Im Test:
Tätowier Magazin

Ronnie Grob, 8. Februar 2008 09:12 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Ich war etwas überrascht, als ich am Kiosk fünf verschiedene, um Leser kämpfende Tätowiermagazine erblickte – und schnappte mir das Dickste: das Tätowier Magazin.

Tätowier-Magazin

Im Test: Ausgabe 2/2008.

Allgemeiner Eindruck

Eine farbige, von Tätowierern und Tätowierten für Tätowierer und Tätowierte gemachte Zeitschrift.

Zielgruppe

Fünf verschiedene Fachmagazine, die um Kiosk um Leser buhlen, die sich für das Thema “Tinte unter die Haut einbringen” interessieren, das hätte man noch vor einigen Jahren nur schwer vorstellen können. Früher waren Hautmarkierungen beim Nutzvieh verbreitet (Brandzeichen). Tätowierungen brachte man in vorwiegend negative Zusammenhänge. So steht in der Wikipedia zu Tätowierung:

Im Nationalsozialismus wurden den Insassen eines Konzentrationslagers Häftlingsnummern eintätowiert. Aber auch Mitglieder der SS besaßen Tätowierungen, die Auskunft über ihre Blutgruppe gaben.

Heute kommt die Milch vom Supermarkt und der Krieg ist meistens weit weg – und eine augenscheinlich breite Masse individualisiert sich mit höchst individuellen Hautmarkierungen.

Anspruch

In den Mediadaten (pdf, 2.1 MB) wird die Zeitschrift so angepriesen:

TätowierMagazin ist das Forum der deutschen Tattooszene. Monatlich
berichtet es über angesagte Conventions, herausragende Tätowierer des In- und
Auslands, sowie die Highlights aus Kultur & Subkultur. Packende Stories rund
um die Themengebiete Ethno, Piercing und Tattoomotive sowie Flashvorlagen
plus der umfangreiche Terminkalender machen das TätowierMagazin zum
meistgekauften deutschen Tattoo-Mag.

Dann ist also das Dickste also auch das Meistgekaufte? Blättert man die Zeitschrift durch, dann können diese Ansprüche an sich selbst eingehalten werden, wenn man mal darauf verzichtet, Adjektive wie “packend” näher zu definieren.

Tätowier-Magazin

Besonders gut gefällt mir, dass man dazu steht, keinen Anspruch auf lückenlose Rechtschreibung zu stellen. So heisst es in der Antwort von Dirk-Boris auf einen per E-Mail eingegangenen Leserbrief von Larissa auf Seite 13:

Und das mit den Rechtschreibfehlern können wir inzwischen nicht mehr ändern, das ist mittlerweile zum Erkennungszeichen geworden. Ein TM ohne Fehler würde einfach zu viele Leser verwirren.

Titelseite

Zu loben ist zuerst die Transparenz, mit der das Cover auf Seite 5 auseinandergenommen wird. Detailiert werden Foto, Model, Tätowierer und Gestaltung zugewiesen. Auch sonst gefällt es gut, die Internet-Domain ist auf dem Titel, dazu viele Tattoos. Gut, die Frauenfraktion wünscht sich vermutlich einen Mann auf dem Cover (siehe auch ->Onlineauftritt). Wermutstropfen: Das fehlende “h” in “Roller-Girlz on Hot Weels”.

Verlag

Huber Verlag GmbH & Co KG, Mannheim. Auf Seite 5 steht: “Im Huber Verlag erscheinen ausserdem: TattooStyle, BIKERS NEWS, CUSTOMBIKE, DREAM-MACHINES, dirtbike, DYNAMITE! Magazine”

Auflage

28.468 (Verbreitung 4/2007, gemäss IVW). Wie aus den Mediadaten herauszulesen ist, sind das “mehr als 95.000 Leser pro Ausgabe”.

Erscheinungsweise

12 x jährlich

Seitenanzahl

148

Preis

5 Euro (Schweiz: 8.90 CHF, Österreich: 6.20 Euro), was auch für einen 150-Seiten-Schinken nicht so wenig ist. Ein Jahresabo mit 12 Ausgaben gibt es für 52 Euro.

Preis / Leistungsverhältnis

Immerhin erhält man zum Jahresabo als Prämie eine, was ich irgendwie süss finde, “flauschige Fleecedecke”. Da stechen sich die harten Jungs und Mädchen gegenseitig in Grund und Boden, nur um sich nachher in eine flauschige Fleecedecke einzukuscheln.

Tätowier-Magazin

Werbung

Die Szene inseriert intensiv. Konkret handelt es sich um Tattoostudios aus Leipzig, Aachen, Limburg, Würzburg, Hamburg, Berlin, Bochum, Nürnberg, Schwarmstedt, Schweinfurt, Rottenburg, Gronau, Gevelsberg, Brilon, Heusenstamm, Bad Fredeburg, Emmendingen, Plauen, Pirna, Hinterweidenthal, Kaltenkirchen, Bad Oeynhausen, Hassfurt und aus Ueffeln bei Bramsche.

