Ein Ehrentor für die Musikindustrie
Die am Musikgeschehen interessierte Internetgemeinde ist sich einig – in diesem Jahr wird das bisherige Geschäftsmodell der Plattenfirmen, Musik teuer zu verkaufen und dabei gleichzeitig die Kontrolle über die Verwendung der von den Kunden erstandenen Alben und Songs behalten zu wollen, endgültig durch neue, alternative Monetarisierungsformen abgelöst. Digitalisierung, allgegenwärtige Internetverfügbarkeit und das individualisierte Mitmach-Web sorgten besonders in den vergangenen Monaten für grundlegende Umwälzungen im Musikgeschäft. Während die Zahl der weltweiten Tonträgerverkäufe weiter sinkt, wird im Netz, dem in Zukunft wichtigsten Distributionskanal für Musik, heftig mit neuen Vertriebsvarianten experimentiert.
Auf der einen Seite stehen Bands wie kürzlich Radiohead oder jetzt The Charlatans, die auf die Loyalität ihrer Fans setzen und neue Alben vor der CD-Veröffentlichung kostenlos zum Download anbieten. Auf der anderen Seite befinden sich Majorlabels, die dem Druck von Kunden, Kritikern und Konkurrenten nachgeben und Musikdownloadshops das Verkaufen DRM-freier MP3-Dateien gestatten. Vergessen sollten wir auch nicht Internetanbieter wie imeem, Spiralfrog oder Spotify, die Verträge mit der Musikindustrie abschließen und sich in unterschiedlichen Formen der werbefinanzierten Gratis-Distribution widmen bzw. dies in naher Zukunft tun wollen. Vielen dauert die Entwicklung jedoch zu lange, daher ist in den letzten 12 Monaten ein kaum noch zu überblickendes Angebot an populären Internet-Musikdiensten entstanden, die sich umständliche Verhandlungen mit den Plattenfirmen gespart haben und damit (nahezu) ungestört in einer rechtlichen Grauzone operieren.
Würde man für die Beschreibung der Situation, in der sich die Musikindustrie derzeit befindet, die Metapher eines Fußballspiels verwenden, dann läge der aktuelle Spielstand irgendwo zwischen 0:5 und 0:10. Was in der vergangenen Woche geschah, könnte man in der Folge als Ehrentor bezeichnen. Ihr wisst schon, das Tor, welches auf den Ausgang des Spiels keine Auswirkung mehr hat, aber dem unterlegenen Team suggeriert, vielleicht doch nicht ganz so schwach zu sein. Zu diesem Ehrentor kam es, nachdem Warner Music Group sich entschied, die beliebte Musiksuchmaschine SeeqPod wegen der Begünstigung von Urheberrechtsverletzungen zu verklagen. Aus Furcht vor einem ähnlichen Schicksal schloss gestern Mucelli, ein Portal, welches Musikvideos von YouTube in verschiedenen Chartlisten aggregiert, zumindest für einige Tage seine Pforten.
Auch ein andere Ereignis der letzten Woche kann durchaus als Teilerfolg für die Musikindustrie gewertet werden: Mein bevorzugtes Social Music Network Last.fm ließ am Mittwoch verkünden, dass nun über die personalisierten Radiostreams hinaus das kostenlose Anhören kompletter Songs und ganzer Alben möglich ist. Mit der Unterstützung der vier führenden Musikkonzerne EMI, Sony BMG, Universal und Warner sowie tausender unabhängiger Interpreten und Labels verfügt Last.fm laut eigener Aussage damit über das weltweit größte kostenlose, legale Musikstreaming-Angebot. Der Haken: In der aktuellen Beta-Phase können ausschließlich Nutzer in den USA, in Großbritannien und Deutschland das Angebot nutzen und müssen sich zudem damit abfinden, dass sie jeden Titel lediglich drei Mal anhören können. Für die nahe Zukunft ist ein Aboservice geplant, der das unbegrenzte Streaming ermöglichen soll.
