten Schatzmeister der NPD auf und setzt dies auf Seite 4 und 5 fort. Samstag wird ebenso über eine Demo gegen den Überwachungswahn und die Sicherheitskonferenz München sowie die geringe Bezahlung von Hausärzten berichtet, doch ebenso liegt der Freitags-Ausgabe ein Dossier der American Academy in Berlin über die Sicherheitskonferenz München bei.

Süddeutsche Zeitung
Die Wochenendbeilage hier mit einem Beitrag über einen Starfotografen

Hierin fordert unter anderem der US-Senator und Präsidentschaftskandidat John McCain “eine gemeinsame Linie der USA und Europas gegen Russland, mehr Einsatz in Afghanistan und ein harter Kurs gegen Iran – notfalls außerhalb der Vereinten Nationen”. Kein Interview wie im Spiegel, doch drei Spalten Klartext, der nun gar nicht “links” klingt. Abgesehen davon, daß die gerne so titulierten “Linken” ebenso wie die “Rechten” sich in der US-Ablehnung ohnehin einig sind. Am Montag werden gar insgesamt acht Seiten aus der New York Times in Originalsprache beigelegt, darunter auch der Bericht über die Wiederentdeckung der Negative des Fotografen Robert Capa.

Was in welches Ressort gehört, ist nicht immer klar, neben dem klassischen Feuilleton, “Wissen”, “Panorama” (früher noch “Vermischtes” genannt) und auch einer Medienseite gibt es auch die Sonderbeilage “SZ Extra” mit der Seite “Kino & Kinder” – was auch immer nun gerade diese Kombination ausgelöst hat -, die dann ebenso eine Rezension der Politklamotte “Der Krieg des Charlie Wilson” enthält wie das Mittwochs-Feuiletton.

Dienstags finden sich auf Seite 3 Berichte aus dem Bürgerkrieg in Kenia und von einer 107jährigen Kanadierin auf Kuba, die wegen des US-Embargos nicht an ihr Geld kommt. Interessant auch die Rubrik “Geld”, in der am Freitag der Mönch und Bessellerautor Anselm Grün behauptet, daß es die innere Freiheit (nein, nicht “innere Sicherheit”) gefährde. Am Mittwoch wird dagegen unter dem Titel “Laptop und Luxus-Reisen” von Bestechungen berichtet, denen Journalisten nur angeblich laufend ausgesetzt sind – doch Ärzte tatsächlich erhalten. Am Freitag wird dafür auf die prekäre Lage freiberuflicher Lektoren in München hingewiesen.

SZ-Magazin
Dummerweise erst nach dem Lesen gescannt: SZ-Magazin

Eigenwerbung für Bücher des Süddeutschen Verlags und insbesondere die SZ-Bibliothek ist natürlich auch zu finden, doch sie hält sich in Grenzen. Das SZ-Magazin, das auch einen eigenen Webauftritt hat, schließt die Lesewoche ab – und im Gegensatz zur Zeitung, die nicht abfärbt, ist es nicht lesbar, ohne Fingerabdrücke auf allen Seiten und bunte Finger zu hinterlassen.

Amüsant der Beitrag über den Münchner Oberbürgermeister Ude, merkwürdig dagegen die Beschimpfung von Sushi als Fastfood, bei der nur die Sprachspiele “Pfuschi” und “Reisnachlass” erwähnenswert sind (so la la wäre noch “mit dem Barsch anschauen”) – und passend dazu die “Jetzt neu für Gourmets”-Werbung von McDonalds. Dann doch lieber das Huhn in Handschellen der Kreativen Zellen Santa Fe.

Auch der Schneemann fiel dem Feminismus zum Opfer, wobei online Bilder zu sehen sind, die die gedruckte Version gar nicht kennt – und die kann man sich auch nicht auf Mausklick vorlesen lassen.

Für die arbeitende Bevölkerung zu zeitaufwendig, aber gut

Fazit: Die SZ hat für Leute mit Zeit zum Lesen mehr zu bieten denn je – doch genau daran dürfte sie auch scheitern, wer hat heute noch Zeit zum Lesen? Das SZ-Magazin ist dagegen online besser zu lesen, da man sich nicht die Finger schmutzig macht und beim Aussteigen ungewollt der Spurensicherung seine Fingerabdrücke im Zug zurückläßt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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