So geht Geist

“Weiß am Zug: Sxf7!?”, titelt heute die Frankfurter Allgemeine Zeitung und setzt damit alle Konkurrenz am Kiosk matt. Schach auf der ersten Seite, wider aller Marktforschung, wider den allgegenwärtigen Trend zum Boulevard.

FAZ-Titelseite 24.1.2008
Titelseite der FAZ am 24. Janaur 2008 (Bild: FAZ.net)

Die Berichterstattung über Schach ist, vorsichtig gesagt, schwierig. Es ist ein komplexes Spiel, mit den Angaben einer Zugfolge wissen allenfalls Insider etwas anzufangen. Breites öffentliches Interesse finden höchstens die epischen Spiele Mensch gegen Maschine, in denen der menschliche Spieler zusehends ins Hintertreffen gerät. Weder die Datenbank-gepäppelten Rechner noch die kühlen Denker im Anzug liefern besonders (fernseh-) taugliche Bilder. Minutenlang passiert einfach nichts, dann schließlich ein Zug, dessen spätere Auswirkungen sich vielleicht erahnen lassen. Ein Moderator muss das Brettspiel also kommentieren, auf Augenhöhe mit den besten Köpfen der Welt. Gähn.

Es gibt Ausnahmen. Das Spiel des gerade verstorbenen Bobby Fisher gegen Boris Spassky 1972, das Aufeinandertreffen der beiden Großmächte des Kalten Krieges auf einem winzigen Schachbrett, war so eine Ausnahme (nachträglich hinreißend aufgeschrieben von David Edmonds und John Eidinow in dem Buch “Bobby Fischer Goes to War”). Dieses Spiel verfolgten Millionen – und verstanden vom eigentlichen Spiel doch nicht viel. Oder gar nichts.

Trotzdem berichtet die FAZ (wie auch bei infamy bemerkt) elektrisiert von einem besonders ausgeklügeltem Schachzug – “Ein Kaffeehauszug oder die Bombe des Jahres?” (hier zu lesen auf FAZ.net ). Damit widersetzt sich die FAZ geschickt dem Trend zum besonders bunten, besonders ansprechendem Titelbild und verschafft sich neuen Kredit bei all den Kritikern und konservativen Lesern, die den Einsatz des Bildes auf der Titelseite verdammten und noch verdammen (Große Aufregung um kleine Änderungen bei der FAZ, Oktober 2007).

Das Bild ist übrigens ein Screenshot von FAZ.net, wo die Titelseite der Zeitung jeden Tag angesehen werden kann – wie bei der taz oder Süddeutschen Zeitung auch.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. bosch
    schrieb am 24. Januar 2008 um 21:58 Uhr (#)

    Bei mir hat dieser Schachzug gewirkt. Mir ist das am Kiosk auch sofort ins Auge gesprungen. Muss allerdings gestehen, dass ich aus Gewohnheit trotzdem zum Münchener Konkurrenzprodukt gegriffen habe.

  2. KDB
    schrieb am 25. Januar 2008 um 11:50 Uhr (#)

    Zitat: “wider aller Marktforschung, wider des allgegenwärtigen Trends zum Boulevard”
    Und der Zwiebelfisch hat doch unrecht: Hier ist der Genitiv dem Akkusativ sein Tod. Dz, dz, dz …

  3. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 25. Januar 2008 um 11:57 Uhr (#)

    wider präp. mit akk. – oh ja. oder besser: oh nein. danke!

  4. nils
    schrieb am 25. Januar 2008 um 22:29 Uhr (#)

    tut mir leid, aber ich hab mir nur gedacht: ticken die noch ganz richtig. ich mein, wofür handelt man sich denn den ganzen ärger um 4-farb-bilder ein, wenn man dann ein schachbrett druckt? um die leute zu besänftigen, die die faz eh kaufen? also: neue leser werden die so nicht gewinnen. und in diesem fall ist man versucht zu sagen: gut so!
    dann doch lieber wieder mit frakturschrift als sowas!

  5. arbiter
    schrieb am 26. Januar 2008 um 04:11 Uhr (#)

    Immerhin, weiß, schwarz, rot, soweit gehts ja schon in Richtung 4-Farb-Druck, auch wenn`s vielleicht doch nur ein demonstrativer Vorwand war, man denke. Strategiespiele zwingen nun mal zum Denken, aber auch zum Nachdenken? Eher doch ein Kaffeehaus-Zug.

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