Burda Digital-Life-Design 08:
Netzwerken, bis die Stimme versagt

Wo bleibt nur der Abschlußbericht vom Burda DLD 08? Nein, ich bin im Gegensatz zu einigen Kollegen nicht erkrankt. Aber trotzdem sprachlos, pardon: stimmlos geworden.

Burda DLD Party Bayrischer Hof W.D.Roth
“Boah, ist das schön bunt hier!” – “Na klar, das ist ja auch die Party der Bunten!” (Bild: W.D.Roth)

Der Burda DLD 08 ist nun schon einige Tage hier, der Abschlussbericht fehlte aber noch. Das hatte zweierlei Gründe: Zunächst war in den Tagen des DLD 08 und der nachfolgenden CeBIT Preview etliches liegen geblieben, dass zunächst erledigt werden musste. Außerdem verstand mich aber auch mein Computer nicht mehr, weil ich heiser war – ein typisches Erkennungszeichen aller DLD-08-Teilnehmer spätestens ab dem zweiten Tag.

Schließlich geht man auf eine solche Veranstaltung nicht nur, um sich schöne bunte Powerpoints reinzuziehen und in den Vorträgen laut zu schnarchen. Durch die Zeitverschiebung bei den Teilnehmern aus den USA, aus dem nahen oder fernen Osten bedingt war nach erfolgreich erkämpftem Sitzplatz das prompte Einschlafen der Gäste keinesfalls ein seltener Anblick, wobei sich die Damen mitunter zumindest noch an einer starken Männerschulter anlehnen konnten.

Großbildwand DLD 08 Conference München W.D.Roth
So viel Aufwand für ein bißchen Mercedes-Werbung… (Bild: W.D.Roth)

Vielmehr war man ja dazu da, bestehende Kontakte aufzufrischen oder bislang rein virtuelle Kontakte in persönliche Bekanntschaften zu überführen. Dazu hatte jeder Teilnehmer ein übergroßes Namensschild in PVC-Hülle um den Hals hängen, das auf der Rückseite das geplante Programm in Kurzform enthielt.

Da die Entnahme aus der Hülle allerdings das Freisetzen einer betäubenden PVC-Weichmacher-Duftwolke zur Folge hatte, vermieden dies die meisten, zumal immer die Gefahr bestand, danach beim Wiedereinstecken zu schludern und sein Schild nun versehentlich kopfüber zu tragen.

DLD 08 Conference Jeff Jarvis bloggt live W.D.Roth
Jeff Jarvis bloggt live über Martha Stewart (Bld: W.D.Roth)

Die dicke Luft in den Tagungsräume war ein bestehender Kritikpunkt bei den meisten Bloggern, obwohl Durchzug weit schlimmer gewesen wäre, und immerhin hat Bayern nun das schärfste Rauchverbot Deutschlands, so dass zumindest derartige Abgase nicht mehr die Luft verpesten.

Doch müffelte es an etlichen Ecken intensiv nach PVC und anderen technischen Kunststoffen, da soviel Technik aufgefahren war, daß es schlimmer blinkte als am Time Square in New York oder auf der Website von Spiegel Online und natürlich wurde die Luft auch so mit der Zeit verbraucht.

DLD 08 Conference Burda Blogger
Geekromantik: Nach dem Erkämpfen einer eigenen Steckdose hinter der Bühne am Boden im Schein des Notebook-Bildschirms bloggen (Bild: W.D.Roth)

Dabei liegen die gesundheitlichen Gefahren solcher Events gar nicht im Ersticken, sondern in der Gefahr, die scharf kritisierten Gentests von 23 and me gar nicht mehr zu benötigen, wie Yossi Vardi schon vor der Konferenz ausführlich warnte – doch vergeblich: Man mußte aufpassen, nicht über die vor jeder Putz-Steckdose in den Fluren sitzenden Blogger mit ihren heißen Notebooks zu stolpern….

Apropos “gesundheitliche Gefahren”: Nicht jeder will gerne im Cyberspace fliegen, manche wollen es auch ganz real im First Life tun. Auch dabei kommt es zu Abstürzen und dann ist ein Reboot meist nicht mehr drin.

