Muss man Joost noch immer mögen?
Von Martin Weigert am 20. Januar 2008 um 12:44 Uhr Kommentare (1)
Kategorien: Analysen
Die Zukunft des vor einem Jahr mit viel Aufmerksamkeit gestarteten Internet-TV-Dienstes Joost ist ungewiss. Bis auf einige Negativmeldungen ließ sich in letzter Zeit nicht viel von dem einst so hoffnungsvoll und ambitioniert lancierten Projekt vernehmen. Bei Medienkonvergenz und Silicon Alley Insider gibt es gute Zusammenfassungen der eher bescheidenen Entwicklung von Joost. Auch NewTeeVee macht sich Sorgen um das Projekt der Skype-Gründer Niklas Zennström und Janus Friis und schlägt fünf Maßnahmen vor, die Joost retten könnten. Wie viele andere war ich zu Beginn der geschlossenen Beta-Phase im Frühjahr 2007 begeistert von der Art, wie Joost Inhalte über eine fernseherähnliche Desktop-Applikation inklusive Programmguide zu mir auf den Bildschirm brachte. Im April veröffentlichte ich zehn Thesen, unter deren Voraussetzung man Joost einfach mögen muss. Die Zeit ist reif, diesen Artikel noch einmal aus der Schublade zu holen und zu schauen, in welchem Licht diese Thesen heute dastehen.
1. Einfaches und kostenloses Video-on-Demand für alle
Hieran hat sich nichts geändert. Joost ist nach wie vor kostenlos und mittlerweile auch ohne Einladung für jeden zugänglich.
2. “Annotated Television” - Fernsehen und Social Networking
Ich hatte mir erweiterte Funktionen erhofft, die über die programmspezifische Chatfunktion hinausgehen. Getan hat sich bis heute außer einer Instant-Messager-Integration für Jabber und Google Talk nichts.
3. Mehr Programmvielfalt
Joost wirbt mit 20.000 TV-Shows. Aus quantitativer Sicht kann man durchaus von Vielfalt sprechen. Was die Qualität betrifft, leider nicht. Der Großteil der verfügbaren Sendungen ist belangloses Material, für das ich niemals den Fernseher einschalten würde. Der recht schwerfällige Joost-Client bleibt daher meist aus. Wenn ich mich dann doch einmal kurz berieseln lassen möchte, ist YouTube die bessere, da schneller erreichbare Wahl. Der Content ist zweifellos Joosts größtes Manko: Top-Serien, wie sie Hulu bietet (siehe hier), oder gar Filme gibt es (bis auf einige Ausnahmen) nicht.
4. Nervfreie Zone
Theoretisch nach wie vor ein Vorteil von Joost gegenüber linearem Fernsehen, bei dem man das sehen muss, was einem vorgesetzt wird. Allerdings steht Joost mit diesem Produktvorteil nicht alleine da – alle anderen Videoportale und Internet-TV-Dienste bieten ihn auch. Wirklich zur Geltung gekommen wäre dieser Aspekt, hätte sich Joost durchgesetzt und wäre es ein Massenphänomen geworden, das tatsächlich für jeden den passenden Inhalt bietet. Im Moment aber ist es schwierig, bei Joost überhaupt Sendungen zu finden, die einem nicht auf die Nerven gehen.
5. Eine reine Weste und nie wieder Abmahnungen
Auch dieser Punkt ist theoretisch erfüllt. Wer Joost nutzt, begibt sich nicht in die Illegalität. Solange man aber keine aktuellen Qualitätsserien und -filme abrufen kann, hat dieser Aspekt keine Relevanz. Für Nutzer von P2P-Tauschbörsen fehlt der Anreiz, lieber Joost zu gucken, statt urheberrechtlich geschütztes Material herunterzuladen.
6. Behavioural Targeting - Werbung, die einen wirklich interessiert
Nach wie vor ein interessanter Punkt. Richtig profitieren können Joost, Werbetreibende und Zuschauer davon aber erst, wenn Millionen Menschen weltweit regelmäßig den Dienst nutzen und er damit als Werbekanal für Unternehmen interessant wird. Die Spots, die mir im Moment aufgetischt werden, wirken nicht sonderlich gezielt.
7. Entdecke die Möglichkeiten
Eigentlich müsste es verlockend sein, bequem durch all die verfügbaren Joost-Channels zu zappen. Angesichts der unzähligen, belanglosen Programme macht es in Wirklichkeit aber überhaupt keinen Spaß. Die Lust am Zappen hängt maßgeblich von der Qualität der Inhalte ab.
8. Premium-Content für den, der ihn wünscht
Noch immer bin ich überzeugt davon, dass sich ein zusätzliches Premium-Angebot mit aktuellen Bezahlfilmen innerhalb des Clients lohnen würde. Zwei- bis dreimal pro Monat schaue ich mir einen kostenpflichtigen Film bei einem Video-on-Demand-Anbieter an. Hätte ich die Möglichkeit, dies bei Joost zu tun - ich würde es machen, wo ich Joost doch sowieso installiert habe.
9. Globales Angebot
Zwar ist das Programmangebot seit dem Start von Joost erheblich gewachsen und auch internationaler, aber deshalb nicht interessanter geworden. Für Untertitel gibt es mittlerweile eine Applikation namens subjoost, die man als Widget hinzufügen kann. Die Zahl verfügbarer Untertitel ist allerdings noch äußerst gering.
10. Kazaa, Skype und jetzt Joost!
Niklas Zennström und Janus Friss haben sich vor Joost mit Kazaa und Skype einen Namen gemacht. Noch ist Joost nicht begraben, von daher muss man mit voreiligen Schlussfolgerungen vorsichtig sein. Vielleicht (und nur vielleicht) wird aber doch nicht alles zu Gold, was die beiden anfassen. Noch bleibt ihnen aber etwas Zeit, die Internetgemeinde vom Gegenteil zu überzeugen.
Fazit: Bisher hat Joost das Potential, das in dem Dienst steckt, nicht genutzt. Masse ist nicht gleich Klasse. Ganz aufgeben möchte ich meine Hoffnung, dass aus Joost doch noch ein Erfolg wird, aber nicht.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
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Ein Kommentar
Ohne Top-Titel ist Joost wirklich uninteressant, jedoch denke ich, dass dies, zumindest in Deutschland mit der GEMA zusammenhängt und sie eventuell nicht die Extra-Gebühren aufbringen wollen, es ist ja auch noch umstritten, inwieweit es legal ist das aufgenommene MAterial dann der Masse verfügbar zu machen, aber ich persönlich sehe Joost schon als gestorben an, obwohl es vorher anders schien. Dieser andere Dienst BlackFurine (oder so ähnlich) hat es ja auch nicht auf die Reihe bekommen, auch wenn dies vllt auch nur ein Marketing-Gag war.
Und wenn ich Top-Titel gugn will, dann bleibt da immernoch der OnlineTvRecorder, welcher das Fernseh-Programm aufnimmt und ich die Filme dann schön bequem per Mirror-Verbund laden kann, natürlich geht der on-demand Effekt verloren, da Filme nur eine begrenzte Zeit gespeichert bleiben und ich erst alles runterladen muss, jedoch habe ich dann aktuelle Top-Titel und das sogar in Spitzen-Qualität.
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Tobias Petry
schrieb am 20. Januar 2008, 13:44 Uhr (Permalink zum Kommentar)