Spiegel-Verlag:
Verhängnisvolle Affären und machtvolle Mitarbeiter

Felix Disselhoff, 24. Januar 2008 15:03 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Donnerstag wurde es bekannt: Das Nachrichtenmagazin Spiegel bekommt eine Doppelspitze. Grund genug für medienlese.com eine Zeitreise durch den Verlag anzutreten, der Deutschland mitprägte und selbst Geschichte schrieb.

Spiegel-Gebäude in Hamburg
Spiegel-Gebäude in Hamburg (Bild cc:bstrasser)

Laut Berichten des Hamburger Abendblatt und der Süddeutschen Zeitung hat die Suche nach einem Nachfolger von Stefan Aust ein Ende gefunden. Georg Mascolo, derzeit Leiter des Berliner Spiegel-Büros, und Onlinechef Mathias Müller von Blumencron übernehmen die Chefredaktion beim Spiegel.

Der Medienrummel um Austs Nachfolge zeigt, dass die Geschichte des Verlags untrennbar mit dem Magazin selbst verbunden ist. Der Spiegel ist mit einer Auflage von knapp über einer Million die größte Wochenzeitung Deutschlands. Wenn man sich die Vita des 60 Jahre alten Printriesen anschaut, wird man den Eindruck nicht los, dass jeder dieser Leser hart erkämpft wurde.

Mit Sitz an der Brandstwiete ist die Geschichte des Spiegel-Verlags natürlich auch Teil der Verlagsgeschichte Hamburgs. Doch die erste Ausgabe des Spiegels erschien am 4. Januar 1947 in Hannover. Das Blatt war Nachfolger der Zeitschrift Diese Woche. Das Magazin folgte dem Muster US-amerikanischer und britischer ?news magazines?. Zu Beginn wurde das Blatt noch von der britischen Militärregierung unterstützt. Doch Chefredakteur Rudolf Augstein nahm auch die alliierten Behörden nicht von der Kritik aus. Er erhielt die Verlegerlizenz und benannte das Magazin um. Der Spiegel war geboren. Den Titel des Herausgebers hält Augstein ehrenhalber auch noch nach seinem Tod 2002.

1949 legte das Spiegel-Statut fest: ?Alle im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Jede Nachricht und jede Tatsache ist ? peinlichst genau nachzuprüfen?. Um diesen Ansprüchen zu genügen, leistet sich das Magazin eine umfassende Dokumentation. Die Spiegel-Dokumentation gilt als größtes Pressearchiv Europas. Dafür sorgen rund 100 Mitarbeiter. Darunter war auch Bastian Sick, der mittlerweile als Sprachkritiker auf Deutschlandtournee mit seiner Kolumne ?Zwiebelfisch? und Neuauflagen seines Buches ?Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod? ist. Neben Kulturjournalismus-Krösus Matthias Matussek und dessen Thronfolger Daniel Haas der Dritte im Bunde der erfolgreichen One-Man-Out-of-Print-Startups.

Verhängnisvolle Affären

Online hin, Kolumnen her. Zweifelsohne wurde die Tradition des investigativen Journalismus in Deutschland durch Redakteure des Spiegel geprägt. 1950 deckte der Spiegel die Bestechung von Bundestagsabgeordneten auf. Diese sollen für Bonn statt Frankfurt am Main als Bundeshauptstadt abgestimmt haben. Augstein wurde als Zeuge vernommen, berief sich jedoch auf die journalistische Schweigepflicht. Das Ereignis wurde als Spiegel-Ausschuss bekannt.

Sowohl publizistischer als auch wirtschaftlicher Einfluss stiegen nach der Spiegel-Affäre 1962. Stein des Anstoßes war ein Artikel von Conrad Ahlers. These: Die Nato und die Bundesrepublik könnten einem sowjetischen Angriff nicht standhalten. Titel: Bedingt abwehrbereit. Konsequenz: Durchsuchung der Redaktionsgebäude in Bonn und Hamburg, Haftbefehle mit dem Vorwurf auf Verdacht des Landesverrats, landverräterischer Fälschung und aktiver Bestechung. Augstein wurde verhaftet und kam erst nach 103 Tagen frei. Franz-Josef Strauß, damaliger Verteidigungsminister dazu: ?Sie sind die Gestapo im Deutschland unserer Tage [?] Ich war gezwungen, gegen Sie zu handeln.? Vermutlich bedingt gesprächsbereit, der Franz.

Proteste auf der Straße, eine tumultartige Sitzung des Bundestages und schließlich eine Regierungskrise sind die Folge. Auch eher unpolitische Menschen zog es zu Demonstrationen, um den Mächtigen Grenzen aufzuzeigen. Alle fünf FDP-Minister der Schwarz-Gelben Koalition treten zurück: Ihr Justizminister war von Strauß, der die Aktion vorangetrieben hatte, nicht informiert worden. Strauß tritt schließlich zurück, im Dezember kommt es nur Bildung der letzten Regierung Adenauers.

Seitdem gilt der Spiegel als das “Sturmgeschütz der Demokratie”.

