Archive offen:
Wissen ist mächtig

Die Archive von Focus und Zeit stehen kostenlos im Netz, der Spiegel folgt im Frühjahr. Neben mehr Werbeplätzen schaffen sich die Verlage so auch ein höheres Ansehen: Ihre Inhalte werden durchsucht, verlinkt und zitiert.

Focus Bürger-King
Wissen, was wichtig war: Helmut Kohl, der Bürger-King (Focus 34/1994)

Die Texte aus 15 Jahren Focus sind im Archiv kostenlos abrufbar. Bilder und vor allem Infografiken, für deren inflationären Einsatz das Nachrichtenmagazin sich einen Ruf erworben hat, haben es nicht mit in die digitale Verfügbarkeit geschafft. Währenddessen kosten die Artikel in Datenbanken immer noch zwischen 1,37 und 2,60 Euro (siehe Tabelle).

Bei der New York Times stellte man fest, dass Besucher immer mehr über Suchmaschinen und Blogs direkt Zugriff auf einzelne Artikel suchten. Bis zum September 2007 führte das nur selten zum gewünschten Text, das Angebot der Zeitung versteckte sich hinter einem “pay wall”. Wer auf die Angebote zugreifen wollten, musste bezahlen.

“The business model for advertising revenue, versus subscriber revenue, is so much more attractive”
Colby Atwood, Borrell Associates

Die New York Times verdiente mit ihrem kostenpflichtigen Angebot “Timesselect” rund zehn Millionen Dollar im Jahr, 227.000 Kunden zahlten für Zugang. Mit diesem Geld, unken Spötter, könne die NYT nicht mal die Stromrechnung bezahlen. Der “pay wall” schien kein Konzept für die Zeitung der Zukunft zu sein. Also wurde das Archiv geöffnet. Online-Werbung, so die Rechnung, lohnt sich mehr. Das ist die eine Seite. Harte Zahlen.

Viel interessanter ist, was sich nicht in nüchternen Zahlen ausdrücken lässt. Aus den freigegebenen Archiven finden die dort dargestellen Vorgänge und Tatsachen ihren Weg in die Datenbanken der Suchmaschinen. Wenn Schüler, Studenten und Journalisten etwas herausfinden wollen, greifen sie ebenso häufig zu Google, wie sie zum Telefonhörer greifen oder in die nächste Bibliothek fahren. Wahrscheinlich schlagen sich einige ganz mit Google durchs Leben, aber das sind Spekulationen.

“Wer in den Ozean der Fakten hinabtaucht, stößt auf wunderbare Schätze”
Jochen Wegner, Focus Online

Weil die Texte von Zeit und Focus einfacher zu recherchieren sind, werden diese Artikel öfter gelesen und zitiert – das steigert womöglich das Ansehen der Marke. Vor allem aber prägt die Herangehensweise an Geschichten und (politische) Sicht auf das Geschehene das kollektive Gedächtnis. Wie sieht Geschichte aus, wenn sie nur von der Zeit erzählt wird? Welche Themen kommen vor, welche werden vernachlässigt?

Ein wichtiger Gedanke oder Text, der in einer alten Zeitungsausgabe hinter einem “pay wall” liegt oder gar in einem Buch in einer Bibliothek, wird immer noch erinnert werden. Aber so wie Freiwillige die Wikipedia füllen, um nur ein Beispiel zu nennen, immer auf der Suche nach Belegen und Quellen, werden sie zwangsläufig auf die geöffneten Archive stoßen und aus diesen zitieren. Nicht alles dort muss richtig sein.

Zugang endlich auch für Laien

Journalisten in Verlagen, Mitarbeiter großer Firmen und Studenten an finanzstarken Universitäten haben meistens ohnehin Zugang zu Pressedatenbanken. In denen wird mehr oder weniger vollständig gesammelt, was es ständig zu berichten gibt. Ein kostspieliges Unterfangen, weswegen der Zugriff eine Menge Geld kostet. Wer nicht gerade mit viel Zeit hat, um in Bibliotheken zu recherchieren, muss tief in die Tasche greifen. Für Laien kaum bezahlbar. Für freie Journalisten kaum bezahlbar.

Ein paar Beispiele: Die Gruner+Jahr Pressedatenbak kostet Geld, bezahlt wird pro Aufruf eines Artikels. Der kostet dann 1,28 Euro, ebenso eine Grafik, bestimmte Quellen sind teurer. Süddeutsche Zeitung 2,50 Euro, Frankfurter Allgemeine Zeitung 2,90 Euro).

Focus-Cover
Focus-Dauerbrenner: Berlin und kriminelle Ausländer

Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gibt es einen “Freizeittarif” von 20 bis 8 Uhr und am Wochenende, ein Artikel ohne Grafik kostet einen Euro, mit Grafik einen Euro mehr. Im “Normaltarif” sind es zwei bzw. drei Euro. Alternativ können Pakete mit 100 Artikeln (39-54 Euro) im Jahr oder fünf pro Monat (19,90 Euro) gekauft werden.