Onlineauftritt

taetowiermagazin.de wird auf der Startseite als “neue, endgeile Internetseite” angepriesen, eine Selbsteinschätzung, die nur Narren bezweifeln würden. Immerhin erfährt man dort über die Sonderausgaben des Tätowier Magazins, die mit “Tattoo Erotica” und mit “Sammlerausgabe” übertitelt sind. Erste Konzessionen an die Wünsche der “weiblichen Leserinnen” sind bereits nach in der fünften Ausgabe umgesetzt:

Seit der ersten Ausgabe von TattooErotica hat diese Sonderausgabe des TätowierMagazins einen hohen Anteil an weiblichen Leserinnen, die immer mal wieder den Wunsch nach nackter männlicher Haut geäußert haben. Voilá: Ab Seite 78 ist speziell für die Ladies auch mal ein tätowierter Kerl dabei. Auf eine weibliche Schönheit muss die männliche Leserschaft dabei trotzdem nicht verzichten, aber an tätowierten Beauties ist ja, wie gewohnt, in TattooErotica ohnehin kein Mangel.

Wenn das bloss mal zu keinen Abokündigungen führt. Wer will, kann eine Tattoo Eroticat werden. Erotikater werden ist sicher auch drin, als ein von vermutlich Tausenden Auserwählter.

Bedienungsfreundlich ist die Website allerdings überhaupt nicht. Die Tabs in der Menuleiste oben fahren nach rechts und nach links, aber eigentlich nie dahin, wo man möchte. Die gewünschten Menupunkte zu treffen, muss schon fast als Geschicklichkeitsspiel bezeichnet werden.

Gut an der Website sind die vielen Inhalte und Möglichkeiten. Schlecht ist, dass man sie nicht findet. Und wenn man tatsächlich mal was findet, keine Ahnung hat, wie es dazu gekommen ist. Die Inhalte stehen in einer Ordnung, die als Neu-User nicht nachzuvollziehen ist. Neben der grauenhaften Usability scheint mir die Website doch einen Tick überladen. Nicht dass es zuviele Inhalte hätte, das ist nie das Problem. Aber die Website wirkt klobig wie ein 150kg-Mann mit unzähligen Tattoos und Schnallen, der die Reste seines mit Bier runtergespülten Kebabs an seiner Lederjacke abwischt. Was ja vermutlich ganz gut passt.

Was Werbung ist, was redaktioneller Inhalt, was interne oder externe Shops – das ist schlecht erkennbar oder bewusst verschleiert gehalten. Spiessig ist die Website jedenfalls nicht – und das ist ja das Wichtigste.

Inhalt

Berichte von Conventions in Berlin, Kiel und Eggenfelden, Portraits von vier verschiedenen Künstlern, der grösste Teil widmet sich aber der “Kultur & Szene” – was für ein Magazin spricht, das nahe bei seinen Lesern ist.

Mit dabei Herbert Hoffmann, ein Mann mit weissem Bart, der mit seinen drei Freunden (alle vier zusammen sind 284 Jahre alt) in einem Haus in der Schweiz eine Tattoo-Session macht. Er schreibt unter “Erinnerungen” (Seite 10):

Kaum waren wir vier Tattoo-Fans beisammen, löste Albert eine Tattoo-Euphorie aus: “Wir müssen tätowieren! Auf dem Rücken habe ich noch nackte Stellen, die müssen zutätowiert werden. Du Herbert, hast auch noch Platz und Karlmann auch!” Nichts wie ran, Liege aufgestellt, Tätowierutensilien geholt und los ging’s. Als erstes hatte ich Alberts Rücken mit weiteren Sternen zu versehen und alle Zwischenräume auszufüllen. Am nächsten Tag tätowierte Karlmann mir die beiden Achselhöhlen. Am dritten Tag habe ich Karlmann und Willem van den Berg tätowiert, danach wurde ich von Albert tätowiert. So ging es noch einen vierten Tag weiter, und alle standen herum und verfolgten jeden Nadelstich. Wir filmten und jubelten vor Ausgelassenheit.

Auf Seite 82 ein Interview mit Anne, 26, die SOWOHL hochgebildet ist und Geige spielt ALS AUCH Tattoos hat – ein Umstand, der wohl das Vorstellungsvermögen der Meisten sprengt. Anne sagt:

Ich liebe tätowierte Männer! Was für manche Frauen vielleicht eine dicke Brieftasche ist, ist für mich ein geschmückter Körper. Das ist mir fast peinlich, weil ich erst nur auf das Tattoo starre. Nicht auf das Gesicht oder den Hintern. Jeder Mann, der ein schönes Tattoo hat, passt in mein Beuteschema. Wenn es mit dem Charakter dann aber bei näherem Beschnuppern nicht passt, hilft auch das kunstvollste Tattoo nichts!