We are family

Zur Spiegelgruppe zählen sich aber noch weitere Spiegel-Print-Spin-offs: Der KulturSpiegel, der UniSpiegel, das Manager Magazin und der Harvard Businessmanager. Spiegel TV begann seinen Dienst 1988. Die Kooperation mit der Development Company for Television Program (dctp) sicherte dem Verlag feste Sendeplätze, auf denen seit 1988 zunächst das “Spiegel TV Magazin”, moderiert im Wechsel von Stefan Aust und Maria Gresz, ausgestrahlt wurde. Der Erfolg des Magazins, das den klassischen Spiegel-Journalismus umsetzen will, führte 1990 zur Gründung der Spiegel TV GmbH als 100-prozentiges Tochterunternehmen des Spiegel-Verlags. Außerdem betreibt Spiegel TV seit 2005 einen eigenen Pay-TV-Kanal.

Die a + i art and information GmbH & Co. KG wurde 1995 als Tochtergesellschaft von Spiegel TV gegründet. a+i setzt mit gut 100 Mitarbeitern als Produktionsfirma alle Fernsehformate, die nicht direkt mit dem Spiegel-Label verbunden sind. Dazu zählt zum Beispiel “Johannes B. Kerner” für das ZDF.

Spiegel Online (Spon) wurde bereits 1994 gegründet und ist mittlerweile die reichweitenstärkste Nachrichtenseite im deutschsprachigen Internet. Im November 2007 verzeichnete die Seite 78 Millionen Besuche und 415 Millionen Seitenaufrufe (Quelle: IVW).

Mächtige Mitarbeiter

Ein kleiner aber wichtiger Sprung zurück in die Vergangenheit. In den Siebzigern wurde dann der Grundstein für ein Mitbeteiligungsmodell der Mitarbeiter gelegt, das gerade Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust jüngst zum Verhängnis wurde. Die Besitzverhältnisse am Spiegel-Verlag sind einzigartig in der deutschen Medienlandschaft. Rudolf Augstein übertrug 1974 die Hälfte seines Unternehmens der Belegschaft. Mitentscheidung und ein Anspruch auf die Hälfte des Gewinns zählen seither zu den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und prägen das Klima im Haus. Nirgendwo anders ist die Idee, die Beschäftigten eines Unternehmens auch zu Inhabern zu machen, so konsequent verwirklicht worden.

Die Mitarbeiter-KG hält 50,5 % der Verlagsholding ?Rudolf Augstein GmbH?. Auf ihre Initiative hin wurde Austs Vertrag auch nicht verlängert. Grund für diesen Entschluss sei der Wunsch nach ?frischen Ideen und neuen Konzepten für den Spiegel. Wir wollen mehr junge Leute ans Blatt binden?, so Armin Mahler, Sprecher der Mitarbeiter KG.

Über weitere 25,5 Prozent verfügt der zweite Hamburger Verlagsriese Gruner + Jahr. Die restlichen 24,5 % entfallen an Augsteins Erben. Durch das fehlende halbe Prozent wollte der Spiegel-Vater verhindern, dass seine Erben eine Sperrminorität besitzen und wichtige Entscheidungsprozesse lahmlegen können.

Ob sie nun ihr Ok für von Blumencron und Mascolo geben, ist nicht von Belang. Dabei wären die beiden nicht die einzige Doppelspitze in der deutschen Presselandschaft. Christian Petzold und Thomas Osterkorn bewähren sich seit 1999 an der Spitze des Stern. Und auch der Spiegel wurde nicht immer im Alleingang regiert. Zuletzt leiteten Wolfgang Kaden und Hans Werner Kilz – heute Chefredakteur der “Süddeutschen Zeitung” – von 1989 bis 1994 das Nachrichtenmagazin. Als der 1993 gestartete neue Wettbewerber Focus dem Spiegel Marktanteile abnahm, wurde erst Kaden zum Manager Magazin weggelobt. Wenig später musste Kilz Aust weichen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Marcus
    schrieb am 24. Januar 2008 um 15:14 Uhr (#)

    Netter Dreher: Die Erstausgabe erschien 1947, nicht 1974. Sonst hätte es die Spiegel-Affäre ohne Spiegel gegeben…

  2. Schreibt hier auf dem Blog Felix
    schrieb am 24. Januar 2008 um 20:58 Uhr (#)

    Sorry,
    Fehler wurde korrigiert

  3. arbiter
    schrieb am 24. Januar 2008 um 23:53 Uhr (#)

    Spekulation hoch 3: am 16.1.08 “süddeutsche.de”, jetzt und 8 Tage später die nächste Gewißheit durch Hamburger Abendblatt und Süddeutsche Zeitung. Es ist also heraus, es darf spekuliert werden, und irgendwo in dieser medienlese geister noch ein Video mit ähnlicher Aussage herum. Papier ist geduldig im Vernichten des Nachrichtenwertes. Dürfen Leser wenigstens mit solcher Berichterstattung die Geduld verlieren?

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