Am Anfang ist nur das Wort …
Das eitrig-düstere Zerrbild netzferner Journalisten und die Sehnsucht nach Kommunikation unter Gleichen.

Journalisten kommen mir manchmal vor, als hätten sie alle einen Knick in der Flinte, wenn sie kollektiv auf den Waldrand des Web 2.0 losballern und dabei Nachbars Dackel erlegen. Deshalb zum tausendstenmal, auch wenn ihr’s ewig nicht glauben wollt: Blogger sind (anfangs) nur selten Journalisten, sie wollen (anfangs) mit euren Medien gar nichts zu tun haben, eher im Gegenteil, und sie schreiben (anfangs) aus ganz anderen Motiven. Da ihnen (später) die Unvermeidlichkeit eures mediencircensischen Treibens bewusst wird, lassen sie sich – nolens volens – dann ein Stück weit darauf ein. Beispiel gefällig?
Nehmen wir einfach mal eine frisch aus dem Ei geschlüpfte Bloggerin: Sie macht jene subjektive Differenzerfahrung, die am Anfang alles Schreibens steht. Aus dem schönen Hannover verschlug es sie in eine fremde Welt – ins ferne Dortmund. Dort erschien ihr so vieles seltsam, dass sie mit dem Schreiben unausweichlich beginnen musste:
“Als ich von Hannover nach Dortmund umgezogen bin war das ein Kulturschock. Nicht wegen der Ballon-Seide die mir von jedem zweiten Männerkörper entgegenlächelte oder wegen der hässlichen Industrielandschaft. Ich war in einem sprachlichen Sinne geschockt. Die Menschen sprachen plötzlich von Hümmelken statt Messern, von Sprudel statt Selters, von Apfelkitschen statt Kerngehäusen oder vom Locus, wahlweise auch Pott, anstatt Toilette. Niemand ging hier zur Arbeit, sondern zur Maloche und wullackte da, ?bis die Wolle aus´m Schlüppi kommt.? – Das verwirrte mich arg.”
Der klassische Weg in die Literatur also: Der Gast aus der Fremde gerät in ein fremdes Milieu, so wie der Wilhelm Meister unter die Theaterleute. Das Bloggen als Ausweg erschließt ich unserer Frau ‘Anjejackert’ trotzdem keineswegs sofort. Ihr erscheint Klein-Bloggersdorf als eine unübersichtliche Welt aus Nerds und Narren, so wie es jedem ergeht, dem das Web 2.0 zum ersten Mal den Kopf verwirrt:
“Vor ungefähr einem Jahr sagte ein Bekannter zu mir: ?Ich habe ein Blog.? Während ich rätselte, ob er damit irgendwelche Parasiten an seinem Körper, ein psychisches Problem oder Husten mit Auswurf meinte, klärte er mich behutsam auf. Da ich mich aber für neumodischen Chichi noch nie sonderlich erwärmen konnte dachte ich nur: Wer?s braucht – bitte sehr!”
Trotzdem – die Blogosphäre hat etwas, was eine innere Sehnsucht weckt. Man muss die Idee einer Kommunikation unter Gleichen nur lange genug auf sich einwirken lassen. Folgerichtig kommt es auch hier zum Aha-Gefühl:
“Irgendwann machte mich ein Freund auf ?Rebellen ohne Markt? aufmerksam und ich musste wohl oder übel meine Meinung ändern. Verdammt, ich hatte also die ganze Zeit auf der falschen Seite gestanden (wie Joschka damals). Nicht alle Blogs sind demnach schlecht, nicht alle Blogger sind dumme Laien- oder Selbstdarsteller.”
Ein Erweckungserlebnis nennt sich so etwas wohl unter Pfingstlern. Erst jetzt – nachdem vor dem Hintergrund realer Erfahrungen im Web 2.0 der Abgleich der Berichterstattung gräfflicher Art, all der unsäglichen Jörgesiana und des DJV-Gekonkens erfolgen kann, nachdem ein Ort, in dem es im Allgemeinen nett und nachbarschaftlich zugeht, systematisch von den Altmedien verteufelt wird, da wächst jene große Medien-Aversion heran, die sich zunehmend auch in den großen Mediendiskurs einmischen wird, und zwar ganz ohne jede Legitimation durch eine journalistische Ausbildung oder höhere mediale Weihen. Da bin ich mir auch bei dieser Dame ganz sicher. Hier resümiert sie gerade die Anti-Polemik als Quintessenz wahren Bloggertums:
“Das Internet im allgemeinen und das Bloggen im speziellen, bieten die Möglichkeit sich auszutauschen und zwar unabhängig von irgendwelchen gesellschaftlichen oder intellektuellen Animositäten.”
