Helen aus der Zeitung

Wer ist eigentlich Helen Mirren? Die Schauspielerin im Interview über Image und Identität. Ein Lesetipp.

In der Süddeutschen Zeitung interviewt Alexander Gorkow die britische Schauspielerin Helen Mirren. Dabei ergibt sich eine wundervolle Szene über Selbstbild und Fremdwahrnehmung:

Helen Mirren: … Wir sind halt nicht nur so, wie wir uns selbst sehen.
Alexander Gorkow: Sondern?
Sondern auch so, wie andere uns sehen. Ich habe das für mich akzeptiert, seitdem geht es mir gut. Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht nur die Helen bin, die ich im Spiegel sehe – sondern auch die Helen aus dem Bericht in der Zeitung, die mir im ersten Moment sehr fremd ist.
Was? Gilt das für alle Menschen?
Natürlich. Für mich. Für die Agentin draußen auf dem Flur. Für Sie.
Ich bin, was andere in mir sehen? Das ist absolut nicht akzeptabel!
Doch, doch, Sie müssen es akzeptieren! Auch aus der Sicht anderer setzen Sie sich zusammen, nicht nur aus der eigenen. Ich zum Beispiel habe gerade ein Bild von Ihnen, das womöglich nicht dem entspricht, was Sie selbst von sich haben.
Aha.
Ja, ja.
Und was soll ich nun machen?
Einfach akzeptieren, dass Ihre Sicht auf sich selbst nicht die einzige ist. Man nimmt sich selbst dann nicht mehr so wichtig. Das macht das Leben leichter.

Was für ein Interview! Hier werden die Quellen von Identität diskutiert, mal eben nebenbei wird der geneigte Leser eingeladen, über die Wirkung öffentlicher Wahrnehmung und den Einfluss der Medien nachzudenken. (Und nebenbei, wie sehen sich eigentlich Jugendliche, die pausenlos als gewalttätige Versager abgetan werden?) Die Idee, dass die eigene Identität sich nicht allein aus dem Selbstbild speist, sondern ebenso von der Fremdwahrnehmung beeinflusst wird, findet sich zum Beispiel beim amerikanischen Philosophen George Herbert Mead.

Die nächste Frage ist dann, wie passend, einfühlsam, aufrichtig sie auch immer sein mag, etwas merkwürdig. Wer Helen Mirrens Exkurs in die Philosophie gedanklich nicht folgen konnte, wer nicht um Mead weiß, muss aufgrund der nächsten Frage Angst um die arme Frau haben. Andersrum funktioniert es genauso: Wer seinen Mead gelesen hat aber nicht um Alexander Gorkows Hintergrund weiß, muss seine nächste Frage für den Ausdruck großen Unverständnisses halten. Dabei hat er nicht nur viele phantastische Interviews geführt, sondern auch Philosophie studiert. Er fragt also:

Waren Sie mal in einer Analyse?

(Das macht aber nichts, das Interview geht ohne Schaden weiter.)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. arbiter
    schrieb am 21. Januar 2008 um 00:47 Uhr (#)

    DER Lesetipp: Glatt zu spät wg. vollständiger Lesung von gestern. Angst hatte ich in dem Interview eigentlich um Alexander Gorkow. Die schöne Helene hätte doch erwarten dürfen, selbst wenn der Philosophiestudent Gorkow seinen Mead nicht kennt, er werde wenigstens dem Gespräch und der Logik folgen. Statt dessen dieses wundervolle “Was? Gilt das für alle Menschen?” Und der Rest zum gleichen Thema mit “Mmh, aha…,Aha, Und was soll ich jetzt machen?”, einfach köstlich! Gorkows Frage “Waren Sie mal in einer Analyse”, dieses vollständige Bekenntnis von Unverständnis, eigentlich keine kleine Unverschämtheit. Helen Mirren ist zum Glück eine schlagfertige Frau, obwohl sie nicht ausholt. Aber das alles gedruckt zu sehen, doch, das hat was.

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