Offen oder geschlossen:
Was ist besser für das Community-Wachstum?

Andreas Göldi, 21. Januar 2008 01:34 Uhr, 12 Kommentare Kommentare

Beim Aufbau von Online-Communities und -Plattformen gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Philosophien, was Offenheit angeht: Traditionell wurde meistens versucht, möglichst schnell möglichst viele User zu gewinnen, und das geht natürlich dann am besten, wenn jeder nach Belieben Mitglied werden kann.

Die Web-2.0-Mentalität scheint aber komischerweise weniger Offenheit zu bevorzugen. Hier sieht man sehr häufig Plattformen, die lange Zeit mit geschlossenen Beta-Phasen arbeiten oder sogar vom Geschäftskonzept her nur auf Einladung hin oder für bestimmte Zielgruppen zugänglich sind. Diese limitierten “Invites” für die Mitgliedschaft auf einer noch geschlossenen Website sind darum oft sehr gesucht. Die Betreiber dieser Communities verteilen oft Einladungen paketweise via A-List-Blogger, um weiteres Interesse zu wecken. Und inzwischen gibt es sogar schon Plattformen wie InviteShare, auf denen man Invites tauschen kann.

Für diese Exklusivität gibt es gute Gründe. Erstens vermeidet man Skalierungsprobleme, wenn nicht gleich das ganze Internet, sondern nur ein paar Tausend Beta-User auf die Plattform losstürmen. Ausserdem weckt Exklusivität zusätzliches Interesse. So ist der Mensch halt: Was man nicht haben kann, ist viel spannender. Der bisher wohl grösste Fall von Exklusivzugang war vermutlich Gmail, das sich überhaupt erst vor kurzem für alle User geöffnet hat. Auch Facebook war bis vor einiger Zeit nur für Studenten mit verifizierbarer Uni-Mailadresse nutzbar.

Aber die Frage ist natürlich, ob sich diese Exklusivität am Schluss auch wirklich in geschäftlichen Erfolg umsetzen lässt. Sicher, theoretisch es ist für manches Geschäftsmodell vorteilhaft, eine klar definierte Zielgruppe zu bedienen, aber in vielen Fällen gewinnt am Schluss rohe Masse.

Schauen wir uns doch mal ein paar Beispiele von offenen und geschlossenen Communities bzw. Plattformen an und fragen uns, wer bisher der Sieger ist:

Social Networking
Offen: MySpace
Geschlossen: Facebook (bis vor kurzem), StudiVZ
Sieger (nach Traffic und Umsatz): MySpace.

Webbasierte E-Mail
Offen: Yahoo, Hotmail
Geschlossen (bis vor kurzem): Gmail
Sieger (nach Anzahl aktiver Accounts): Yahoo

Online-Video, User-generated
Offen: Youtube
Geschlossen: Google Video (alle Videos mussten vor der Publikation von Google freigegeben werden)
Sieger: Youtube

Online-Video, Profi-Content
Offen: iTunes
Geschlossen: Joost
Sieger: iTunes

Microblogging
Offen: Twitter
Geschlossen: Pownce
Sieger: Twitter

VoIP
Offen: Skype
Geschlossen: Google Talk
Sieger: Skype

Fotoplattformen
Offen: Flickr (Alle Fotos für alle)
Geschlossen: SnapFish, Kodak Gallery, SmugMug etc. (Nur eigene Fotos sichtbar)
Sieger: Flickr

Da sehen wir doch ein deutliches Muster: In allen Fällen sind die offeneren Plattformen die Sieger. Natürlich gibt es noch diverse andere Gründe, warum die eine oder andere Plattform gewinnt, und im Zeitverlauf kann sich das auch ändern. Aber man kriegt nicht den Eindruck, dass die “Closed Beta”-Mentalität oder ein Exklusivitätsanspruch hinsichtlich Erfolg beim Enduser wirklich viel bringt.