Vor dem Hintergrund dieser eher freundschaftlichen Erfahrungen im Web 2.0 nämlich weckt das Zerrbild, das die netzfernen Journalisten allsonntäglich so eitrig-düster zeichnen, wie einst der Pastor die Hölle, jenen Widerspruch, der den Kathedralen einer massenmedialen Öffentlichkeit zu schaffen macht. Die Holzmedien vergraulen geradezu fahrlässig ihre jüngere Leserschaft, sie sind nicht mehr von ihrer Welt. Und das lässt sich sogar – wie hier – an einem einzigen Beispiel schon ganz leicht zeigen …
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.













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Nun, das Problem ist ja, daß es nicht nur die freundlichen Salongespräche gibt. An denen stört sich niemand, auch nicht an den Teenie-Tagebüchern oder den Katzenbildern. Obwohl die Bloggerszene meist empört ist, wenn mal wieder jemand von “Online-Tagebüchern” spricht.
So war Online von Anfang an, auch als es noch Modems und Mailboxen waren. Ein paar kleine und größere Spinner, aber eine nette Gemeinschaft. “Web 2.0″ empfinde ich da immer als unsinnige Bzeichnung, etwas neu zu erfinden, das doch immer schon da war. Das war auch beim Amateurfunk der Reiz, obwohl es auch da Chaoten gibt.
Problematisch sind auch nicht die Journalisten, auch wenn die mal Unsinn schreiben, ist das außer für direkt Betroffene nicht wirklich wichtig, sondern die Abzocker. Ob nun Betrugsseiten, Abmahner oder auch Verleger (und auch meine speziellen Freunde bei gewissen Rundfunkanstalten), die nur den schnellen Euro wollen, die im Internet ein Massen-, ein Broadcast-Medium sehen, das nur und ausschließlich der Verlautbarung dienen darf und in dem die eigentliche Tele-Kommunikation, der Kontakt zu anderen Menschen, plötzlich zurückstehen muß. Die sogar fremde E-Mails beschlagnahmen wollen und Rundfunkgebühr darauf berechnen, weil sie gar nicht glauben können, daß andere Leute das Internet wie Telefon oder Brief benutzen und nicht als Fernseher.
Blogs sind oft nur Gedankenaustausch, doch sie werden juristisch bewertet wie Presseerzeugnisse, da sie eben jedem Leser offenstehen. Das ist wie eine Kneipe, bei der Mikrofone installiert sind und man nicht weiß, wer das Gequassel so alles unbemerkt mithört. Man kennt seine Leserschaft nicht, auch wenn man das glaubt, aber die meisten lesen nur und kommentieren nicht. Und daran denken auch so manche StudiVZ-User nicht, daß ihr Geposte auf ewig in irgendwelchen Caches sichtbar ist, obwohl das schon mit den Usenet-Groups zum Problem werden konnte. Man denkt, man sei unter sich, ist es aber nicht.
Ebenso greifen viele Blogger Tagesererignisse aus den Medien auf, so wie man beim Bäcker über die neueste Schlagzeile aus der Bild redet und sagt “steht da wieder ein Mist drin!”, wird dann eben über SpOn & Co. geredet. Aber nicht wie beim Bäcker als flüchtiger Chat, sondern als Posting für die Ewigkeit. Und irgendwann muß der Redakteur zu seinem Chef oder Verleger und bekommt etwas um die Ohren gehauen, was vor 2 Jahren im Usenet oder Blog geschrieben wurde. Dann sagt er sich: Blogs und Web 2.0 sind böse. Für ihn wirkt das wie ein Schuß aus dem Hinterhalt und wie jemand, der zu feige war, ihm eine Mail zu schreiben. Von dem Geschimpfe beim Bäcker hat er dagegen nichts zu befürchten gehabt.
Eine Bild kann durch das Bildblog nur besser werden, auch manch anderem Medium mag Feedback helfen. Doch sind Blogs schnell selbst wieder einseitig – es gibt den Schreiber und die Kommentatoren, das ist kein anderer Hierarchieunterschied als bei Zeitung und Leser, solange es sich nicht um ein Gemeinschaftsblog handelt wie hier z.B., wo heute einer “Scheiß Journalisten” schreiben kann und morgen ein anderer mit “Scheiß Blogger” kontern kann. Blogs einzelner sind immer zwangsweise dessen Privatveranstaltung. Deshalb können Blogs trotz Kommentaren z.B. nicht Foren oder Mailinglisten ersetzen und ablösen, wie gerne behauptet wird. Und eine Blogkritik ist auch kein Dialog mit eventuell kritisierten Dritten, weil die eben erst stark verspätet, wenn überhaupt, die Kritik sehen. Sondern eher ein Verriß, so wie er auch in den klassischen Medien steht.
