Titten, Tiere, Tränen, Tote:
Brav im Boulevard

Mit kurzem Röckchen auf der Jagd: Kerstin Dombrowski hat ein Buch über ihre Arbeit als Boulevard-Journalistin geschrieben.

Titten, Tiere, Tränen, Tote

Zehn Jahre im Boulevard. Erst die Bild-Zeitung, dann Privatfernsehen. “So , jetzt reicht’s”, fängt Kerstin Dombrowski ihre Abrechnung an. Denn sie rechnet ab, vor allem mit sich selber. Beschreibt eher unaufgeregt und ohne großen Überbau ganz einfach und direkt, wie das so war bei Bild, Sat.1 und RTL.

Wie man als junger Mensch mit 22 Jahren in die Maschinerie gerät, wie das Boulevard-Geschäft funktioniert, wie man selber darin funktionieren kann und so zur “charakterschwachen Bild-Reporterin” werden kann – wie sie eine geworden war.

Das Buch ist eine einzig große Bestätigung: Was immer man über Boulevard-Medien denken kann, wenn man nur ein wenig Einblick in den Journalismus hat, wird hier bestätigt. Das liest sich flott herunter, bietet aber leider wenig Überraschungen. Vor allem schlägt sich Dombrowski nicht schlecht bei ihrer Arbeit, hat ein paar Krisen, ein paar Zweifel bei der Arbeit, aber dann geht es immer irgendwie weiter.

Der chronologisch aufgebaute Text geht auch weiter, nach dem Praktikum und der Mitarbeit bei der Bild soll eine richtige Ausbildung her. Warum nicht auf der Springer-eigenen Journalistenschule?

Aber daraus wird dann nichts, weil sie sich weigert, mit einem einflussreichen Kollegen den Abend zu verbringen. Dafür landet sie auf der Berliner Journalistenschule und wird von Mitschülern scheel angesehen: Sie rümpfen die Nase ob ihrer Vergangenheit bei der Bild-Zeitung. Von der Schule “profitiert” sie “unglaublich”:

Ich verinnerlichte, wie wichtig es war, bei der Wahrheit zu bleiben, und dass man als Journalist eine Verantwortung trug: Geschichtenfinden und -schreiben war eben nicht nur ein Spiel, auch wenn es sich häufig so anfühlte. All das waren für mich Neuigkeiten – auch wenn mir das heute furchtbar blauäugig vorkommt.

Zur Schule gehören Praktika dazu, sie verschlägt es in die Pressestelle eines Berliner Luxushotels und zu einem Boulevardmagazin auf Sat.1: “Obwohl ein bitterkalter Wind wehte, trug ich wieder ein gewohnt kurzes Röckchen…”

Dabei ist sie doch eigentlich kreuzbieder und ihrem Freund treu. Berichtet zwar von den Sexeskapaden ihrer Kollegen und weiß von einigen, hört, hört, dass sie Drogen nehmen. Als sie einmal nach einem Dreh einen Schnaps trinkt, ist es aber “tatsächlich der einzige Schnaps” ihres Lebens.

Neben den großen Sex-und-Alkohol-Klischees werden mitunter auch sprachliche Klischees gepflegt. Natürlich gibt es den Kollegen, der zu denen gehört, “die für eine gute Geschichte auch ihre Oma verkaufen würden”.

Nach zehn Jahren im Boulevard ist Schluss. Mittlerweile hat sie hat ein Kind, will endlich ihren Traum vom Studium verwirklichen, hat genug von der Gemengelage Boulevard und hört auch. Natürlich kommen ihr zum Abschied die Tränen.