Geschlossene Communities sind zu Beginn interessant, weil die Exklusivität hohes User-Engagement bringt und für starkes Wachstum sorgt. Sobald aber der Schritt zu breiteren Zielgruppen gemacht wird, rächen sich diese Restriktion oft. Gmail ist ein gutes Beispiel: Natürlich sind alle Insider in der Web- und IT-Community davon begeistert, aber Otto Normaluser hat davon oft noch gar nicht davon gehört. Yahoo, Hotmail und GMX sind mit ihrem von Anfang an auf Massenmarketing angelegten Ansatz sehr viel erfolgreicher.

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12 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Bernd

    schrieb am 21. Januar 2008 um 03:37 Uhr (#)

    Hm Deine Vergleiche sind rein subjektiv :)

    Du vergleichst größtenteils Platzhirsche mit Copycats die Monate oder sogar erst Jahre später gestartet wurden.

  2. valentin

    schrieb am 21. Januar 2008 um 09:05 Uhr (#)

    die vergleiche hinken insofern, als dass die sieger jeweils viel früher starteten, wie bernd das auch schreibt.

  3. mds

    schrieb am 21. Januar 2008 um 09:37 Uhr (#)

    … oder es werden schlicht Äpfel mit Birnen vergleichen, beispielsweise Joost versus iTunes.

  4. Adrian

    schrieb am 21. Januar 2008 um 11:49 Uhr (#)

    IMO kommt es auch stark darauf an, was das Ziel der jeweiligen Plattform ist. Wenn die absolute Menge der User das einzige Ziel ist, so ist ein geschlossenes System vielleicht wirklich nicht die beste Taktik. Andererseits gibt es Plattformen die ganz klar den Qualitätsanspruch vor die Menge der Besucher/Contributer stellen.

    Zur Visualisierung Um ein paar Real-Äpfel-Birnen-Vergleiche: Ist VW erfolgreicher als Porsche weil sie mehr Autos verkaufen? Ist 20 Minuten besser als NZZ weil sie mehr Leser hat?

  5. Andreas Göldi

    schrieb am 21. Januar 2008 um 15:18 Uhr (#)

    @Bernd und Valentin: Es sind nicht nur Copycats. Kodak Gallery (vormals Ofoto) gab es z.B. lange vor Flickr. Aber Flickr ist an all diesen alten Playern mit grosser Offenheit vorbeigezogen.

    @mds: Ich wuerde nicht sagen, dass das Aepfel und Birnen sind. Joost und iTunes wollen beide mit professionellem Content ein Massenpublikum erreichen. Technisch tun sie das etwas anders, aber das Ziel ist identisch.

    @Adrian: Klar, die Ziele koennen verschieden sein. Aber bei den genannten Beispielen ist mir keines bekannt, das ausdruecklich elitaere Ziele verfolgt. Die wollen alle eine breite Masse ansprechen und muessen das wg. ihrem Businessmodell (meist Werbung) groesstenteils auch. Das einzige Gegenbeispiel waere das kostenpflichtige iTunes, das aber immer noch eine groessere Masse an Usern erreicht als die Gratis-Player.

  6. PatRiot

    schrieb am 22. Januar 2008 um 11:04 Uhr (#)

    Im Grunde gibt es eine vermehrte Tendenz zu fehlgeschlagenen Google Labs Entwicklungen. Was auch nicht gerade eine Neuheit ist, Google entwicklet zwar viel aber irgendwie fast nie konsequent genug.
    Oftmal fehlen einigen Produkten dann doch die letztem Prozente. Ich nenn es mal “Liebe”. Als Unternehmer sollte man sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, irgendwie scheint bei Google oftmals irgendein Berater, dass den Leuten zu verklickern. Warum liegen sonst so viele potentielle Appz verottet in Google Labs rum?