Irgendwann gibt es dann die Ereignisse, die für Mißstimmungen sorgen. Klar, Jörges will mit Blogs ja gar nichts zu tun haben, die Blogger wollen mit ihm erst recht nichts zu tun haben. Und trotzdem sind sie sich nun in die Wolle geraten.
Das ist alles nicht so einfach, weil nicht alle so freundlich mit ihren Mitmenschen umgehen. Es mag die Minderheit sein, die an der Tastatur zum Psychopathen wird, so wie andere im Auto, aber sie gibt es, und dann wird das Klima vergiftet und plötzlich ein Medium als Bedrohung empfunden, obwohl es nicht am Medium oder der möglichen Anonymität liegt.
Vieles davon ist richtig, Wolf-Dieter, aber die wenigen Psychopathen müssen nun mal oft genug dafür herhalten, eine ganze Diskurswelt zu verteufeln, die ich in der Mehrzahl als freundlich und ums Argument bemüht erlebe. Der ‘gesittetere Tonfall’, wenn auch mit Ironie und leichtem Spott vermischt, ist zumeist auf dieser Seite der Tribüne zu finden, wenn ich mir dagegen Graff & Co. mal so anhöre. Weiterhin – wenn der Chef seinen Reporter runterputzt wegen irgendwelcher Sachen, die vor Jahren einmal im Netz standen und die per Google noch in einem verstaubten Winkel unter ’34.786 Fundstellen’ zu finden wären, dann ist das doch kein Problem der Blogger, sondern eines dieses Ressort-Chefs, der dringend mal eine Fortbildung besuchen müsste. Denn er zeigt sich hier als Yesterday’s Man …
Klaus, Deine Worte in den Gehörgängen der Chefs…aber wenn sich Leute im privaten Gästebuch austoben, um rechtsradikale Parolen zu verbreiten, oder um sich dort über Artikel zu beschweren, und dazu auch noch im Forum des Arbeitgebers aufrufen, dann sagt der Chef nur “als Journalist bei einem großen Verlag solltest Du auch keine privaten Internetsachen mehr haben, SCHAFF DAS AB!”. Er hat keine eigene Website, keine private E-Mail, ein Blog schon gar nicht (wozu auch?) und die meisten anderen stärker eingespannten Journalisten haben auch keine pvaten Sachen mehr. a) keine Zeit, b) kein Nerv, c) keine potentiellen Probleme.
Klar werden heute Blogger in die Verlage geholt. Aber wollen und dürfen die dann noch privat weiterbloggen? Eher nicht. Und das ist weniger Verlagsanweisung (die gibt es auch) als Selbstschutz. Und natürlich Zeitmangel. Und natürlich, man will in der raren Freizeit nicht auch noch schreiben, wenn man es schon beruflich tut.
Es ist schon noch eine Aufteilung: Profi oder Hobbyist. Und das hat nichts mit der Qualität zu tun – man kann als Hobbyist eine Wand auch besser streichen als ein schlampiger Profi – sondern mehr mit der Frage “Kür oder Pflicht”? Als Blogger kann ich sagen, über dies und jenes schreibe ich nicht und sage, ich habe keinen Bock und ich finde das ohnehin Scheiße. Als Journalist würde da nicht nur der Chef ausrasten, sondern auch die Leser.
Nein, diese paar Psychopathen können schon der Grund sein, warum Leute entnervt sind. Vergiß nicht, Journalisten sind meist überarbeitet, wenn da dann irgendwelche Störenfriede kommen, ob mit Abmahnungen, Forenpostings oder anderen Störmanövern, macht das leicht den Unterschied zwischen Mitternacht heimgehen und im Büro übernachten aus. Ich denke, manche Journalisten sind einfach tierisch entnervt. Und wie ich ja schon schrieb, die Blogger meinen sie dann am allerwenigsten, wenn sie dann rumpoltern. Jörges hat das nicht gesagt, weil ihn die Blogger genervt haben, sondern weil er andere Probleme hat. Wenn er Attacken per Leserbrief bekommt, gehört das für ihn zum Beruf, wenn dann aber gesagt wird, er möge Blogs nicht, denkt er sich erstmal “ach laßt mich doch einfach in Ruhe”. Das mag wie Arroganz wirken, muß aber nicht zwingend so sein. (Ich kenne den Kollegen Jörges zu wenig, um es beurteilen zu können).