Obwohl auf den ersten Blick weder zu meinen persönlichen Interessen noch zum Thema des DLD passend, nahm ich den Vortrag von Karina Hollekim über ihre Erfahrungen mit Höhenflügen, Absturz und der Zeit im Krankenhaus wahr, weil auch ich sonst ohne Gleitsegler und Fallschirm nicht aus dem überfüllten Raum und zum nächsten Vortrag wieder hinein gekommen wäre. Ich war positiv überrascht von der Frau zwischen sportlichem Übermut, Verrücktheit und Überlebenswillen, andere weniger. Aber man muss sich schon wundern, dass aus gutem Grund verbotene Dinge, wie im Dunkeln von der Golden Gate Bridge zu springen, plötzlich gesellschaftlich anerkannt sind, wenn sie denn nur von Red Bull gesponsort werden und auch dies das eigentliche Streben der Frau zu sein schien: einen lukrativen Sponsorenvertrag zu bekommen. Nur verleiht Red Bull halt doch keine Flügel, da helfen alle Werbespots nichts. Es stellt sich aber die Frage: Wieso haben die Graffitti-Sprayer so etwas nie geschafft? Gesellschaftliche Anerkennung durch Sponsorship? Haben die Hersteller von Spraydosen keinen PR-Etat? Wo bleibt das “Profi Color Whole Train Adventure 2008″?

DLD 08 Conference Karina Hollekim W.D.Roth
Karina Hollekim zeigt Bilder von ihrer Wiederherstellung (Bild: W.D.Roth)

Es gibt Kollegen, die den DLD keine zwei Stunden ertragen, doch auch ich habe in den vergangenen Jahren nie die gesamte Veranstaltung mitgemacht, zu der neben den eigentlichen Sessions auch noch jede Menge Vor-, Nach-und auch Nacht-Veranstaltungen gehören, wie beispielsweise das Bloggertreffen von Klaus Eck, das Wissenschafts-Bloggertreffen von Beatrice Lugger, das Pressetreffen mit Start-Up-Gründern und Internet-Unternehmern aus den Burda-Beteiligungen und schließlich die legendäre Party im Schwimmbad auf dem Dach des Bayerischen Hofs, auf der regelmäßig einige Leute voll bekleidet im Swimmingpool landen.

An Letzterer hatte ich noch nie teilgenommen, auch wenn es immer wieder von Chefs und Kollegen vermutet und ich darum beneidet und angegiftet wurde, da sie erst nach 22.00 Uhr losgeht, was für alle, die am nächsten Tag auch noch an den regulären Veranstaltungen teilnehmen wollen, auch ohne Genuß geistiger Getränke ungünstig ist.

Einer der kritischsten DLD-Berichterstatter, der weit mehr lästerte als ich, überredete mich jedoch dieses Jahr, denn angeblich würden viele Leute ja nur wegen dieser sagenhaften Party zum DLD kommen.

DLD 08 Conference Exploding Media Jochen Wegner W.D.Roth
“Das 21. Jahrhundert hochladen? Ok, aber bitte nicht in diesen Raum!!!” (Bild: W.D.Roth)

Nun, um eine lange Party kurz zu machen: Sie war nichts Besonderes. Da die Räumlichkeiten auf dem Dach schon in den vergangenen Jahren viel zu eng geworden waren, hatte man diesmal den Festsaal des Bayerischen Hofs gemietet, sodass die Enge auf der Party nicht über die Enge auf der Veranstaltung hinausging. Störend war aber allerdings, dass die Musik durch ihre Lautstärke jegliche Kommunikation verhinderte und nach einem anstrengenden Tag niemand mehr so richtig Lust hatte, noch ausgiebig zu tanzen, sondern lieber mit ein paar Kollegen reden woltte.