Es hat sogar Essays drin. Auf Seite 112 “krakeelt der Professor Maik” unter dem Titel “Keine Kunst”, dass alle möglichen Künstler als Künstler angesehen sind (sogar Dieter Bohlen!), nur die Tätowierer nicht:

… ein Geiger der Berliner Symphoniker muss erst mal üben, üben, üben bis er Beethovens Neunte fehlerfrei hinkriegt. Wenn er die dann 500 Mal vor Publikum spielt, ist es jedes Mal “Kunst”, anerkannt von Künstlersozialkasse und Finanzbehörden. Er “verwertet bekannte Formen”, also seine Noten, die nicht mal von ihm selbst komponiert sind. So gesehen könnte ich 500 Mal einen Koi von, sagen wir, Jack Mosher tätowieren und jedes Mal käme Kunst dabei raus. Das wäre zwar ein bissi langweilig, aber meine Umsatzsteuervoranmeldung sieht dann ganz anders aus.

Tätowier-Magazin

Highlights

Die Gurken und Säue des Monats (Seite 7) ist meine Lieblingsrubrik. Allein für die könnte ich dieses Heft jeden Monat aufklappen. Schliesslich ist oft das, was aus dem Rahmen fällt, das Interessante. War ja mit den Tätowierten und den Tätowierern auch mal so.

Lowlights

Der zweimal abgebildete (Seite 5, Seite 22) durchgedrehte Eber auf der Brust von Martin. Aber das ist wohl Geschmackssache.

Tätowier-Magazin

Sex-Appeal

Ach, ich weiss nicht recht – Tinte unter der Haut allein macht es jedenfalls noch nicht. Nehmen wir als Beispiel den auf der Titelseite als “Roller-Girlz on Hot Weels – Extremsport für tätowierte Chicks” angekündigte Artikel. Dort steht:

Was sich allerdings mächtig von unseren Damenfussballweltmeisterinnen unterscheidet, ist das Outfit der Rollergirlz! Knappe Höschen, auf denen schon mal “eat this” lesen kann, rosa Strapse, lange Beine in Netzstrumpfhosen, tiefe Dekolletes – Sportbekleidung eher wie von Beate Uhse denn von Adi Dassler. Sexistisch? Nur wer sich Schlimmes dabei denkt. Kommt jedenfalls lockerer rüber als die Turnierbekleidung unserer Dressurreiterinnen und ist fester Bestandteil der lautstarken Show.

Soweit der Text. Die Bilder im Heft sind meistens gut, und, was Sex-Appeal angeht, mindestens auf der Höhe der Zeit. Zwischen Anziehendem und Abstossendem herrscht etwa Balance.

Fazit

Unterhaltsame, lockere Lektüre, die nicht mehr sein will, als sie ist, was sehr sympathisch und echt rüberkommt. Dass mich die Künstler-Interviews nicht interessierten, kann an der Banalität der Aussagen liegen, mag aber auch an meiner fehlenden Affinität dem Thema gegenüber liegen – wer sich auskennt, ist vielleicht davon begeistert, wer weiss.

Bewertung

7/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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7 Kommentare

  1. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 8. Februar 2008 um 11:24 Uhr (#)

    “Besonders gut gefällt mir, dass man dazu steht, keinen Anspruch auf lückenlose Rechtschreibung zu stellen.”

    Das stelle ich mir aber ziemlich unangenehm vor, rechtschreibschwache Tätowierer und lauter Räschtschraipfela in so einem Tattoo! Da geht ja dann nix mit Tipp-Ex oder Delete! =:-O

  2. This
    schrieb am 9. Februar 2008 um 13:04 Uhr (#)

    Heute hat das Nutzvieh Ohrenmarken.

    Wie lange muss ich denn noch auf die vier Ohrenmarken-Magazine warten, die um die Lesergunst buhlen?

  3. Martin Rath
    schrieb am 10. Februar 2008 um 10:49 Uhr (#)

    Zwar stahlt die Sonne über Köln, doch zur Verstärkung meiner guten Laune habe ich mir ausgemalt, welche Leser-Reaktionen ein Nachdruck folgenden Artikels im Tätowier Magazin hätte:

  4. Martin Rath
    schrieb am 10. Februar 2008 um 10:49 Uhr (#)

    Jener:
    http://emma.de/die_scham_…t_vorbei_1_2008.html

  5. Schreibt hier auf dem Blog Wolf-Dieter Roth
    schrieb am 10. Februar 2008 um 12:14 Uhr (#)

    LOL, das wäe ja eher was für fraulich.com, aber ist doch klar, was da für Reaktionen kämen: das, was gerade erst abrasiert wurde, muß dann wieder eintätowiert werden!!! Statt dem Arschgeweih ein [zensiert].

    (AUTSCH, das tut weh!)

  6. Arthur
    schrieb am 14. Februar 2008 um 09:46 Uhr (#)

    Naja, das mit dem Menü auf der Website finde ich eigentlich ganz geil. Man kann ohne klicken drei Ebenen ansteuern, für den einen wird es zum Geschklichkeitsspiel aber für Leute die mit einer Maus halbwegs umgehen können ist es doch nicht schlecht. Ok, das mit dem hin und her fahren könnte man sich vielleicht sparen.

  7. Martin
    schrieb am 14. Februar 2008 um 10:39 Uhr (#)

    “Was Werbung ist, was redaktioneller Inhalt, was interne oder externe Shops – das ist schlecht erkennbar oder bewusst verschleiert gehalten.”

    Sowas nennt man wohl: “Aus einem Guß” und ja, das ist Absicht :)

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