  7. Kai Nehm

    schrieb am 22. Januar 2008 um 12:24 Uhr (#)

    In einer offenen Plattform muss der Anbieter aktives Community-Management betreiben, um die Nutzer untereinander zu connecten.

    Beschränke ich den Dienst auf invites, bekomme ich von alleine stark vernetzte User. Da der Mehrwert der Plattform meist über Netzeffekte erzielt wird, verhindere ich so gelangweilte Nutzer.
    Erst mit genügend Content lohnt es sich, das System zu öffnen.

    Für die Vergleiche von unterschiedlich gestarteten Anbietern sollte man mal die Wachstumsraten betrachten.

  8. mds

    schrieb am 22. Januar 2008 um 13:16 Uhr (#)

    @mds: Ich wuerde nicht sagen, dass das Aepfel und Birnen sind. Joost und iTunes wollen beide mit professionellem Content ein Massenpublikum erreichen. Technisch tun sie das etwas anders, aber das Ziel ist identisch.

    Stimmt, so kann man das auch sehen. Eine Gemeinsamkeit ist ausserdem die Notwendigkeit einer speziellen Software.

  9. Claudia

    schrieb am 22. Januar 2008 um 13:26 Uhr (#)

    Kann mich Bernd nur anschließen. Und es fehlt mir dann auch an Perspektive. Der First Mover hat zwar den Vorteil in Sachen Bekanntheit. Weitaus erfolgreicher können dann aber die technisch ausgereiften “Nachmacher” sein. Sowas muss man langfristig sehen. Außerdem gibt es verschiedene Einflußfaktoren, die man nicht per se an “offen” oder “geschlossen” ausmachen kann. Denke ich.

  10. tim

    schrieb am 22. Januar 2008 um 15:17 Uhr (#)

    stöööööhn und gääähn. das ist doch alles viel zu simple betrachtet. zielgruppen, strategien und zielvorstellungen der einzelnen communities nicht berücksichtig… trotzdem mal ganz interessant zu beleuchten..

  11. Thomas Sittig

    schrieb am 22. Januar 2008 um 16:06 Uhr (#)

    eine sehr, sehr subjektive ansicht.
    und ich muss der masse der vorredner anschliessen: entweder fehlen details oder es werden tatsächlich äpfel mit birnen verglichen.

    zum einen, “bis vor kurzem” ist bei dem vergleich sehr oft gefallen. “bis vor kurzem” bedeutet für fast jedes auge und ohr ein ungefährer intervall von 1 bis 3 monate.
    die meisten damit assoziierten plattformen sind aber weit, weiiiiiiiiiiiiiiit darüber hinaus schon “offen” zugänglich (facebook im frühjahr/sommer 2007, gmail weiiiit vorher)

    zu den einzelnen punkten

    >> Webbasierte E-Mail
    Offen: Yahoo, Hotmail
    Geschlossen (bis vor kurzem): Gmail
    Sieger (nach Anzahl aktiver Accounts): Yahoo

    offen, geschlossen? quatsch, einer der hauptgründe fehlt natürlich. nämlich das beide “offenen” plattformen um einige jährchen älter als gmail sind und gerade in den “anfängen” des breiten internetzuganges schon groß aktiv waren

    >> Online-Video, Profi-Content
    Offen: iTunes
    Geschlossen: Joost
    Sieger: iTunes

    toller vergleich: business-musik-und-(noch)-wenig-erfolgreicher-video-service gegen ein service, bei dem es mehr um ip-tv geht. da kann ich gleich eine bt-client mit itunes vergleichen.

    >> Microblogging
    Offen: Twitter
    Geschlossen: Pownce
    Sieger: Twitter

    Pownce ist beta, jünger als twitter und wärend schon der twitter-hall verglühte, auf den markt gekommen

  12. Wolfgang

    schrieb am 23. Januar 2008 um 14:04 Uhr (#)

    wir finden: offen ist besser ;-) und haben gute Erfahrungen damit gemacht.


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