Also ging man von der Bühne entnervt nach hinten, um Abstand zu den Lautsprechern zu gewinnen. Doch kaum wurde die Lautstarke langsam erträglich, waren weitere Lautsprecher aufgestellt, um auch den hinteren Teil des Raumes zu beschallen. Nachdem man diese mit gebührendem Abstand hinter sich gelassen hatte und die Lautstarke wieder erträglich wurde, stellte sich ein weiteres Lautsprecherensemble in den Weg…

Schließlich verkrümelte ich mich völlig unsozial in die hintere Ecke einer in den Nebenräumen versteckten Bar, doch bevor ich darüber nachdenken konnte, wie ich nun eigentlich networken sollte (per SMS oder gar Twitter? Nur hatte ich das Handy doch an der Garderobe abgegeben!), kamen auch schon einige Kollegen in dieselbe hintere Ecke der versteckten Bar, denen es nicht anders gegangen war.

So gegen 1.00 Uhr verabschiedeten sich dann aber doch alle mit den Worten “Ich glaube, ich werde alt”. Aber vielleicht war auch nur früher alles besser, zumindest die Partys.

DLD 08 Conference Exploding Media Jochen Wegner W.D.Roth
Panel “Exploding media”, links am Pult: Marissa Meyer, Google (Bild: W.D.Roth)

Nächsten Morgen waren de DLD-Räume zum angesetzten Frühstück denn auch gar nicht mehr überfüllt. Dies änderte sich erst zum Panel von Jochen Wegner, der trotz des Titels “Exploding Media” beim Angesicht der in den Raum dringenden Massen verzweifelt verkündete, daß seine Veranstaltung total stinklangweilig werde und man doch bitte wieder gehen möge. Jedoch reichte sein Moderatorencharme nicht dazu aus, dass ihm irgendjemand Folge leistete.

Ich beschränke mich bewußt auf einige Panels, die ich persönlich besucht habe, alles andere ist schließlich auch auf der Seite des Veranstalters selbst bereits ausreichend dokumentiert und inzwischen gibt es auch zu allen Panels die kompletten Videoaufzeichnungen, sodaß alle die, die nicht nach München kommen konnten oder durften, nun – wenn auch ohne den betörenden Duft des HVB-Forums – in Ruhe die sie interessierenden Vorträge am Bildschirm ansehen können.

Man kann über die Veranstaltung “Burda DLD” denken, was man mag – sie ist auf jeden Fall ein großer Katalysator und Multiplikator für Ideen, die die Anwesenden selbstverständlich alle nicht erst auf dem Podium bekommen haben, die jedoch in diesem Umfeld wahrgenommen und über Presseberichte in die Welt getragen werden.

DLD 08 Conference Exploding Media Jochen Wegner W.D.Roth
Von wegen erstes Robotergesetz: Dieser Kameraroboter von Plazamedia flitzte in Höchstgeschwindigkeit vor dem Panel von Jochen Wegner hin und her und erwischte eine Fotografin hinterrücks, so dass diese ziemlich unelegant zu Boden ging. (Bild: W.D.Roth)

Dazu gehörten beim DLD 08 nicht nur die aus den vergangenen Jahren bekannten Themen aus der Medienwelt und große Pläne über Schwarmarchitektur und die Städte der Zukunft, sondern auch wissenschaftliche und Umweltthemen.

Die zahlreichen Gäste aus Israel nahmen sich dabei besonders des Themas Energiesparen und Umwelt an, aus nahe liegenden Gründen: Israel hat zwar keinen extrem hohen Energiebedarf, doch auch keine eigenen Ölvorräte und muss diesen Energieträger ausgerechnet von den arabischen Staaten importieren, mit denen das Verhältnis bis heute bekanntlich stark verbesserungsbedürftig ist.

Ebenso ist Wasser in Israel knapp und auch der Strom kommt nicht aus der Dose, sondern wird bislang ebenfalls aus Öl erzeugt. Sonne gibt es andererseits in Israel mehr als genug, weshalb Solarkraftwerke und eine Umstellung von Öl auf Solarzellen sowohl zur Versorgung von Haushalten und Büros als auch Automobilen mehr als nur nahe liegen.

Geheizt muss in Israel ohnehin nicht, höchstens gekühlt, und lange Fahrten mit dem Auto finden auch nicht statt, da man nach spätestens 200 km Fahrt die Grenze erreicht und in feindliches Territorium wechseln müsste. Damit sind Elektroautos ohne Einschränkungen einsetzbar, die in Kombination mit Solarenergie auch nachts als Energiepuffer dienen könnten, wenn die Solarzellen keinen Strom liefern.