Man kann davon ausgehen, dass die Begrenzung auf ein dreimaliges Anhören pro Titel kein Wunsch von Seiten Last.fms war, sondern ein Zugeständnis an die Majorlabels oder gar deren Voraussetzung, um überhaupt über ein erweitertes Streaming zu sprechen. Es ist verständlich, dass keine der beteiligten Parteien im Verhandlungspoker zu weit gehen möchte. Derartige Kompromisse sind die Folge. Um aber den zahlreichen unautorisierten Musikangeboten sowie der digitalen Musikpiraterie etwas entgegenzusetzen, müssen Plattenfirmen und Rechteinhaber noch viel mutiger werden und ganz einfach einsehen, dass das Musikgeschäft nie wieder eine derartige Cash Cow sein wird, wie es früher einmal war.
Nützliche Links zum Thema:
VentureBeat: 38 free/cheap music sites
neunetz.com: 3 tolle last.fm-Mashups
Fotoquelle: Wikimedia Commons
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
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7 Kommentare zu diesem Artikel
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Marvin
Über die hauseigenen Playlisten, kann man aber weiterhin seine selektierte Musik unbegrenzt hören…
Ich hbae mal einen Screenshot gemacht, der das verdeutlicht. Hier kann man auch die “30 Sekunden Titel” nach wie vor in voller Länge hören und die “in voller Länge spielen” Titel lassen sich öfter als 3 Mal abspielen… Das ist der Kompromiss von last.fm… ;)
Martin Weigert
Na mal sehen, ob das so bleibt, wenn das Abomodel da ist.
Frank
…wer will denn Musik “nur hören” ??? Ich will sie auch behalten. Wenn ich mir das hier ansehe, so ist es genau das, was last.fm macht, nur eben konsequent weitergedacht:
http://www.flatster.de
Ist halt auch sowas, wie ein personalisierter Stream, durch diese Wunschlistenfunktion, aber ohne diese ganze Community anbindung. Bei flaster lässt man den Rechner einfach durchlaufen und Lieder suchen/ aufnehmen und ich kann mir kein Profil anlegen oder mich mit anderen austauschen. Vielleicht kommt das ja noch…
Gruß
Frank
ruben
….es gibt ein sehr spannendes Startup namens http://www.simfy.com. Hab die Jungs ende Letzten Jahres auf der Sime in Stockholm getroffen. Hier kann man Musik hochladen und mit Freunden auf der Plattform tauschen. Dies geht, so die beiden Gründer, aufrund einer Gesetzeslücke, die besagt das du Musik unter Freunden tauschen darfst.
Ich weiß nicht wie hieb und Stichfest, wenn man im Internet überhaupt davon sprechen kann, diese Gesetzeslage ist. Ich finds aber eine sehr starke Idee und wünsche den Jungs viel Glück.
Eine anderes Startup ist Soundcloud.com, hab die jungs ebenfalls in Stockholm kennengelernt. Die Seite wird wohl in kürze gelauncht, es geht so weit ich weiß um vorveröffentlichte Tracks..schauts euch selber mal an.
Gruß
Ruben
Martin Weigert
Ruben:
http://www.zweinull.cc/soundcloud-musik-plattform-fur-hippe-produzenten-und-ihre-fans/
http://www.zweinull.cc/musik-startup-simfy-startet-offentliche-beta-phase/
;)
Thomas M
Hallo Alle,
ich hätte da noch etwas anzubieten: http://www.tube-charts.com
die seite spricht für sich selbst
ich habe nur keinen blassen schimmer wie das rechtlich aussieht
grüsse
Thomas M
Martin Weigert
Danke. Ich glaube, tube-charts.com ist vergleichsweise unbedenklich. Es wird ganz einfach die Videos von YouTube eingebunden bzw. verlinkt, und jeder sieht, was die Quelle ist.