Bei der Süddeutschen Zeitung gibt es eine eigene Datenbank: “MedienPort”, die Süddeutsche seit 1992, viele andere Quellen seit der Jahrtausendwende. Ein Artikel aus Focus kostet hier 1,85 Euro, einen Text aus der Süddeutschen gibt es für 1,54 Euro, ein Text aus Bunte 2,26 Euro.

Der Zugang zu den letzten beiden Jahrgängen der Süddeutschen heißt “SZ AboArchiv” und kostet für drei Monate 15 Euro – wenn man schon Abonnement ist und nur nackten Text bestellt. Sonst sind es 60 Euro. Drei Monate PDF-Seiten ansehen kostet 30 (bzw. 120) Euro. Der Zugang für ein ganzes Jahr ist günstiger.

Was kostet ein Artikel aus Spiegel oder Focus? (Euro)
Genios 2,38 mindestens 7,14 Euro brutto im Monat
Factiva
Reuters, DowJones
2,01 Zugang kostet 47 Euro im Jahr
LexisNexis Wirtschaft 0,68–8,19 laut Wikipedia, keine Preise online
PMG Presse Monitor 2,60 Grundgebühr 50 Euro (zzgl. MwSt.) im Monat, wird mit Artikeln verrechnet, nur die letzten beiden Ausgaben
MedienPort
Süddeutscher Verlag
1,85 mindestens 10 Euro im Monat
G+J Pressedatenbank 1,37 mindestens 5,20 Euro im Monat, pro Suchergebnis auf Trefferliste 0,14 Euro
Der Spiegel 0,50 nur Spiegel
Focus - nur Focus, Titelthema neuerer Ausgaben als PDF für 0,80 Euro

Quellen

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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6 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 19. Januar 2008 um 13:16 Uhr (#)

    Bei der New York Times stellte man fest, dass Besucher immer mehr über Suchmaschinen und Blogs direkt Zugriff auf einzelne Artikel suchten. Bis zum September 2007 führte das nur selten zum gewünschten Text, das Angebot der Zeitung versteckte sich hinter einem ?pay wall?. Wer auf die Angebote zugreifen wollten, musste bezahlen.

    ? heute muss man nicht mehr bezahlen, aber eine Anmeldung ist notwendig. Zum Glück gibt es BugMeNot.com! :)

  2. mds
    schrieb am 19. Januar 2008 um 13:17 Uhr (#)

    In der Schweiz warten die Archive der grossen Zeitungen leider weiter auf ihre «Befreiung». Wie zurückhaltend man hierzulande noch ist, zeigt auch FACTS ? die Zeitschrift wurde eingestellt, das Archiv aber bleibt verschlossen ? :(

  3. arbiter
    schrieb am 20. Januar 2008 um 22:32 Uhr (#)

    Als eher unbedarfter Archivnutzer hatte ich 2006 wg. eigener Dusseligkeit -die Altpapiertonne!- Anfragen an zwei Tageszeitungen nötig. IT mit “pay-wall” ist nicht mein Ding, also habe ich mir die benötigten Artikel als Seitenkopie besorgt. Ganz schön happig: in einem Fall 60,00 ?, im anderen 90,00 ?. Na gut, als “Betriebsausgaben” absetzbar, aber doch eine Größenordnung. Wie wird er aussehen, der “kostenlose” Archivzugang? Wird nicht letztlich für den Artikel doch zu zahlen sein? Oder geht es nur um Klick-Steigerung für Werbetarife? Richtig spannend wird`s aber erst, wenn sich bei Springer die Türen öffnen. Wer soll sich durch all die Enten und Fakes nach was durchkämpfen? Jochen Wegner von Focus Online träumt: “Wer in den Ozean der Fakten hinabtaucht, stößt auf wunderbare Schätze”. Fakt ist, einer der Miterfinder des Web behauptet: “Das Web ist ein großer Schrotthaufen. Hin und wieder findet man dort eine Perle.” Ließe sich durchaus befürchten, der Überblick wird verloren gehen und/oder noch ganz anderen Mechanismen Tür und Tor geöffnet.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 20. Januar 2008 um 23:06 Uhr (#)

    Die Bloggers werden sich schon durch die Archive graben: Gems from the archive of the New York Times

  5. arbiter
    schrieb am 21. Januar 2008 um 00:53 Uhr (#)

    Die Grabungen sind das wenigste, meinte schon Schliemann. Die Funde! Und der Umgang damit. Und wer sich das alles wieder aneignen, unter den Nagel reißen und sonstwie damit wuchern wird. Da vergißt man dann vielleicht doch die Differenzierung zwischen echt und falsch und pseudo.

  6. arbiter
    schrieb am 21. Januar 2008 um 01:03 Uhr (#)

    @ OLE: Danke für den Link! Paul Krugmann und “Don`t Cry for Me, America”
    war den Besuch wert!

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