DLD 08 Conference Exploding Media Jochen Wegner W.D.Roth
Neue “Produkte” für Web 2.0: Der Webreiniger gegen für Firmen schädliche Blogposts, vorgestellt im Panel “Exploding Media” (Bild: W.D.Roth)

Zunächst ziemlich kurios klang auch der Ansatz von Shai Agassi, der beim Auto ein Geschäftsmodell einführen will wie bei einem anderen technischen Gerät für unterwegs, dem Mobiltelefon: Abgesehen von den ersten Monaten der D-Netze in Deutschland wird ein Handy heute nicht mehr als teure Anschaffung gehandelt, sondern ist im Mobilfunkvertrag zu einem ermäßigten Preis enthalten. Teilweise gibt es nach 24 Monaten Vertragstreue ein neues Modell, das alte wandert in die Schublade.

Beim Autofahren ist dies eigentlich noch viel extremer: zwar kosten Autos wesentlich mehr als Handys, doch die Betriebskosten, die Software, spricht das Benzin, erreichen im Laufe eines Autolebens zukünftig ein Vielfaches der Kosten der Hardware, des eigentlichen Autos.

Würde also ein Mineralölkonzern anbieten, eine monatliche Mindestabnahme an Benzin, vielleicht sogar für eine Vorauszahlung von vier Jahren, das Auto zum “Mobilfahrvertrag” hinzuzugeben, so wäre das Interesse angesichts der heutigen Benzinpreise sicherlich groß. Noch größer wäre das Interesse an einer Flatrate.

DLD 08 Conference Exploding Media Jochen Wegner W.D.Roth
Neue Produkte für Web 2.0: “Ruferfrischer”, der stinkende Boos beseitigt, vorgestellt im Panel “Exploding Media” (Bild: W.D.Roth)

Dies klingt natürlich alles andere als ökologisch, soll aber nur als ökonomisches Beispiel dafür dienen, dass alternative Geschäftsmodelle durchaus denkbar wären. Statt des heutigen Systems, mit den selbst gekauften Auto zur Tankstelle zu fahren, und dort einen Vertrag über einige 100 vorab bezahlte Kilometer abzuschließen, indem man den Tank auffüllt und dafür Geld hinterlässt, wäre ähnliches auch mit Strom möglich. Nicht in der Form, an die Tankstelle zu fahren und die Batterie aufzuladen, weil dies viel zu lange dauert, doch mit einer leeren Batterie an die Tankstelle zu fahren und sie gegen eine entsprechende Zahlung gegen eine volle Batterie auszutauschen, sodass der Vorgang nicht länger dauern würde als das heutige Tanken.

Auf diese Art wäre auch das Problem gelöst, dass Elektroauto-Interessenten ein Benzin-Fahrzeug vielleicht erst vor einigen Jahren angeschafft haben und noch kein Geld für ein neues Auto hätten: der Interessent an einem Elektroauto kauft eben nicht ein Stück Hardware und versucht dann, dieses auf eigene Rechnung in Gang zu halten, sondern er kauft einen Servicevertrag, der ihm gestattet, für eine bestimmte Summe eine bestimmte Anzahl Kilometer im Monat zu fahren und bei Bedarf an einem ausreichend dichten Netz von Elektrotankstellen den notwendigen Batteriewechsel abzuwickeln.

Für Kurzstreckenfahrten kann dann trotzdem zuhause an der Steckdose getankt werden; es ist dann überhaupt keine Fahrt zu einer Tankstelle mehr notwendig. In Skandinavien und Kanada sind auch heute schon 500.000 öffentliche Autosteckdosen installiert, um die Wagen dort beim Parken vor dem Einfrieren zu bewahren, ein derartiges öffentliches Stromnetz, an dem man wie an einer Parkuhr Münzen einwirft, ist also realisierbar.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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  1. [...] Design auszutauschen. Für uns berichtet Reto Schnyder aus Aspen von der Konferenz, die Burdas Digital, Life, Design als Vorbild [...]

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