Wir lesen den Spiegel

Sehnsucht nach einem neuen Amerika unter Barack Obama, John McCain fordert mehr deutsche Soldaten für Afghanistan und Jonathan Littell über seinen Holocaust-Roman “Die Wohlgesinnten”

Von Frank Fischer

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Gibt es eigentlich außer Oliver Gehrs niemanden, der einen auf den aktuellen Spiegel vorbereitet? Wir haben vorgelesen und stellen Bemerkenswertes aus der aktuellen Ausgabe (Heft 7/08) vor. Eine ausführlichere Zusammenfassung präsentiert der “Umblätterer”.

Titelgeschichte

Schwarzenegger-Spezialist Marc Hujer und Klaus Brinkbäumer schreiben über “Barack Obama und die Sehnsucht nach einem neuen Amerika” (Seite 88-98). Sie fragen, ob Obama (“ein politischer Poet, ein Menschenfänger”) es ernst meint mit der angekündigten “Politik von unten”, ob seine mögliche Präsidentschaft tatsächlich eine historische Wende à la Roosevelt und dessen New Deal einleiten könne.

Ab der Hälfte des Artikels werden seine Lebensstationen genau abgearbeitet, denn sein Werdegang sei wichtiger als seine Programmpunkte, die ohnehin denen Hillary Clintons ähnelten: “Obama ist kein Politiker, der sich über seine Überzeugungen definiert, es geht um seine Identität.” Da die unterschiedlichen Lebensstationen auf die unterschiedlichen Wählergruppen jeweils unterschiedlich wirken, kapriziere sich Obama darauf, die jeweils “richtigen Versatzstücke seines Lebens” zu erwähnen.

Das anschließende Interview mit dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber John McCain (Seite 99-104) ist ein Coup für den Spiegel: Welchem anderen deutschen Magazin würde ein amerikanischer Politiker im Wahlkampf-Stress schon ein Interview geben? McCain verspricht darin die Rückkehr der USA zur Multilateralität, spricht sich für einen schlanken Staat und Steuersenkungen als Wachstumsmotor aus und fordert mehr deutsche Soldaten für Afghanistan.

Außerdem

Das Schweigen in eigener Sache hat ein Ende, die Hausmitteilung verabschiedet Stefan Aust und seinen Stellvertreter Joachim Preuß und stellt Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron als neue Chefredakteure vor. Eingeräumt wird, dass der Spiegel in der Personalie nicht immer geschickt agiert habe: “das hätten wir besser machen können”.

Die CDU sei nurmehr ein “Kanzlerwahlverein” schreiben Ralf Neukirch und René Pfister (Seite 28-30). Angela Merkel käme ganz ohne CDU-Nostalgie aus und könne daher die Rituale der “Männerpartei CDU” ignorieren. Geschult an den nötigen Kompromissen bei der Arbeit in der Großen Koalition, umarme sie widersprüchliche Positionen lieber statt Polarisierungen Raum zu geben und so die Kontur der Partei zu schärfen. Kritik aus den eigenen Reihen habe sie nicht zu befürchten, denn die Riege der CDU-Ministerpräsidenten sei zu einer “ziemlich kläglichen Truppe” geworden.

In zwei Wochen erscheint die deutsche Übersetzung von “Die Wohlgesinnten” und eigentlich gibt Autor Jonathan Littell äußerst selten Interviews. Mit Martin Doerry und Romain Leick spricht er über seinen Roman “Die Wohlgesinnten” (Seite 150-153). Der Autor warnt vor der Historisierung des Holocaust, indem man ihn losgelöst vom Krieg diskutiert: “die gesamthistorische Betrachtung dejudaisiert das Problem auf eine bestimmte Weise, und das ist gut so, denn es ist ein universelles Problem. Der Holocaust war ja nicht eine Art Stammeskrieg zwischen Deutschen und Juden. Wäre es so gewesen, brauchte es alle anderen nicht zu interessieren.”

Links

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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