“Bloggen für Millionen” und andere Zahlenspielchen

Florian Steglich, 5. Februar 2008 17:04 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

“Bloggen für Millionen”, schreibt der Tagesspiegel heute (bei uns in 6 vor 9) über einen Artikel über ‘Geldverdienen mit Blogs’. Eine siebenstellige Zahl taucht dann nur noch einmal im Text auf, und da bezeichnet sie das obere Ende der Schätzungen über den Umsatz des US-Gadgetblogs Gizmodo – aber daran wollen wir uns nicht stören.

Blogger (cc:Jacob Bøtter)
Problogger: Kohle für Klicks (Bild cc:Jacob Bøtter)

Auch der Grundthese des Textes, dass eine Vermarktung von Fachblogs einfacher scheint als die von Gemischtwarenläden, ist nicht zu widersprechen. Dann allerdings wird es leider doch wieder haarig:

“Jüngster prominenter Etatgewinn ist Bildblog.”

Das schreibt die Autorin über den Blogvermarkter Adical, und Adical darf natürlich bei diesem Thema nicht fehlen, auch wenn viele Beobachter aus der Blogosphäre wohl Vollauslastung, zumindest aber sichtbar mehr Kampagnen erwartet haben. Nur: Diesen “Etatgewinn” meldete Adical schon im Mai 2007, ganz so jung ist er also nicht mehr. Und gab es überhaupt noch einen weiteren “Etatgewinn” seitdem?

Anschließend geht es um Robert Basics Vermarktungsmodell 2.0, bei dem er seine Leser Vermarkter spielen lässt. Eine schöne Idee. Aber dass zumindest bis vor kurzem noch keine der Buchungen von einem Leser vermittelt wurde, sondern alle direkt gebucht wurden, das steht nicht im Tagesspiegel. Das spricht nun noch nicht gegen Roberts Modell, dafür ist es noch zu frisch; aber es spricht auch nicht für eine besonders große Recherchetiefe des Artikels.

Und dann: Viply. Ein in der Blogosphäre nicht sehr bekanntes Gossipblog, das von einer Firma betrieben wird, die unter anderem mit Promifotos handelt (was sich positiv auf den Bilder-Etat auswirken dürfte). Sehr erfolgreich ist Viply, weiß der Tagesspiegel, habe 113.000 Besucher am Tag. Das wären fast 3,4 Mio. im Monat – mehr als doppelt soviel wie das Bildblog, das oft als größtes deutsches Blog bezeichnet wird. Beachtlich. Und falsch.

Die Quelle für diese Zahl ist offenbar der Rankingdienst Topblogs.de, bei dem Viply auf Platz 1 steht. Es werden dort allerdings die Besucher in Wochen gezählt, nicht in Tagen; und die Woche läuft, wenn ich die Angaben über den “Reset” (letzter am 2.2., nächster am 9.2.) richtig deute, von Samstag bis Samstag. Demnach wiederum wurde Viply.de in den letzten dreieinhalb Tagen von rund 70.000 Besuchern aufgerufen (stand 15:30 Uhr).

Und dann gibt es da noch den Vermarkter TripleDoubleU, der Viply in Sachen Werbung “professionell betreut”. Die Autorin erwähnt ihn, hat sich aber wohl nicht weiter dort umgesehen, sonst hätte sie dort die offiziellen Nutzungsdaten entdeckt:

Kennzahlen

PIs: 1.800.000
Visits: 600.000
Unique User: 200.000

Das sind knapp 6.700 Unique User, 20.000 Visits und 60.000 Page Impressions am Tag. Und wie das nun zusammengeht, 113.000 Besucher (laut Tagesspiegel), die 60.000 Page Impressions (laut Vermarkter) generieren, das ist dann schon etwas, was man uns nochmal im Detail erklären müsste. Diese Quote ist bei Blogs üblicherweise eher umgekehrt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. muensterana
    schrieb am 5. Februar 2008 um 17:45 Uhr (#)

    Noch mehr Blech im Tagespiegel-Artikel

    “Jeder fünfte Internet-Nutzer bloggt, zeigt eine Erhebung des Branchenverbandes Bitkom im Jahr 2007, das auch das Rekord-Jahr für Online-Werbung war.”

    8 Millionen Deutsche Blogger, oh Graus.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 5. Februar 2008 um 17:57 Uhr (#)

    Das liegt daran, dass die Fachleute unter “bloggen” anscheinend auch das Kommentieren in fremden Blogs meinen verstehen, und daran, dass man das nicht mal 1 x pro Monat machen muss, um zu den 20% gezählt zu werden. Zitat aus der Bikom-Pressemeldung dazu:

    Rund acht Prozent der deutschen Internet-Nutzer schreiben mindestens einmal pro Monat Beiträge in eigenen oder fremden Blogs. Weitere zwölf Prozent bloggen gelegentlich.

    Und ich bin mir auch nicht so sicher, ob die Befragten alle so genau zwischen Blogs, Leserkommentaren, Debattenplattformen und Foren unterscheiden konnten.

  3. johnny
    schrieb am 5. Februar 2008 um 17:59 Uhr (#)

    Nur zur Klärung: Der “Etatgewinn” kommt nicht von uns. Tatsächlich wurde das Netzwerk bisher noch nicht erweitert, was ich auch im Interview mit dem Tagesspiegel angemerkt habe.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 5. Februar 2008 um 18:07 Uhr (#)

    Johnny: Danke für die Info, das wollte ich mit dem “meldete” auch nicht sagen, falls das missverständlich ist.

  5. johnny
    schrieb am 5. Februar 2008 um 21:37 Uhr (#)

    Kein Problem, hatte ich auch nicht so verstanden, wollte aber Missverständnisse vermeiden.

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