claimID:
Sieht so das Social Network der Zukunft aus?

Die heutigen Social Networks (Facebook, Myspace, StudiVZ etc.) haben eine ganze Reihe von Problemen

: Sie sind zum Beispiel weitgehend geschlossen, d.h. mein Profil ist meistens nur für Mitglieder einsehbar. Ausserdem machen es einem die Networks schwer, seine Daten wieder abzuziehen. Und: Die Integration anderer Quellen für Fotos, Videos etc. ist meistens kompliziert oder gar nicht möglich.

Mit anderen Worten: Die heutigen Social Networks sind “Walled Gardens”, vergleichbar mit AOL, Compuserve oder MSN in der ersten Web-Welle. Und wir wissen alle, was aus diesen Playern geworden ist: Compuserve ist verschwunden, AOL ist nur noch ein Schatten seiner selbst, und Microsoft muss für viel Geld Yahoo kaufen, um sein kümmerliches Internetgeschäft zu stützen. Gewonnen haben die Player, die konsequent auf Offenheit gesetzt haben, allen voran Google.

Könnte es sein, dass bei Social Networks eine ähnliche Entwicklung bevorsteht? Die Zeichen mehren sich.

Ein erster wichtiger Schritt sind die Meldungen, dass im Prinzip alle grossen Internet-Anbieter den OpenID-Standard unterstützen werden. Yahoo hatte das schon länger geplant, und Google, Microsoft und Verisign gaben das diese Woche bekannt. Damit könnte sich erstmals ein gemeinsamer, offener Standard für Useridentifikation bilden. Ähnliche Pläne gab es zwar früher auch schon, aber OpenID scheint erstmals einfach genug zu sein, um wirklich abheben zu können.

Und mit dieser Offenheit werden neue Formen sozialer Vernetzung und der Verwaltung von Online-Profilen möglich. Wie das aussehen könnte, zeigt die schon seit längerer Zeit bestehende, von zwei Doktoranden betriebene Website claimID.

claimID bietet seinen Usern zunächst einmal ganz banal eine OpenID an, wie das auch viele andere Dienste tun. Zudem kann man ein Kurzprofil mit Foto und Lebenslauf erfassen.

Interessanter als das sind aber die Funktionen zum Verwalten seiner eigentlichen Online-Identität, denn die wird bei den meisten aktiven Internet-Usern nicht durch eine einzige Profilseite definiert, sondern durch eine Vielzahl von Quellen. Bei claimID kann man sich seine persönliche Seite zusammenstellen, die alle Websites linkt, auf denen man aktiv ist oder mit denen man sonst zu tun hat: Blogs, Fotos auf Flickr, Firmenhomepages, Twitter-Updates usw. Jeden Link kann man danach klassifizieren, ob er etwas über einen aussagt (“About Me”) und ob man der Autor der Seite ist (“By Me”). Zudem gibt es natürlich auch Raum für Volltext-Kommentare.

Claimid
Bei Seiten, über die man selbst volle Kontrolle hat, kann man mit einem META-Tag zudem verifizieren, dass man tatsächlich Eigentümer der jeweiligen Quelle ist. So bietet claimID einen Level der Verifizierbarkeit, der deutlich über reine Linklisten hinausgeht. Über meine claimID-Seite kann beispielsweise jeder feststellen, dass der Autor dieses Blogs nachgewiesenermassen identisch ist mit dem Eigentümer der OpenID “http://claimid.com/agoeldi”. Das ist im Moment noch ein bisschen nerdig, aber im Prinzip ermöglicht einem ein solcher Mechanismus, seine Online-Identität wirklich nachvollziehbar zu managen.

Ausserdem bietet claimID auch so etwas wie eine Networking-Funktion an: Andere Besitzer einer OpenID — egal, ob von claimID oder irgendeiner anderen Quelle — kann man per E-Mail einladen, sich ein seiner Kontaktliste einzuschreiben. Die Art der Beziehung wird auf Wunsch über den offenen XFN-Standard beschrieben. Diese Funktion ist im Moment noch ziemlich rudimentär gelöst, aber man sieht das Potential: Man kann damit Personen als Kontakte erfassen, die ihre eigene Identität auf irgendeiner anderen OpenID-fähigen Website pflegen. So entsteht potentiell ein Social Network, das über Site-Grenzen hinausreicht.

Im Moment hat claimID noch einen eher experimentellen Charakter, und man vermisst natürlich viele Funktionen, die es auf “richtigen” Social Networks gibt. Diese Dinge wären aber wohl mit nicht übermässig viel Aufwand zu realisieren. Schön wäre beispielsweise eine RSS-basierte Update-Funktion, die neuste Twitter-Einträge, neue Fotos von Flickr, neue Blog-Posts usw. automatisch auf dem ClaimID-Profil anzeigen. Den Content gibt es ja schon über all diese Feeds, das wäre also wohl kein Hexenwerk.

Aber warum sollten sich User die Mühe machen, sich so ein Profil auf einer Site wie claimID anzulegen statt sich einfach im bequemen, schlüsselfertigen Einerlei von Facebook zu tummeln? Ganz einfach: Man kann damit die besten Online-Dienste kombinieren, muss nicht all seine bestehenden Profile und Content-Sammlungen an irgendwas anpassen und hat volle Kontrolle über seine Daten und über sein Kontaktnetz. Ausserdem ist es sehr praktisch, dass ich mich als claimID-Nutzer direkt mit Technorati-Usern, Yahoo-Kunden oder WordPress-Bloggern vernetzen kann.

Ganz klar: Es gärt im Social-Networking-Sektor, und mit Initiativen wie OpenID, Open Social, Google neuem Social-Graph-API und innovatien Sites wie claimID ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Betreiber von Social Networks zu mehr Offenheit gezwungen werden. In der Technologiegeschichte haben sich mit wenigen Ausnahmen bisher noch immer die offenen Standards durchgesetzt, und ich glaube, auch bei Social Networks wird es so sein.

2 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 10. Februar 2008 um 16:39 Uhr (#)

    OpenID ist mir auch sympathisch – die vorhandenen Sicherheitslücken hingegen, insbesondere im Bezug auf CSRF, schrecken mich ab … ich hoffe, OpenID gelingt es, einen gangbaren Kompromiss zwischen Offenheit und Sicherheit zu finden!

  2. Malte Landwehr
    schrieb am 12. Februar 2008 um 11:37 Uhr (#)

    Eine Identifizierung über den Meta-Tag kommt aber leider für 99,99% aller Surfer des Webs nicht in Frage. OpenID ist zwar interessant aber solange nicht Facebook alle User zu OpenID zwingt wird es sich nicht all zuschnell durchsetzen können.

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