> Für ihn [den Redakteur] wirkt das wie
> ein Schuß aus dem Hinterhalt und wie
> jemand, der zu feige war, ihm eine
> Mail zu schreiben.
Als ob Journalisten sich um Leserbriefe oder so neumodisches Zeug wie Lesermails kümmern würden. Ha, ha ha!
Es geht nicht um den eingebildeten Schuss aus dem Hinterhalt. Es geht um den Verlust der Deutungshoheit. Das ist es, was Journalisten so Angst macht. Nur haben sich Journalisten damit ein Recht angeeignet, das ihnen in einer freien Gesellschaft nicht zusteht. Moderne Medien entziehen es ihnen jetzt durch die Hintertür.
Mit dem Verlust der Deutungshoheit gehen auch die ganzen realen und eingebildeten Privilegien des Jobs flöten. “Lassen sie mich durch, ich bin Journalist!” schreien sie, wenn es wieder irgendwo einen neuen Presserabatt gib. Am nächsten Tag wird dann wieder der Schein gewahrt und der staatstragenden Journalisten gegeben. Nur fällt dieses heute auf.
Die Unangreifbarkeit geht verloren. Konnte ein Journalist früher den größten Bockmist über ein Thema von dem er, wie bei Journalisten normal, keine Ahnung hat, verbreiten, so geht das heute nicht mehr so einfach. Schlampige Arbeit wird endlich öffentlich schlampige Arbeit genannt und gekaufte Arbeit wird völlig korrekt Bestechung genannt.
Die Lachnummer Presserat wird genauso öffentlich, wie die ekelhafte Tatsache, das Boulevard-Journalisten als ehrenwerte Kollegen gesehen werden, statt das sie ausgegrenzt werden. Da wird der Corpsgeist “Ich Journalist, du nix!” wunderbar deutlich.
Sollte tatsächlich der Pressekodex für Druckwerke endlich auch für den Online-Journalismus gelten, müßten etwa 80% der Online-Ausgaben der Zeitungskonzerne entweder den Laden dichtmachen oder zumindest erheblich weniger “News” und “Meldungen” zum Besten geben dürfen.
Und gerade z.B. das Jörges-Blatt “Stern” zeigt sich online da mit dem ganzen RTL-Kram nicht gerade von der besten Seite…
Oder wenn ich mir die “Welt” und ihre Fotostrecken anschaue, grauslig, dünner Aufhänger, und dann in der regel 8 Fotos, die damit überhaupt nix zu tun haben. Ich würde es mir daher sogar dringlich wünschen, daß Jörges und Jonken (oder wied er heißt) dann mal tatsächlich ihre Drohungen wahrmachen und Qualitätskriterien verbindlich festlegen – obwohl ich eben befürchte, daß das dann der ultimate Schuß ins Knie werden wird.
@Claudio
> Als ob Journalisten sich um
> Leserbriefe oder so neumodisches Zeug > wie Lesermails kümmern würden.
Selbstverständlich tun sie das. Gute jedenfalls. Allerdings natürlich nur um vernünftige. Es fehlt oft nur die Zeit, zu antworten. Es gibt auch recht kuriose Briefe, über die man lieber schweigt, weil man sich nicht über seine Leser lustig macht. Wenn einer jede Woche schreibt, er werde vom CIA mit Mikrowellen bestrahlt z.B.
Ach, die Deutungshoheit und der Presserabatt. Beides völlig überschätzt. Manche Kollegen machen sich zwar wichtig, klar, aber die wirkliche Bedeutung von 99% der Journalisten war immer schon gering. Und Presserabatt? Der gilt vom Listenpreis. Meist ist am Ende der Normalpreis beim Saturn-Hanswurst für Jedermann deutlich unter dem “tollen” Presserabatt-Preis. Außer bei Mercedes. Aber Mercedes mit 10% Presserabatt liegt immer noch bei “scheißteuer”, ist also auch egal. Den nutzen nur Chefs, die sehr gut verdienen, und die bekommen dann eh’ einen Dienstwagen. Normale Redakteure und Chefredakteure, denen ist sowas dagegen völlig egal. Wenn einer auf Presseausweis schnorrt, dann ist das so einer, der einen falschen Presseausweis aus dem Internet extra zum Schnorren gekauft hat und dann bald merkt, daß man ihm Quatsch erzählt hat.