Günter Wallraff hat das Vorwort verfasst und bemüht sich auf ein paar wenigen Seiten den Kontext zu liefern, den Kerstin Dombrowski anscheinend nicht aufschreiben wollte. Wallraff, der sich in aufklärerischer Absicht als Hans Esser in die Redaktion der Bild-Zeitung einschlich und seine Erlebnisse in dem Buch “Der Aufmacher” veröffentlichte, schreibt:

[Kerstin Dombrowski] enthüllt uns, wie es dort zugeht. Das tut sie nicht mit psychologischem Beteck, erst recht nicht mit dem Handwerkszeug der Politikwissenschaft oder Soziologie. Sie tut es mit den Mitteln, die sie gelernt hat: Geschichten erzählen, und zwar gleichermaßen schonungslos wie naiv. Mit der speziellen journalistischen Naivität, die in der Branche häufig gelobt wird: Nur wer genügend unvoreingenommen – und das heißt: ohne tiefere Kenntnis, eben naiv, ja geradezu jungfräulich – an eine Geschichte herangehe, könne sie so schreiben, dass sie vom Publikum auch verstanden werde.

Die Geschichte von Titten, Tieren, Tränen und Toten ist eben eine gänzlich andere als die des Undercover-Rechercheurs Wallraff, der in das System eindrang, um es zu begreifen und seine Mechanismen transparent zu machen. Was er damals aufschrieb ist, das ist ein Verdienst von Dombrowskis Buch, heute noch aktuell. Das System funktioniert nach wie vor, genau wie schon 1977. Aber warum das bedenklich sein könnte, wie die Vorgänge und Praktiken eingeordnet werden müssen, wird nicht auf den Punkt gebracht.

In Dombrowskis Buch “schwingt” das alles nur mit. Dann doch lieber das Original.


Kerstin Dombrowski: “Titten, Tiere, Tränen, Tote. Eine Boulevard-Journalistin auf der Jagd”, Rowohlt, 8,95 Euro

Günter Wallraff: “Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war”, Kiepenheuer & Witsch, 6,95 Euro.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 5. Februar 2008 um 12:07 Uhr (#)

    Nun – es gibt doch immer noch genug Leute, die unverdrossen glauben, es gehöre Intelligenz oder Können dazu, für den Boulevard zu schreiben. Der Wert dieses Buches läge dann vielleicht darin, dass es den gegenteiligen Beweis führt … (Konjunktiv deshalb, weil ich das Buch selbst noch nicht gelesen habe)

  2. Martin Rath
    schrieb am 5. Februar 2008 um 13:37 Uhr (#)

    Als ich das Buch in der zuständigen Kultur-Drogerie sah, dachte ich doch ernsthaft: “Mensch, wie sich der Wallraff doch verwandeln kann…”
    Hineingesehen habe ich aber nicht, darum bin ich jetzt natürlich bitter enttäuscht, dass die Maske aus dem alten Wallraff keine junge Blut- und Busenjournalistin gemacht hat…
    Aber im Ernst: Macht’s doch bitte im Intro eine Boulevard-Journalistin draus und gebt dem Herrn Wallraff ein Besteck in die Hand.

  3. Thomas Mrazek
    schrieb am 5. Februar 2008 um 14:01 Uhr (#)

    Vor knapp drei Jahren erschien ein ähnliches Buch, “Die Abrechnung – Deutschland deine Journalisten” von Udo Schulze; das war allerdings wirklich eine Katastrophe, eine Kurzbesprechung findet sich auf meinem <a Weblog.

  4. Gwunderli
    schrieb am 5. Februar 2008 um 14:34 Uhr (#)

    ich hab das buch gelesen von der kerstin. ich finde es gut. spannend geschrieben. wer selbst einmal auf einer der redaktionen gearbeitet hat und/oder sich in diesem metier bewegt, der weiss wer die kunst des “tiefstapeln” nach so vielen jahren des “hochstapelns” beherrscht, der hat sich von diesem business echt nicht unterkriegen lassen.

  5. Torsten Dewi
    schrieb am 5. Februar 2008 um 16:27 Uhr (#)

    Mich regt der Titel auf – und der Pressetext des Verlage achtete peinlich darauf, bloss nicht wertend zu wirken (mal wollte wohl dringlich jeden Ärger mit den Boulevardmedien vermeiden). Mir kommt so ein Geschreibsel nicht ins Haus: erst jahrelang hetzerisch mitmachen, Kohle scheffeln, und dann hinterher (wenn die Lebensplanung in Bereich Kind und Familie geht) nochmal fleissig nachtreten. Das ist unanständig, und passt damit eigentlich wieder ganz gut.

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