Ich werde wohl mal eine Serie über Legendenbildung starten. Blogger schreiben über ihren Alltag, Journalisten normalerweise nicht. (Auch bloggende Journalisten nicht). Also kursieren die komischsten Ansichten. Z.B., daß man als Journalist viel verdiene. Hätte ich ja gar nix dagegen. Aber dummerweise die Verlage….
Das mit der geringen Bezahlung ist sicherlich richtig, Wolf-Dieter – hier in der Gegend müssen manche feste Freie von ihren 900 netto auch noch das Auto halten und betanken. Denn auch das bezahlt keinesfalls die Zeitung – und knipsen müssen sie auch noch selbst. So viel zum Thema ‘moderner Qualitätsjournalismus’.
Genau diese Poverté aber macht den Journalismus auch angreifbar. Mit nicht sauf der Naht ist es schwer, keinen Gefälligkeitsjournalismus zu betreiben. So entstehen dann die Immobilienteile, die Reiseteile, die Auto’besprechungen’, die Sonderbeilagen zum Stadtfest – bekanntlich alles Highlights journalistischer Objektivität. Wenn über den Alltag geschrieben wird, dann bitte auch darüber …
Naja, diese “Sonderbeilagen” dürfen normalerweise die Angestellten mal so eben mit abwickeln. Da hätte man bei “Freien” wieder Bedenken, daß die parteiisch sein könnten. Es soll ja das Autohaus rein, das am besten zahlt, nicht das, das der Freie kennt und schätzt.
Ist alles ein ziemlicher Wust. Mal schauen. Im Moment fehlt mir die Zeit, und ich muß es dann natürlich so schreiben, daß sich niemand wiedererkennen kann. Es gab schon früher solche “Enthüllungsbücher”, z.B. über das Innenleben eines Computerverlags, die wurden in Grund und Boden geklagt. Das muß dann nicht sein.
Was halt unangenehm sein kann an dem Beruf: Man ist von zwei Seiten unter Bewachung – vom Auftraggeber und vom Leser. Manche Leute arbeiten unter Druck besser. Bei anderen – und das ist wohl die Mehrheit – führt dieser Streß eher zu Schreibblockaden. Veröffentlichst Du etwas, für das es nur eine Quelle gibt, kannst Du reinfallen, weil diese Quelle gelogen hat oder ihre Aussage zumindest vor Gericht nicht belegen kann. Wartest Du ab, bis Du alles wasserdicht hast, können Jahre vergehen und das Thema ist tot. War auf dieser Veranstaltung http://medienlese.com/200…scher-dauerattacken/ ein wichtiger Punkt.
Der Journalist ist jedenfalls im Normalfall nur ein Rad im Getriebe wie in jeder anderen Firma auch. Eigene Qualitätsansprüche muß er dabei haben, sonst tut er sich das alles gar nicht an und macht irgendwas einfacheres. Aber wenn er jedesmal, wenn er irgendwas einem Anzeigenkunden zuliebe schreiben oder häufiger: nicht schreiben soll, kündigen würde, könnte er bei vielen Blättern nach zwei Wochen wieder gehen.
Trotzdem ist der Leser nicht so blöd, wie viele denken, und weiß, was er von dem Autohausbericht zu halten hat. Geht hin, wenn es da Freibier gibt, kauft seine Karre dann aber trotzdem da, wo er es für richtig hält. Insofern macht mir dieser Unsinn jetzt nicht die größten Sorgen.
Eher ist es ein Problem, wenn man wirklich aus Überzeugung einen Bericht schreibt und dann vom Chef verdächtigt wird, geschmiert zu werden. Oder gar zu hören bekommt “na dafür hätte Dir xxx aber was zahlen müssen!”. Ist z.B. ein Problem mit Veranstaltungen: Man ist eingeladen, bekommt auch mal umsonst Essen. Mancher sieht das schon als Bestechung. Dabei ist das lächerlich: Wenn ich Geld sparen will, gehe ich in den Supermarkt und koch mir was, da fahr ich nicht fü teures Geld auf irgendeine Konferenz. Andererseits habe ich auf der Konferenz gar nicht die Zeit, mal eben zwei Stunden zum Essen zu verschwinden.
Und wenn einer Schmiergeld bekommt, dann ist es mit Sicherheit nicht der Journalist. Da ist die Angst viel zu groß, daß der das Geld zwar erst nimmt aber dann doch darüber redet, notfalls unter Pseudonym bei der Konkurrenz. Das wird anderswo versucht. In der Anzeigenabteilung, beim Verleger. Auch ein interessantes Thema für eine Serie. Hast Du mal eine Million? Ich habe da einen Verleger, der dafür auspacken würde… ;-)